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"Mama ist gerade in der Sockenkonferenz"

Spielende Kinder, Vereinbarkeit von Kindern und Beruf [Quelle: unsplash.com, Jenn Evelyn-Ann

Quelle: unsplash.com, Jenn Evelyn-Ann

Zwei Kinder, beide Eltern arbeiten Vollzeit: Kann das funktionieren? Sehr gut, findet Tanja Marcelot. Sie ist Projektleiterin bei Bosch und erklärt im Interview, warum sie sich in der Elternzeit unterfordert fühlte – und was eine Sockenkonferenz ist.

Familie und Beruf vereinbaren – wie funktioniert das bei Ihnen, Frau Marcelot?

Es ist alles eine Frage der Organisation. Wichtig ist, dass man ausprobiert, was für die eigene Familie funktioniert. Mein Mann und ich arbeiten beide Vollzeit, das ist nicht immer ganz einfach. Ich habe in diesem Jahr auf 40 Stunden aufgestockt, davor waren es allerdings auch schon 35 Stunden. Früher haben wir praktisch in Schichten gearbeitet: Ich bin schon um 6 Uhr morgens in die Arbeit gefahren, mein Mann hat die Kinder in die Kita gebracht und ist danach ins Büro gegangen. Fürs Abholen um 16 Uhr war ich dann zuständig.

Und wie läuft es jetzt, wo Sie Vollzeit arbeiten?

Mit der Erhöhung meiner Arbeitszeit wurde meine Teilprojektleiter-Stelle erweitert. Das bedeutet, dass auch später am Tag noch Besprechungen anstehen oder andere wichtige Termine. Unsere Kinder sind deshalb bis 16 oder 17 Uhr im Hort und kommen bei Bedarf auch mal allein nach Hause. Außerdem haben mein Mann und ich glücklicherweise flexible Arbeitgeber, sodass wir die Kinder zweimal die Woche nachmittags zum Sport und Schwimmtraining bringen können. Am Mittwoch verlasse ich das Büro um 15.30 Uhr, fahre meine Kinder zum Sport und arbeite von dort aus weiter. Ich mache zum Beispiel im Umkleideraum Telefonkonferenzen – die heißen bei uns familienintern Sockenkonferenzen, weil es in Garderoben ja gerne mal ein bisschen müffelt. Natürlich muss ich dabei auf den Datenschutz achten; es darf mir zum Beispiel niemand zuhören. Aber meine Kollegen haben kein Problem damit, dass ich mich von unterwegs zuschalte.

Welche Unterstützung bietet Bosch Mitarbeitern mit Kindern an?

Bosch ermöglicht es mir, zeitlich flexibel zu arbeiten. Im Juni und Juli war ich zum Beispiel relativ viel im Büro, dafür habe ich im August und September fünf Wochen frei gehabt – das lief über Zeitausgleich. Auch wenn mal ein Fest in der Schule ansteht oder andere wichtige Termine, kann ich früher gehen oder an diesem Tag im Home-Office arbeiten. Es ist super, dass ich auch örtlich flexibel bin. Ich kann meine Home-Office-Zeiten frei planen und muss sie nicht offiziell genehmigen lassen. Dafür trage ich die Termine einfach in den Kalender ein und informiere meine Kollegen, falls nötig. Natürlich muss ich darauf achten, dass ich die Arbeit schaffe und sie auch wirklich außerhalb des Büros erledigen kann. Aber unsere Vorgesetzten vertrauen uns. Auch meine Kollegen nutzen diese Möglichkeiten. Bosch bietet außerdem zahlreiche Teilzeitstellen und auch die Möglichkeit des Jobsharings, bei dem sich zwei Mitarbeiter eine Position teilen.

Haben Sie mit dem Gedanken gespielt, dauerhaft nur 50 Prozent zu arbeiten?

Ich hatte eigentlich nie das Bedürfnis. Als ich noch in Elternzeit mit meinem Sohn daheim war, habe ich mich oft unterfordert gefühlt und mich gelangweilt. Mein Sohn hat sehr viel geschlafen und wir wohnen in einem Neubaugebiet, wo ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht viele Leute  kannte. Als mein Mann, der auch Ingenieur ist, nach Hause kam, wollte ich unbedingt mit ihm über technische Themen reden - mir hat meine Arbeit wirklich gefehlt. Mein Mann und ich haben uns die Elternzeit jeweils aufgeteilt, das hat mir das Loslassen leichter gemacht, weil ich meine Kinder bei ihm in guten Händen wusste. Gestresst bin ich natürlich schon manchmal, aber ich kann gut abschalten, wenn ich nach Hause komme. In der Arbeit geht es sehr strukturiert zu, zuhause ziemlich spontan – diese Abwechslung mag ich.

Was tun Sie bei unvorhergesehenen Zwischenfällen, zum Beispiel, wenn ein Kind krank wird oder eine Dienstreise ansteht?

