Partner von:

Die Leidenschaft für Autos zum Beruf machen

Quelle: freeimages, craitza

Quelle: freeimages, craitza

Für das Interview kann sich Ingenieurin Ulrike Krafft kurz von der Teststrecke trennen - dort erprobt sie gerade die Abstimmung eines Elektronischen Stabilitäts-Programms (ESP) fürs Auto. Die Rennstrecke kennt sie nicht nur aus der Arbeit: In ihrer Freizeit fährt Ulrike Autorennen. Im Interview berichtet sie, wieso Motorsport-Fans bei Bosch Engineering gut aufgehoben sind.

Sie testen bei Bosch unter anderem elektronische Bremssysteme im Auto. Hole ich Sie gerade vom Testgelände?

Ja, ich bin gerade auf der Teststrecke. Unsere Abteilung testet und appliziert die Software für ESP-Systeme. Das ESP (Elektronisches Stabilitäts-Programm) ist in jedem modernen Fahrzeug verbaut und soll die Fahrzeug-Insassen vor Unfällen schützen. Jede Software muss individuell auf den Fahrzeugtyp, zum Beispiel Sportwagen oder Offroad-Fahrzeuge, abgestimmt werden – darum kümmern wir uns. Gerade sind wir mit unserem aktuellen Projekt kurz vor der Serienfreigabe. Deshalb veranstalten wir gerade mit allen Applikateuren und Funktionsentwicklern aus dem Projekt einen Workshop und fahren alle Fahrzeuge, in denen die Software Verwendung findet, intensiv auf dem Bosch-eigenen Testgelände in Boxberg. Wir versuchen, alle Situationen zu testen, die ein Auto erleben kann. Momentan sind wir mit einem Offroad-Projekt beschäftigt: Wir fahren zum Beispiel ganz steile Auffahrten, oder bremsen auf den verschiedensten Untergründen – mal in Dubai auf Sand oder in Schweden auf Eis und Schnee.

Wie sieht das konkret aus?

Wir fahren die Autos auf verschiedenen Teststrecken und passen die Parameter jeweils mit dem Ziel an, dass sich das Fahrzeug stabil verhält. In diesen Phasen ist mein Schreibtisch sozusagen im Auto, als Applikateur fährt man sehr viel. Dafür ist man viel unterwegs, ich war schon auf Erprobung in Frankreich, Italien, den Alpen, dem Nürburgring, Schweden und England. Ich mag es sehr, zu reisen und mit Menschen aus anderen Kulturen zusammenzuarbeiten. Erprobungen sind etwas Besonderes - viele Ingenieure sind unter sich und tüfteln gemeinsam an einem Problem. Inzwischen bin ich eher seltener auf einer Teststrecke, weil ich mittlerweile technische Projektkoordinatorin bin und deshalb nicht mehr so oft an Erprobungen teilnehme.

Wonach entscheiden Sie, welche Tests Sie fahren?

Es kommt immer darauf an, wo der Schwerpunkt der Applikation oder auch die Probleme des jeweiligen Fahrzeugs liegen. Zur endgültigen Serienfreigabe gibt es einen strukturierten Testplan von Bosch, nach dem wir uns richten. Das ist ein ganzer Testkatalog mit hunderten von Manövern – alle Situationen, die ein Auto in seinem Lebenszyklus erleben könnte, werden da festgehalten und erfahren.

Woher kommt bei Ihnen die Leidenschaft fürs Autofahren?

Ich fahre in meiner Freizeit Rennen, aktuell fahre ich in der Europäischen Tourenwagenmeisterschaft. Ich bin erst mit 20 zum Motorsport gekommen – die meisten fangen viel früher an. Mit viel Ehrgeiz konnte ich aber diesen "Spätstart" gut aufholen. Nachdem ich dieses Hobby begonnen hatte, war mir schnell klar, dass auch mein Beruf etwas mit Autos zu tun haben soll. Über einen Freund aus dem Motorsport bin ich auf Bosch aufmerksam geworden. Also habe ich mein Studium auf diese berufliche Zukunft ausgerichtet: Ich habe Maschinenbau studiert und mich auf Fahrdynamik spezialisiert.

Und wie kamen Sie dann zu Bosch?

