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"Arbeiten im Ausland hat mich flexibler gemacht"

Schweden (Quelle: freeimages.com, marmit)

Quelle: freeimages.com, marmit

Schwedische Arbeitskollegen sind im Sommer vier Wochen nicht im Büro erreichbar, weil sie Ferien am Meer machen. Arbeitet man in den USA, hat man schon nach einer Woche Urlaub das Gefühl, wichtige Projektfortschritte zu verpassen. Ulf Meiertoberens hat in beiden Ländern für Roche gearbeitet und findet, dass auch die Rückkehr nach Deutschland fast eine weitere Entsendung ist.

Ist ein Auslandsaufenthalt förderlich für die Karriere?

Nicht immer, es kommt darauf an. Manche kommen zurück in die "Heimat" und finden unter Umständen keinen interessanten Job. Ein Auslandsaufenthalt kann ein Türöffner für gewisse Positionen in einem Unternehmen sein, muss es aber nicht. Manchmal ist ein Auslandsaufenthalt fachlich relevant, manchmal auch nur eine Station, die man durchlaufen sollte, um sich für weitere Aufgaben zu qualifizieren. Mir wurde zum Beispiel empfohlen, für einige Jahre eine Ländergesellschaft zu leiten. Eine Auslandsstation ist nicht die einzige Voraussetzung, um Karriere in einem Unternehmen zu machen - aber oft ein wichtiger Baustein.

Welche Position haben Sie bei Roche, wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Seit meiner Rückkehr nach Deutschland bin ich verantwortlich für das Produktportfolio-Management des Geschäftsbereichs Diabetes Care (Blutzuckermessgeräte und Insulinpumpen für Diabetiker). Unser Team analysiert und bewertet, welche Produkte wir in Zukunft entwickeln und anschließend vermarkten sollten, um unsere Umsatz- und Gewinnziele zu erreichen. Dafür bewerten wir künftige Investitionen hinsichtlich ihrer Attraktivität und stimmen die Vielzahl der Produkteinführungen auch zeitlich ab. Im Großen und Ganzen geht es vor allem um strategische Themen.

In welchen Ländern waren Sie schon für Roche?

Ich war als Projektleiter für zwei Jahre (2005 – 2007) in Indianapolis (USA) und dort verantwortlich für die Entwicklung ein neues Blutzuckermessgerätes. Im Anschluss sind wir direkt nach Schweden umgezogen, wo ich das dortige Diabetes-Care-Geschäft geleitet habe.

Als ich 2004 bei Roche angefangen habe, hätte ich nicht gedacht, dass ich schon ein Jahr später in die USA gehen würde. Nach dem Aufenthalt in den USA war mein Plan eigentlich, wieder zurück nach Deutschland zu gehen. Aber da ich noch eine Ländergesellschaft leiten sollte, habe ich mit meinem Mentor damals entschieden, einen weiteren Auslandsaufenthalt gleich dranzuhängen. Ich hatte etwas Einfluss auf die Auswahl des Landes und konnte Wünsche äußern, da meine Familie und ich gerne in einem Land arbeiten und leben wollten, in dem man mit Englisch gut zurechtkommt. Wir waren dann bis 2010 für insgesamt drei Jahre in Schweden.

Wie unterscheidet sich die Arbeitskultur in Schweden und in den USA von der deutschen?

In den USA haben die Mitarbeiter relativ wenig Urlaub. Ein Projektteam arbeitete fast immer auf vollen Touren mit Ausnahme von Weihnachten und Thanksgiving. Wenn man auch nur eine Woche Urlaub machte, hatte man das Gefühl, wichtige Dinge zu verpassen. Ebenso ist der Abstimmungsbedarf unter amerikanischen Kollegen recht groß. Der Grund ist, dass man häufig versucht, die verschiedenen Meinungen aller Teammitglieder unter einen Hut zu bringen. Das führt in vielen Fällen zu Kompromissen, die im Umfeld eines Projektes nicht immer optimal sind.
Auch ist das Feedback von amerikanischen Kollegen – wenn man keine Erfahrung hat - nicht immer einfach zu verstehen. Kommentare wie "That's interesting" oder "That's different" sind kein positives Feedback, wie man zuerst denken mag. Vielmehr handelt es sich um eine negative Rückmeldung, denn Amerikaner sind Meister darin, Kritik nett zu verpacken.

Und in Schweden?