Wenn schon abends absehbar ist, dass ein Kind krank ist, vergleichen mein Mann und ich unsere Kalender und entscheiden, wer besser daheim bleiben kann. Oder wir teilen uns den Tag auf, einer bleibt vormittags daheim, der andere nachmittags. Wenn das Kind in der Früh krank wird, dann trifft es den, der noch daheim ist. Wir haben keine Kinderfrau oder Omas, die verfügbar sind, die fallen als Notfall-Lösung also aus.

Was Reisen angeht: Ich war in den letzten Jahren dreimal eine Woche in Indien, da hat sich dann mein Mann alleine um die Kinder gekümmert. Er ist öfter auf Geschäftsreise, auch mal drei Wochen in den USA. Diese Tage sind schon anstrengend, da muss das Privatleben hintenanstehen und ich habe wenig Zeit für mich selbst. Aber da es immer nur phasenweise so ist, schaffen wir das gut.

Wie reagieren die männlichen Kollegen auf eine Mutter in ihrem Team?

Ich hatte mit meinen Kollegen diesbezüglich nie Probleme. Mittlerweile kommt es ziemlich häufig vor, dass jemand telefonisch und online an Besprechungen teilnimmt. Und auch Männer sagen bei uns im Team: "Mein Kind ist krank, ich muss von daheim aus arbeiten." Ich bin also keine Ausnahme. Und auch manche Männer haben bei uns einen regelmäßigen Home-Office-Tag.

Welche Aufgaben haben Sie bei Bosch?

Ich bin derzeit Projektleiterin des ASPICE-Projekts. ASPICE ist ein Bewertungsmodell für Prozesse, überprüft werden zum Beispiel Qualität, Einhalten der Vorgaben, Dokumentation und Ähnliches. Mein Arbeitsalltag besteht überwiegend aus Besprechungen mit Kollegen. Zu meinen Aufgaben gehört zum Beispiel die Vorbereitung von Assessments, bei denen Externe prüfen, wie gut wir die Prozesse einhalten. Darauf bereite ich die Mitarbeiter vor.

Außerdem bin ich im Kernteam von "heratec", das ist ein Netzwerk für Frauen mit Führungsanspruch in technischen Berufen. Wir organisieren Events wie Vorträge und Führungen durch Unternehmensbereiche. Das ist toll, um sein Netzwerk und den Erfahrungsschatz zu erweitern.

Welche Entwicklungsmöglichkeiten gibt es für Sie bei Bosch?

Im Nachhinein finde ich es gut, dass ich meine Kinder verhältnismäßig früh bekommen habe. Ich habe nun schon bewiesen, dass ich Familie und Beruf vereinbaren kann, wir sind ein eingespieltes System. Wenn ich mich intern auf eine andere Stelle bewerben würde, könnte ich sehr gut einschätzen, was sich mit unserem Familienleben verbinden lässt. Ich würde zum Beispiel keine Stelle annehmen, wo ich sehr weit fahren müsste. Insofern denke ich, dass mir viele Türen offenstehen.

Fühlen Sie sich manchmal überfordert?

Nein, ich war noch nie in der Situation, dass ich mich gefragt habe: "Warum tue ich mir das eigentlich an?". Ich genieße meine Arbeit, aber ich bin auch super gerne Mutter. Ich nehme mir regelmäßig einen halben Tag frei für einen "Mutter-Tochter-Tag" beziehungsweise einen "Mutter-Sohn-Tag". Im August habe ich mit den Kindern beispielsweise spontan auf der Dachterrasse übernachtet, um den Sternenregen anzusehen. Ich fühle mich nicht überfordert, sondern freue mich, sowohl eine Familie als auch einen tollen Beruf zu haben.

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich die Sicht die in diesem Bericht geschildert wird, sehr schade finde. Natürlich funktioniert das Modell, sich irgendwie abzuwechseln und dass die Kinder meist versorgt sind. Aber ich würde mir die Frage stellen wie das für die Kinder ist. Ich selbst kenne die Sicht einer Kindergärtnerin und ich denke dass es sehr schade für die Kinder ist, wenn sie als letzte um fünf abgeholt werden und wenn sie nach Hause kommen auch nur noch kurz was essen, gewaschen werden und dann auch bald ins Bett gehen. Man sollte sich meiner Meinung nach nicht nur über sein eigenes Leben Gedanken machen das so bestimmt gut funktioniert. Wenn man Kinder in die Welt setzt sollte man auch Zeit mit ihnen verbringen wollen und es sollte einem klar sein dass wenn man ihnen eine schöne Kindheit gemeinsam mit den Eltern bieten möchte, man seine Karriere nicht unbedingt so steil durchziehen kann. Und ich möchte damit nicht sagen dass unbedingt die Frau zu Hause bleiben soll, keineswegs. Aber vielleicht sollte man darauf achten seine Kinder auch Mal um 15 Uhr o.Ä. Abzuholen und mit ihnen auch unter der Woche Mal spazieren zu gehen oder den Spielplatz zu besuchen.

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