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Der treue Auswanderer

Thomas I. mit Familie in Thailand [Quelle: Bosch]

Quelle: Bosch

Dr. Thomas Irawan ist ein e-fellows.net-Urgestein. Der Mentor und ehemalige Stipendiat des Monats ist seit über elf Jahren e-fellow und damit dem Karrierenetzwerk ebenso treu wie seinem Arbeitgeber Bosch. Mittlerweile ist er Werksleiter in Thailand. Im Interview erklärt er, wie es ihn dorthin verschlagen hat, was er an dem Expat-Programm von Bosch schätzt und warum die Thais zu höflich sind, um zu kündigen.

Herr Irawan, Sie wurden vor Kurzem vom Magazin "Capital" unter die "Top 40 unter 40" gewählt, also unter die hoffnungsvollsten Entscheider und jungen Führungstalente aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Staat und Gesellschaft. Hat Sie diese Ehre überrascht?

Tatsächlich hat es mich total überrascht. Ich kannte diese Auszeichnung nicht einmal, dafür lese ich nicht genug Wirtschaftsmagazine. Ich erfuhr davon erst durch ein Schreiben vom Capital-Chefredakteur, in dem er mir meine Nominierung mitteilte. Daraufhin kaufte ich mir im letzen Juli die Ausgabe und fand tatsächlich meinen Namen in der Liste. 

Eine Ahnung, wer Sie dafür vorgeschlagen hat?

Ja, ich habe da einen Verdacht. Ich wurde letztes Jahr in das Young-Leaders-Programm 2013 des Förderkreises der Deutschen Industrie des BDI aufgenommen, in dem Manager aus der Industrie mit der Politik in Kontakt gebracht werden. Aus diesem Kreis muss jemand dem Magazin den Tipp gegeben haben.

Sie sind mittlerweile Werksleiter in Thailand. Was macht Bosch dort eigentlich?

Bosch hat hier ein Werk, das aus zwei Rechtseinheiten besteht. Die erste ist bereits 1996 entstanden, als Bosch hier einen lokalen Bremsenhersteller übernommen hat. Heute ist daraus ein klassisches Bosch-Automotive-Werk geworden mit inzwischen rund 600 Mitarbeitern. Wir produzieren hier alles von Scheibenwischern über Sensoren und Bremskraftverstärker bis hin zu ABS-ESP-Systemen. Die Produktion dieser Teile ist nach wie vor das Kerngeschäft des Standorts. In der 2013 gegründeten zweiten Rechtseinheit des Werks mit rund 100 Mitarbeitern werden im Wesentlichen Komponenten für Benzinsysteme produziert. Außerdem können unsere Automobilkunden in Thailand nicht nur die vor Ort produzierten Teile erwerben, sondern sich auch alles andere liefern lassen, was es von Bosch gibt. Wir kaufen diese Teile dann bei anderen Bosch-Werken der Welt und verkaufen sie wieder.

Seit wie vielen Jahren arbeiten Sie denn nun schon bei Bosch?

Direkt nach der Promotion bin ich 2006 bei Bosch im Allgäu im Fachbereich Benzindirekteinspritzung als klassischer Fertigungsplaner eingestiegen. Das war eigentlich eher untypisch, weil ich Physiker bin und kein Maschinenbauer. Anfang 2008 bekam ich dann eine kleine Projektleitung für ein neues Produkt übertragen, Mitte 2008 hatte ich meine erste Führungsposition inne als Gruppenleiter der Prozessentwicklung. Mitte 2010 habe ich dann, wie der Zufall so will, die Leitung genau der Abteilung übernommen, in die ich 2006 eingestiegen war.

Und wie sind Sie in Thailand gelandet?

Ich wollte immer ins Ausland, am liebsten nach Asien, denn dort habe ich viele Verwandte. Mein Vater ist Chinese und in Indonesien aufgewachsen. Ich hatte daher stets eine Affinität zu Indonesien und allgemein für Asien - für Thailand im Speziellen eigentlich kaum. Dann kam aus heiterem Himmel das Angebot. Ich habe kurz überlegt, meine Frau angerufen, und innerhalb von zwei Stunden zugesagt. Im März 2013 bin ich dann mit der ganzen Familie, also auch mit meinen beiden kleinen Kindern - vorübergehend - ausgewandert.

Geht das Umziehen mit der gesamten Familie nicht an die Substanz?

Das hat natürlich auch eine Kehrseite. So richtig Wurzeln schlagen konnte ich bisher nicht und es gab für uns nie eine Oma um die Ecke, die mal eben die Kinder betreuen konnte. Wir haben uns aber bewusst jetzt für einen Auslandsaufenthalt entschieden, da die Kinder noch klein sind. Wenn wir zurückkommen, suchen wir einen langfristigen Aufenthalt, am ehesten in Deutschland.

Was macht Bosch als Arbeitgeber für Sie attraktiv?