Was den Urlaub angeht, war es dort genau das Gegenteil: Alle Schweden gehen im Juli vier Wochen in Urlaub. Dann ist keiner mehr daheim, einige Geschäfte sind sogar geschlossen oder verkaufen nur noch das halbe Sortiment. Viele – sowohl die Mitarbeiter als auch die Kunden – verbringen die Sommerferien in einer Hütte im Wald, auf dem Boot, oder am Meer. Das ist super, denn man kann auch als Chef im Sommer relativ lange Urlaub machen und richtig abschalten.

Bei der Zusammenarbeit mit den Kollegen gibt es auch Unterschiede. Wenn in Schweden eine Abteilung gute Arbeit macht, wird erwartet, dass nicht einzelne Personen sondern immer das gesamte Team gelobt wird. Es wird nicht gerne gesehen, dass einzelne Mitarbeiter – auch wenn gerechtfertigt - herausgehoben werden. Die Schweden sind auch sehr direkt in ihrer Kommunikation. E-Mails an einen nicht persönlich bekannten Kollegen können schon mal aus nur einem Satz bestehen, was zum Beispiel bei einem amerikanischen Kollegen schnell zu Missverständnissen und Verärgerung führen kann.

Wie sieht es mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Schweden aus?

In fast allen Familien arbeiten beide Partner Vollzeit und teilen sich die Betreuung ihrer Kinder – auch für die Väter ist es eine Selbstverständlichkeit, nach der Geburt Elternzeit in Anspruch zu nehmen. Nimmt man als Mann die Elternzeit nicht, wird man von Arbeitskollegen und Freunden schon mal schräg angeschaut.

Kinder haben einen hohen Stellenwert, aber weil beide Elternteile arbeiten, ist es nicht immer einfach, Beruf und Familie zu koordinieren: Für deutsche Verhältnisse verlassen die Kollegen relativ früh ihren Arbeitsplatz verlassen, um ihre Kinder von der Schule oder vom Kindergarten abzuholen. Oder sie kommen später ins Büro, wenn sie ihre Kinder morgens in den Kindergarten oder die Schule bringen müssen.

Darauf muss man sich einstellen. Zum Beispiel sollten vor 9 Uhr morgens oder nach 15.30 Uhr keine Meetings beginnen, wenn man Wert darauf legt, dass alle Teilnehmer auch anwesend sind. Das macht Telefonkonferenzen oder die Zusammenarbeit mit Kollegen aus anderen Ländern etwas schwierig. Wenn man sich daran gewöhnt hat, klappt es aber trotzdem ganz gut. Die Kollegen sind sehr flexibel  und bereit, auch abends von zu Hause aus zu arbeiten, wenn Bedarf besteht.

Wie hat sich Ihre Familie in der neuen Umgebung eingewöhnt?

Als wir in die USA umgezogen sind, waren unsere beiden Kinder drei Monate und drei Jahre alt – ein ideales Alter für einen Auslandsaufenthalt. Da meine Frau Lehrerin ist, konnte sie sich beurlauben lassen und hatte die Garantie, nach unserem Auslandsaufenthalt wieder als Lehrerin einzusteigen. Ein wirklich großer Vorteil für uns.

In den USA waren wir sehr gut in unserer Nachbarschaft integriert und haben schnell neue Freunde gefunden, zu denen wir immer noch Kontakt haben. Die ganze Familie hat sich schnell eingewöhnt und Roche hat uns dabei in vielfältiger Weise unterstützt. Gerade für meine Familie waren die guten sozialen Kontakte der wichtigste Grund, warum es ihnen so gut in den USA gefallen hat. Für mich war das natürlich etwas einfacher, denn ich hatte ja meine Kollegen und war den ganzen Tag mit meiner Arbeit beschäftigt.

In Schweden war die Situation etwas anders: Da unsere älteste Tochter das Kindergartenjahr in der USA noch beenden sollte, war ich die ersten zwei Monate alleine in Stockholm. Der Vorteil war, dass ich alle wichtigen Dinge für meine Familie vorbereiten, ein Haus suchen und mich relativ schnell in meine neue Aufgabe einarbeiten konnte.

Nach der Ankunft in Stockholm war die Eingewöhnung in Schweden für die Familie nicht ganz so einfach wie in der USA. Nach zwei Jahren in den USA hatten wir uns doch schon an amerikanische Standards gewöhnt. Die Häuser in Schweden sind sehr viel kleiner, eine Garage für das Auto gibt es meist auch nicht, das Sortiment im Supermarkt ist sehr viel kleiner, die Winter sind dunkel, die Sommer ist viel kürzer, das Thema "Service" ist nicht ganz so wichtig … um nur einige Punkte zu nennen.