Ich habe zuerst ein Praktikum bei der Robert Bosch GmbH absolviert. Schon nach wenigen Wochen in der Erprobung von ESP-Systemen wusste ich, dass ich dort nach dem Studium einsteigen möchte. Während des Praktikums habe ich auch erstmals von der Tochterfirma Bosch Engineering erfahren. Die Sportwagen-Projekte haben mich sehr gereizt, deshalb habe ich mich nach meinem Abschluss auch bei Bosch Engineering beworben. Das hat geklappt – ein Praktikum in einem Unternehmen zu absolvieren ist einfach ein guter Einstieg. 

Sie haben als Applikateurin begonnen und sind mittlerweile technische Projektkoordinatorin. Welche Aufgaben haben Sie nun?

Ich sitze leider nicht mehr so viel im Auto, aber meine Arbeit gefällt mir trotzdem sehr. Projektmanagement macht mir viel Spaß. Ich bin jetzt nicht mehr nur für eine einzige Funktion im Auto zuständig, die ich appliziere, sondern kümmere mich um alles rund ums Projekt: Ich unterstütze bei der Erstellung von Spezifikationen, helfe bei der Lösungsfindung von Problemen bei der Software, wenn Funktionen zum Beispiel nicht richtig arbeiten, kläre Rückfragen mit dem Kunden, bin für interne Prozesse zuständig und koordiniere die Software-Erstellung und den Projekt-Fortschritt. Generell spreche ich viel mit den Kunden ab: Was ist seine Fahrdynamik-Philosophie, wo sieht er Probleme, ist die aktuellste Motorsoftware auf dem Steuergerät, welche extra ESP-Software-Zusatzfunktion wünscht der Kunde – jede Software wird ganz individuell für den Kunden angepasst.

Können Sie Ihr Wissen aus dem Studium bei der Arbeit anwenden?

Eher weniger. Ich habe im Studium ein wenig Regelungstechnik gelernt und mir ein Grundverständnis für Informatik angeeignet, sodass ich Software lesen kann. Auch im Projektmanagement und in Unternehmensführung kannte ich mich ein wenig aus - das war schon hilfreich. Aber es hat mich beim Einstieg trotzdem überrascht, dass man so wenig aus dem Studium auch praktisch in der Arbeit anwenden kann. Also muss man einiges nachholen, wenn man einsteigt - aber das ist gut zu schaffen.

Gab es noch anderes, das Sie zu Beginn Ihres Berufslebens überrascht hat?

Ich finde es toll, wie selbstbestimmt und frei wir hier bei Bosch arbeiten können. Natürlich gibt es Vorgaben, aber innerhalb derer habe ich viele Freiheiten und kann mich selbst entfalten. Das hatte ich so nicht erwartet. Außerdem war ich positiv überrascht davon, wie abwechslungsreich mein Job ist - und vom kollegialen Miteinander. Alle duzen sich, es gibt keine Ellenbogenmentalität.

Was macht Ihnen an Ihrer Arbeit am meisten Spaß?

Die Erprobungen auf den Teststrecken. Unsere Versuchsfahrzeuge sind Prototypen, die noch gar nicht auf dem Markt sind. Außerdem mag ich an meinem Beruf die Abwechslung, den Kundenkontakt und das Projektmanagement.

Wie ist die Zusammenarbeit mit den Automobilherstellern?

Ein Projekt beginnt meist damit, dass der Kunde anruft oder eine Anfrage schreibt, weil er ein ESP für ein Fahrzeug benötigt, das in Zukunft auf den Markt kommen soll. Daraufhin bekommt er von uns ein maßgeschneidertes Angebot. Der Automobilhersteller schickt uns dann einen Prototypen, für den wir entwickeln. Im Lauf des Projekts sind wir ständig in Kontakt mit dem Kunden, tauschen uns aus und geben ihm Rückmeldung zum Fortschritt. Auch bei den Erprobungen ist der Kunde dabei.

Was muss man mitbringen, wenn man Ihr Kollege werden möchte?

Bewerber sollten großes Interesse an Fahrzeugen haben und an den neuesten Entwicklungen in der Automobilbranche. Sie müssen aber nicht unbedingt Fahrzeugtechnik studiert haben. Man sollte außerdem gut im Team arbeiten können und verlässlich sein – immerhin fährt man meist im physikalisch kritischen Bereich eines Fahrzeugs. Die Kollegen müssen sich darauf verlassen können, dass ihnen das Fahrzeug so übergeben wird, dass sie kein Risiko eingehen. Und Englisch-Kenntnisse sind sehr wichtig, da wir viel mit anderen Ländern zusammenarbeiten.

nach oben
Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren