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Trotz Berater-Job Zeit für soziale Initiativen

Take Time Interview McKinsey (Autor: Sergey Nivens, Quelle: Fotolia.com)

© Sergey Nivens - Fotolia.com

Als Berater von McKinsey kannst du den Tag zwar nicht verlängern - aber die Arbeitszeit verkürzen. Mit 'Take Time' bleibt extra Zeit für soziales Engagement und Hobbys - zum Beispiel für Social Business in Bangladesch oder die Organisation einer deutsch-russischen Konferenz.

Sie haben einen guten Draht zum Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus. Wie kam es dazu?

Wir haben uns 2008 bei einem Social-Business-Workshop in Köln kennengelernt. Damals habe ich im Rahmen meines "Fellow Leaves" bei McKinsey an der Universität Köln promoviert. Da meine Doktorarbeit die erste war, die sich konzeptionell mit Yunus' Social-Business-Ansatz sowie den ersten multinationalen Praxisbeispielen in Bangladesch auseinandergesetzt hat, haben wir uns immer wieder auf Konferenzen oder zu Interviews getroffen.

Inwieweit spielt Social Business auch in Ihrer Take Time bei McKinsey eine Rolle?

Als ich mit Abschluss der Promotion im Sommer letzten Jahres wieder bei McKinsey eingestiegen bin, habe ich erstmals vom Take-Time-Modell gehört und war begeistert. Jedes Jahr zwei Monate extra Zeit für Freunde, Familie, eigene Projekte und Ideen! Ich finde es klasse, mehr Zeit für Dinge zu haben, die mir am Herzen liegen. 2012 habe ich Take Time vor allem dazu genutzt, das Thema Social Business in Deutschland weiter voranzutreiben. Zum Beispiel durch journalistische Veröffentlichungen, Workshops für Stiftungen oder Vorträge an Universitäten.

Über was genau schreiben Sie?

Für den Studienpreis der Körber-Stiftung habe ich beispielsweise einen Aufsatz über die Chancen, Risiken und Grenzen von multinationalen Social-Business-Initiativen in der Armutsbekämpfung geschrieben. Inzwischen arbeite ich an einem Buchprojekt zum Thema Social Business. Ohne Take Time hätte ich heute keine Zeit mehr für die Schreiberei – meine alte Leidenschaft.

Und wie kam es dazu, dass Sie auch lehren?

Seit einigen Jahren werden weltweit Lehrstühle für Social Business Entrepreneurship aufgebaut. Da es jedoch bislang relativ wenig Forschung zu diesem Thema gibt, werde ich gelegentlich zu Vorträgen eingeladen, zuletzt zum Beispiel von der HEC Business School in Paris oder der North South University in Dhaka. Gemeinsam mit einer Professorin für Social Business an der California State University Channel Island haben wir im vergangenen Jahr auch eine interaktive Einheit mit Studenten per Skype durchgeführt.

Worum ging es genau in Ihrer Doktorarbeit?

Ich habe den Start-up-Prozess der ersten beiden Grameen Social Business Joint Ventures in Bangladesch untersucht. Der Lebensmittelkonzern Danone betreibt dort beispielsweise gemeinsam mit der Grameen-Gruppe eine Joghurtfabrik. Das Ziel von "Grameen Danone Foods Ltd." ist die Bekämpfung von Armut durch die Schaffung von Einkommen und die Überwindung von Mangelernährung bei Kindern durch lokale Produktion und Vertrieb von nährstoffreichem Joghurt. Um Yunus' Social-Business-Kriterien zu erfüllen, muss das Unternehmen auf Dauer profitabel wirtschaften, darf aber langfristig keine Dividenden an die Investoren ausschütten. Ich wollte wissen, wo die unternehmerischen Herausforderungen dieser Firmen liegen und wie sich das Engagement auf das Leben der Bevölkerung auswirkt.

Wie sind Sie vorgegangen?

Zusammen mit zwei lokalen Wissenschaftlern habe ich über acht Monate hinweg Feldforschung in Bangladesch betrieben. Wir haben Kartierungen vorgenommen, Interviews mit lokalen Entwicklungsexperten geführt und Fokusgruppen-Diskussionen mit Bauern und Vertriebsfrauen organisiert. Die Effekte waren letztlich deutlich positiver als erwartet. Natürlich kann man nicht davon ausgehen, dass ein einzelnes Social Business im Handumdrehen Tausende von Menschen aus der Armut befreit. Aber schon jetzt tragen die Unternehmen zur Einkommens- und Ernährungssicherheit der lokalen Bevölkerung bei.

Welche Erfahrungen haben Sie in Bangladesch gemacht?

Insgesamt sehr positive. Ich habe die Bengalen sehr ins Herz geschlossen und während der Forschungsarbeit viele Glücksmomente erlebt - trotz zum Teil widriger Lebensumstände. Im Südosten von Bangladesch haben wir mehrere Wochen in einem kleinen Zimmer ohne richtige Fenster und Strom gehaust... dafür wimmelte es dort von Kakerlaken und Spinnen.