Ich habe mich damals bei Bosch beworben, da ich das Unternehmen aus einem Praktikum in hervorragender Erinnerung hatte. Ein riesiger Pluspunkt für mich damals wie heute: Bosch betreibt wie kaum eine andere Firma Mitarbeiterentwicklung. Das klingt nach einem Klischee. Da ich diese Vorzüge aber jahrelang selbst miterlebt habe, kann ich das wirklich bestätigen. Außerdem ist Bosch ein großer und vielfältiger Konzern mit so vielen unterschiedlichen Produkten und Sparten: Da hat man natürlich beste Entwicklungsmöglichkeiten. Der dritte und ausschlaggebende Vorteil für mich ist die Unternehmenskultur. Der Ausspruch von Robert Bosch "Ich verliere lieber Geld als Vertrauen" gilt in der Firma immer noch und wird auch wirklich gelebt. Langfristige Geschäftsbeziehungen sind eindeutig wichtiger als schneller Profit. Das finde ich in einer so riesigen Firma bis heute erstaunlich.

Was genau meinen Sie mit außergewöhnlicher Mitarbeiterentwicklung?

Bei Bosch gibt es für jede Hierarchiestufe Förderkreise mit etlichen Trainings und Seminaren sowie einen strukturierten Mitarbeiterenwicklungsprozess, zum Beispiel Feedback vom Vorgesetzten, Förder- und Entwicklungsgespräche, Coachings sowie ein sehr gutes Mentoring. All diese Maßnahmen sollen der Förderung von Kompetenz dienen und auf höhere Aufgaben vorbereiten. Trotzdem geht es immer nach dem eigenen Tempo, das heißt, man kann auch gerne jahrelang auf einer Ebene bleiben, wenn man das möchte.

Sie sprachen vom Mentoring. Haben auch Sie einen eigenen Mentor?

Ja, ich habe regelmäßig Kontakt mit ihm. Wenn ich in Deutschland bin, treffen wir uns auch. Er wird mir auch bei der Rückkehr nach Deutschland und dem Wiedereinstieg in einem deutschen Standort helfen. Bosch hat beim Expat-Management überhaupt einen ausgezeichneten Ruf, was ebenfalls ein großes Plus ist: Man kann beruhigt ins Ausland gehen, und weiß, dass man eine Rückkehrgarantie auf eine gleichwertige Stelle hat. Ich weiß, dass das nicht in allen Firmen selbstverständlich ist.

Haben Sie als e-fellows.net-Mentor noch Kontakt zu Ihren Mentees?

Ja, habe ich noch, zumindest mit zweien von ihnen. Bei einem war letztens "Promotion ja oder nein" ein Thema; da habe ich versucht, über E-Mail und Telefon zu beraten. Mir ist das Mentoring nach wie vor wichtig, denn ich hätte mir damals als Student auch gewünscht, einen Ansprechpartner zu haben, den ich so locker alles fragen kann. Nach meinem Praktikum bei Bosch hatte ich dann allerdings eine hervorragende Mentorin, zu der ich bis heute Kontakt habe.

Fühlen Sie und Ihre Familie sich in Thailand wohl?

Sehr - trotz aller interkultureller Schwierigkeiten. Man kann sich kaum vorstellen, wie unterschiedlich die Thai-Kultur ist im Vergleich zu den meisten anderen asiatischen Kulturen. Sehr wichtig ist beispielsweise das "Greng jai"-Prinzip. Das ist ein Höflichkeitskonzept, das seine Wurzeln im Buddhismus hat und nach dem praktisch das ganze Zusammenleben funktioniert. Das macht sich vor allem dadurch bemerkbar, dass die Thais es kaum fertigbringen, zu kritisieren, einen Fehler anzusprechen oder alles andere, was dem Gegenüber irgendwie Unbehagen bereiten könnte. Wir hatten mal eine Haushaltshilfe, die zu höflich war, um zu kündigen. Sie befürchtete, dass ihr Chef dabei sein Gesicht verlieren könnte. Also hat sie begonnen, bewusst Fehler zu machen, um eine Kündigung zu erwirken. Auch sonst werden Probleme eigentlich selten oder eher indirekt kommuniziert, weil man befürchtet, beim anderen damit Kummer auszulösen und so das "Greng jai"-Prinzip zu verletzen. Inzwischen habe ich mich aber daran gewöhnt und auch meine thailändischen Mitarbeiter so weit gebracht, sich ab und an über ihre Höflichkeit hinwegzusetzen.

Hilft es dabei, dass Sie asiatische Wurzeln haben?

Mein Hintergrund mag dabei geholfen haben, dennoch ist die Thai-Kultur so eigen, dass es von beiden Seiten viel Kompromissbereitschaft bei der Kommunikation erfordert. Aber dieses Aufeinandertreffen der verschiedenen Perspektiven macht ja auch den Reiz aus.

Wo sehen Sie sich selbst in zehn Jahren?

In zehn Jahren bin ich mit meiner Familie wahrscheinlich wieder und immer noch in Deutschland. Ich habe mit Sicherheit eine mindestens ebenso spannende Aufgabe, allerdings etwas ganz anderes als jetzt, also nicht Automotive und nicht Produktion, sondern vielleicht etwas in Richtung "Internet der Dinge". Bosch ist sehr stark im Vernetzen aller möglichen Dinge, und aufgrund meines Informatik-Zweitstudiums interessieren mich solche Zukunftstechnologien ebenso. Auf jeden Fall bin ich aber noch bei Bosch.

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