Ebenso kannte meine Familie Schweden noch gar nicht und natürlich sprachen wir auch noch kein Schwedisch. Man kommt in Schweden mit Englisch zwar sehr gut zurecht, aber auf Behörden, wenn man Post vom Internetanbieter erhält oder wenn man in der Telefonschleife des Stromanbieters hängt ist es von Vorteil, wenn man Schwedisch lesen kann oder zumindest etwas versteht.

Im Gegensatz zu den USA hatten wir in Stockholm weit weniger Kontakt zu unseren schwedischen Nachbarn. Zum einen leben die Schweden eher zurückgezogen, haben auf Grund der beruflichen Belastung weniger Zeit und verbringen viel Zeit in ihrem Ferienhaus. Außerdem waren die Kinder in unserer Nachbarschaft einige Jahre älter als unsere Kinder. Da unsere Kinder die Britische Schule besucht haben, hatten wir fast nur Kontakt zu anderen internationalen Familien, ganz im Gegensatz zu unserer Zeit in den USA.

Was haben Sie während Ihrer Zeit im Ausland gelernt?

Es war sehr interessant, in den USA und in Schweden die Unterschiede zum Arbeitsalltag in Deutschland kennenzulernen. Ich glaube, dass ich in meiner Einstellung flexibler geworden bin, weil ich mich sowohl in den USA als auch in Schweden auf diese Unterschiede einstellen musste. Meiner Meinung ist es wichtig, dass man sich nicht zu hundert Prozent diesem Umfeld anpassen sollte. Man muss aber diese Unterschiede erkennen und zu einem gewissen Grad akzeptieren.

Da ich selbst erlebt habe, was es heißt, im Ausland zu arbeiten, kann ich sehr gut verstehen, mit welchen Herausforderungen ausländische Kollegen konfrontiert sind, wenn sie nach Deutschland kommen. Aufgrund meiner Erfahrung fällt es mir dann natürlich auch leichter, zu helfen und Ratschläge zu geben.

Wie war die Rückkehr nach Deutschland?

Wir sind im August 2010 nach Deutschland zurückgekehrt, aber in einen neuen Ort gezogen, an dem wir interessanter Weise zu Beginn wieder "Fremde" waren. Die Eingewöhnung lief besser als gedacht. Die Einschulung der Kinder hat sehr gut funktioniert und meinen Töchtern gefällt es sehr gut in unserer neuen Nachbarschaft. Auch meine Frau ist ganz glücklich, denn sie unterrichtet wieder an ihrer alten Schule.

Man darf nicht unterschätzten, dass nach vielen Jahren im Ausland die Rückkehr nach Deutschland fast schon wie eine neue Entsendung ist. Man muss sich ein Haus suchen, zieht eventuell in eine neue Nachbarschaft oder Stadt, man muss Schulen für die Kinder anschauen, Sportvereine ausfindig machen, neue Freunde finden, sich also wieder ein neues Umfeld aufbauen.

Beruflich hatte ich Glück, die Entsendung hat sich gelohnt: Mein alter Chef, der mich in die USA geschickt hatte, hat mich wieder zurückgeholt. Er hat eine neue Stelle für mich geschaffen, eine spannende Aufgabe mit viel Kontakt zum Top-Management.

Mein abschließender Tipp: Wenn man im Ausland arbeitet, sollte man rechtzeitig an die Rückkehr denken, auch wenn sie erst in einigen Jahren ansteht. Aus diesem Grund ist es zum einen wichtig, den Kontakt zum Entsendungsstandort und den Kollegen aufrechtzuerhalten. Aber ebenso ratsam ist es, die Erfolge der eigenen Arbeit im Ausland in der Heimat zu "verkaufen". Denn nur dann gerät man nicht in Vergessenheit und schafft somit die Voraussetzung, dass der Auslandsaufenthalt die Karriere positiv beeinflusst.

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Kommentare (2)

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  1. Simone Stahringer

    Liebe Frau Glantschnig, Ich lebe selbst seit 4 Jahren in den USA. Ich kenne die Verhaeltnisse in Schweden nicht, doch im Vergleich zu Deutschland wird hier viel mehr gearbeitet. Mit besten Gruessen, Simone Stahringer

  2. Christina Glantschnig

    Work-Life-Balance - besser in Schweden oder den USA?

    Sehr geehrter Herr Meiertoberens, was würden Sie sagen: ist die Work-Life-Balance in den USA schlechter als in Schweden? Oder gleicht sich der vermehrte Urlaub in Schweden mit den vl. kürzeren Arbeitszeiten in den USA aus? Oder ist es allgemein so, dass man in den USA viel mehr arbeitet und (fast) keine Freizeit mehr hat? MfG, Christina Glantschnig

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