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Ein Blick in die Köpfe deutscher Aufsichtsräte

Konferenz Rede Vortrag Diskussion [Quelle: Pixabay.com, Autor: robinsonk26]

Quelle: Pixabay.com, robinsonk26

Was denken Aufsichtsräte über die Digitalisierung? Und wie beurteilen sie den Erfolg der 2016 eingeführten Frauenquote? Die Kanzlei Hengeler Mueller und die Personalberatung Heiner Thorborg haben nachgefragt und die Ergebnisse in der Studie "Aufsichtsräte in Deutschland 2017" veröffentlicht.

Zur Teilnahme an der Studie waren alle Aufsichtsräte der 160 Unternehmen eingeladen, die im DAX, MDAX, SDAX oder TecDAX notiert sind. Insgesamt flossen in die Auswertung Angaben von 85 Personen ein, wobei nicht alle Teilnehmer alle Fragen beantworteten. Die Mehrheit der Befragten war über 50 Jahre alt und verfügt über höhere Bildungsabschlüsse wie Diplom, Staatsexamen oder Promotion. 29 Prozent der Teilnehmer waren weiblich. Diese demografischen Merkmale der Stichprobe geben die Grundgesamtheit der Aufsichtsräte der untersuchten Unternehmen treffend wieder, sodass sich die Ergebnisse gut verallgemeinern lassen.

Wie sinnvoll ist die Frauenquote?

Befragt wurden die Studienteilnehmer zu einer ganzen Reihe von Themen, unter anderem zur Geschlechterquote, landläufig bekannt als Frauenquote: Seit 1.1.2016 sind börsennotierte Unternehmen gesetzlich verpflichtet, den Aufsichtsrat zu mindestens 30 Prozent mit Frauen zu besetzen. Wie beurteilen Aufsichtsräte diese Entwicklung? Sehen sie einen Sinn in der Einführung der Quote? Hier urteilen Männer deutlich skeptischer als Frauen: Nur 18 Prozent der befragten Männer glauben, dass eine Geschlechterquote mehr Vorteile als Nachteile bringt – bei den Frauen sind es 70 Prozent. Außerdem sind 44 Prozent der Männer der Ansicht, die Quote sei überflüssig, da Frauen ohnehin vermehrt in Vorstände und Aufsichtsräte einziehen würden. Keine einzige der befragten Frauen teilt diese Meinung – ebenso wie keine von ihnen glaubt, dass Männer durch die Quote benachteiligt werden. Unter den männlichen Studienteilnehmern fürchtet das mehr als ein Viertel.

Wie bewerten Sie die Vorgaben der Politik in Bezug auf die Zusammensetzung von Aufsichtsräten durch die Einführung einer Geschlechterquote? [Quelle: Hengeler Mueller / Heiner Thorborg]

Arbeiten Aufsichtsräte mit einem höheren Frauenanteil denn grundsätzlich besser als solche mit einem niedrigen? Davon sind nur 28 Prozent der befragten Männer, aber 90 Prozent der Frauen überzeugt. Eine tatsächliche Veränderung in ihrem eigenen Gremium konnten 22,4 Prozent der Aufsichtsräte und 75 Prozent der Aufsichtsrätinnen feststellen. Gefragt danach, worin sich diese äußert, antworteten Aufsichtsräte beider Geschlechter am häufigsten, dass sich die Diskussionskultur verbessert habe.

Digital denken – nicht jedermanns Sache

Digitalisierung ist in aller Munde und beschäftigt nahezu jedes Unternehmen in irgendeiner Form. Auch die deutschen Aufsichtsräte sind sich der Relevanz des Themas bewusst. Knapp 70 Prozent der Befragten gaben an, das Thema sei für ihr Gremium "sehr wichtig" oder "wichtig". Nur 8 Prozent sahen es als "unwichtig" oder gar "absolut unwichtig" an, 18 Prozent der Befragten hatten keine eindeutige Meinung und wählten die Antwortoption "unentschieden".

Wie wichtig ist das Thema Digitale Transformation für Ihr Gremium? [Quelle: Hengeler Mueller / Heiner Thorborg]

Trotz dieses Bewusstseins ist es um die digitalen Kompetenzen der Kontrollgremien nicht optimal bestellt: Nur ein Drittel der Befragten gab an, der Aufsichtsrat habe sehr hohe oder hohe digitale Kompetenzen. Ein weiteres Drittel nimmt die Kompetenzen weder als hoch noch als niedrig wahr, 27 Prozent halten sie für niedrig oder sehr niedrig.

Wie hoch sind die digitalen Kompetenzen in Ihrem Gremium? [Quelle: Hengeler Mueller / Heiner Thorborg]

Die Aufsichtsräte wurden auch gefragt, ob formale Vorgaben wie die Frauenquote den Ausbau digitaler Kompetenzen erschweren. Dazu sollten sie sich auf einer Skala von 1 ("stimme voll zu") bis 5 ("stimme nicht zu") einordnen. Insbesondere die Aufsichtsrätinnen hatten zu der Aussage eine klare Haltung: 85 Prozent lehnten sie ab. Bei den männlichen Befragten ist das Bild weniger eindeutig: 41 Prozent der Befragten stimmten der Behauptung zu, während 31 Prozent sie ablehnten.

Erschweren formale Vorgaben wie die Geschlechterquote den Aufbau von digitalen Kompetenzen? [Quelle: Hengeler Mueller / Heiner Thorborg]

Wer hat die (Informations-)Kontrolle?

Aufsichtsräte sind dazu bestellt, den Vorstand zu überwachen. Diesem Auftrag können sie aber nur gerecht werden, wenn ihnen auch ausreichend Informationen vorliegen. Woher beziehen sie diese? Die überwiegende Mehrheit der Befragten gab an, "sehr häufig" oder "häufig" den Vorstand als Informationsquelle zu nutzen. Externe Experten oder Führungskräfte unterhalb der Vorstandsebene werden hingegen nur gelegentlich herangezogen.

Wo informieren sich Aufsichtsräte? [Quelle: Hengeler Mueller / Heiner Thorborg]

Auch die Agenda der Aufsichtsratssitzungen wird wesentlich durch die Vorstände (mit-)bestimmt: Fast ein Fünftel der Befragten sagte aus, die zu besprechenden Themen würden maßgeblich vom Vorstand vorgegeben. Bei etwa der Hälfte der Befragten setzen Aufsichtsrat und Vorstand gleichermaßen die Tagesordnung fest und nur ein weiteres Viertel erklärte, der Aufsichtsratsvorsitzende sei maßgeblich für die Agenda verantwortlich. Eine so große Einflussnahme des Vorstands kann unter Umständen das Risiko bergen, dass der Aufsichtsrat nicht oder erst zu spät auf Probleme aufmerksam wird und seiner Kontrollfunktion nicht in vollem Umfang gerecht werden kann.

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