Planen Sie schon Ihre nächste Auszeit?

Auf jeden Fall. Im kommenden Jahr möchte ich Take Time unter anderem dazu nutzen, weiter an dem Buchprojekt zu arbeiten. Außerdem überlege ich zusammen mit einer Freundin eine Jugendakademie zum Thema Social Business in Spanien zu organisieren.

Sie haben während Ihrer Auszeit die 4. Deutsch-Russische Young-Leaders-Konferenz organisiert – wie kam es dazu?

2009 habe ich zusammen mit Freunden, deutschen und russischen Young Professionals und Studenten, die Initiative "Deutschland-Russland - Die neue Generation" ins Leben gerufen. Einmal pro Jahr organisieren wir seitdem neben unseren Berufen eine dreitägige Konferenz für jeweils 140 deutsche und russische "Young Leaders" – in diesem Jahr bereits zum fünften Mal.

Woher kommt Ihr Interesse an Russland?

Während meines BWL-Studiums habe ich mich bei einem Hilfsprojekt für Krankenhäuser und Kinderheime in der nordrussischen Provinz Murmansk engagiert. Als LKW-Fahrer eines Hilfskonvois bin ich 2005 das erste Mal nach Russland gekommen. Später war ich mehrfach in Moskau und in St. Petersburg. Dabei habe ich festgestellt: In Russland ist mehr in Bewegung als man in Deutschland gemeinhin wahrnimmt. Es gibt viele Chancen, gerade in der Wirtschaft und in der Wissenschaft und viele exzellent ausgebildete junge Russen, die ein großes Potenzial haben, ihr Land voranzubringen. Russland ist ein sehr spannendes Land, das viele Chancen bietet und enger mit Europa vernetzt werden sollte – gerade mit den Nachwuchsführungskräften.

Wieso haben Sie die Konferenz ins Leben gerufen?

Ich selbst ebenso wie viele meiner Freunde hatten in den vergangenen Jahren an Young-Leaders-Programmen mit den USA und Großbritannien teilgenommen und sehr positive Erfahrungen damit gemacht. Da haben wir uns gefragt: Wieso gibt es so etwas eigentlich nicht für Deutschland und Russland, von kleineren Expertenforen einmal abgesehen? Deshalb haben wir selbst die Initiative ergriffen. Im vergangenen Jahr haben wir 280 deutsche und russische Multiplikatoren aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Kultur zusammengebracht. Drei Tage lang haben sie in Workshops und Plenardebatten zu verschiedensten Themen miteinander gearbeitet. Unser Kernteam für die Organisation besteht aus sieben Leuten, darüber hinaus engagieren sich noch etwa 20 weitere ehrenamtlich.

Wie lange haben Sie sich freigenommen von der Arbeit?

Ich habe mir letztes Jahr den ganzen August freigenommen, also einen Monat vor der Konferenz. Aber auch davor hatte ich schon große Flexibilität und konnte immer mal wieder für die Konferenz aktiv werden. Ich bin mir sicher, dass es die Konferenz in dieser Qualität nicht gegeben hätte, wenn ich mich nicht komplett der Organisation verschrieben hätte. Während ich Take Time beansprucht habe, konnte ich sogar die Besprechungsräume für Teammeetings für die Planung der Konferenz nutzen. Und ich konnte vom McKinsey-Büro aus für die Konferenz arbeiten.

Wie sah Ihre Orga-Arbeit aus?

Meine Aufgaben waren insgesamt sehr vielfältig. Im Vorfeld der Konferenz habe ich mich beispielsweise stark um die Koordination mit unseren Hauptpartnern Siemens, Linde, Porsche, GAZPROM Germania und der Russischen Bahn gekümmert. Ebenso wichtig ist natürlich die Abstimmung mit der Politik: So ist es uns gelungen, den Bayerischen Ministerpräsidenten als Schirmherrn und die Bayerische Staatskanzlei als engagierte Unterstützer zu gewinnen. Daneben war ich allein 2012 an so einigen Wochenenden in Russland, um für das Projekt zu werben und Teilnehmer und Referenten zu finden. Bei der Konferenz selbst waren es manchmal die kleinen Details, die mir am meisten Kopfzerbrechen bereitet haben. Eine durchdachte Tischordnung für fast 400 Gäste beim abendlichen Bankett zu entwerfen, hat am Ende allein mehrere Tage in Anspruch genommen.

Profitieren Sie auch bei der Beraterarbeit von Ihren Erfahrungen mit der Konferenz?

Ganz klar: ja. Es ist ein planerisches Mammutprojekt, eine so große Konferenz mit einem ehrenamtlichen Team zu organisieren. Außerdem sind die inhaltlichen Anregungen und die vielen neuen Kontakte zu spannenden Menschen ein Gewinn.

Planen Sie schon Ihre nächste Auszeit?

Die fünfte Deutsch-Russische Young-Leaders-Konferenz findet im September in Sankt Petersburg statt, das steht schon fest. Ich werde bestimmt wieder mitorganisieren, es kann gut sein, dass ich dafür erneut Take Time nehme.

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