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Mit Hinglish auf Interviewreise durch Indien

Indien Tempel Gebäude Flagge (Quelle: freeimages.com, revati_me)

Quelle: freeimages.com, revati_me

Inzwischen hat sich Melanie schon ziemlich gut in Mumbai eingewöhnt. Bei Geschäftsreisen lernt sie noch weitere Teile von Indien kennen - und stellt fest, dass es im Norden eher hektisch zugeht, im Süden dagegen recht entspannt. Sprachbarrieren gibt es allerdings nach wie vor - Melanies US-amerikanisches Englisch verträgt sich nicht so gut mit dem ortstypischen Hinglish.

Ein weiterer internationaler Trainee aus Singapur ist im Roche-Büro angekommen – damit bin ich nicht mehr die einzige nicht-indische Person! Und wenn ich mir überlege, dass ich ihm schon manches erklären und ihm helfen kann, habe ich ja anscheinend doch einiges gelernt, seit ich angekommen bin.

Mumbai wird langsam überschaubarer

Mumbai ist in wenigen Wochen vom chaotischen, unverständlichen und völlig überwältigenden Ameisenhaufen zu einem offensichtlich hoffnungslos überbevölkerten, aber irgendwie trotzdem funktionierenden und für meine Zwecke halbwegs handhabbaren System geworden.

Anfangs bin ich fast orientierungslos, aber mit der festen Absicht, diese Stadt zu verstehen, durch Irgendwo-in-Mumbai gewandert. Nach Hause bin ich nur deshalb wieder gekommen, weil ich den Rikscha-Fahrern die Visitenkarte meines Hotels gezeigt habe. Ich war verwundert oder irritiert über fast alles, was ich sah.

Jetzt ist das doch deutlich anders und ich finde mich recht souverän in der Stadt zurecht – oder kann es zumindest gut verbergen, wenn das nicht der Fall sein sollte. Ich kenne nicht nur die für mich wichtigsten Wege durch Mumbai und kann sie im Zweifelsfall auch zeigen, sondern ich erkenne viele indische Eigenheiten wieder - und weiß manchmal sogar, was sie bedeuten!

Mit "Hinglish" durch den Alltag

Die Sprache ist allerdings nach wie vor eine Barriere. Vereinfacht gesagt: Je niedriger das Bildungslevel, desto weniger spricht man (verständliches) Englisch. Mein Hindi ist in der kurzen Zeit mit meinem Bedarf leider nicht mitgewachsen. Und ohne Hindi werden eben schon einfachste Dinge wie nach dem Weg fragen, ein Paket verschicken oder Essen bestellen plötzlich ziemlich anspruchsvoll und die Kommunikation geht über das einfachste Level nicht hinaus.

Aber selbst, wenn jemand Englisch spricht, ist es manchmal wirklich schwierig, sich zu verständigen. Das liegt an dem massiven Akzent und dem aus dem Hindi entnommenen Maschinengewehrtempo ("Hinglish"). Wegen meines eigenen amerikanischen Akzents verstehen mich wiederum die Inder auch nicht immer leicht, dabei bemühe ich mich schon, gewisse "Hinglish"-Ausdrucksweisen zu verwenden.

Termine in Chennai, Bangalore – und fast auch in Delhi

Bei der Arbeit habe ich inzwischen die Gelegenheit, sogar mit sehr vielen Menschen zu sprechen: Für mein Projekt führe ich eine Interview-Reihe mit Mitarbeitern in den verschiedenen Regionen des Landes durch und bin dadurch recht viel unterwegs. Ich treffe Roche-Mitarbeiter im Süden, also in Bangalore und Chennai, und spreche per Videokonferenz mit den Kollegen aus der nördlichen Region, in Delhi.

Reisen in Indien hat durchaus seine Tücken. Kleinere Flughäfen haben nicht immer eine Anzeigentafel und arbeiten mit Durchsagen – natürlich nicht auf Englisch. Und der Versuch, nach Delhi zu fliegen, war wenig erfolgreich: Wegen Nebel hatte der Flug insgesamt acht Stunden Verspätung. Und um den Rückflug (der nur drei Stunden verspätet war) in Delhi umzubuchen, musste ich fünf verschiedene, großzügig über den Flughafen verteilte Schalter finden und mit völlig widersprüchlichen Aussagen der Airline-Mitarbeiter klarkommen.

Hektischer Norden, zufriedener Süden

Aber durch die Geschäftsreisen bekomme ich auch einen Eindruck von anderen Regionen des Landes, die sich durchaus deutlich voneinander unterscheiden. Während man im Westen und Norden hektischer ist, mir erstaunlich direkt antwortet und bei Bedarf auch kritische Punkte anspricht, sind die Kollegen im Süden deutlich entspannter und wirken zufriedener. Sie würden aber niemals, und wenn, dann nur ganz vorsichtig durch die Blume und um drei Ecken herum zugeben, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Dementsprechend muss ich meine Vorgehensweise beim Interview anpassen und kann ausprobieren, was am besten funktioniert – sehr interessant!

Klar können fünf Menschen mit einem Motorrad unterwegs sein

Wer mit deutschen Augen die indische Arbeitssicherheit betrachtet, kommt aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Zum Beispiel werden die Lampen an der ungefähr in sechs Meter Höhe liegenden Decke des Großraumbüros geputzt, indem man zwischen Schreibtische, Stühle und Trennwände einen Tisch zwängt. Darauf stellt man einen kleineren Tisch, darauf eine Trittleiter, und zwei Leute halten das Ganze fest. Dann klettert jemand das Gebilde hoch, steht frei und ohne Absicherung oben drauf und putzt die Lampe. Und das wird dann noch ungefähr 20 Mal wiederholt, schließlich gibt es ja viele Lampen. Auf meine besorgten Nachfragen hin versteht niemand so genau, wo eigentlich mein Problem ist?

Aber Regeln gibt es ohnehin grundsätzlich, um sie zu brechen: Helmpflicht für Motorradfahrer besteht, aber es hält sich kein Mensch daran. Genauso wenig wie an die Verkehrsregel, dass nur zwei Personen auf einem Motorrad mitfahren dürfen. Ich habe schon fünfköpfige Familien auf einem einzigen Motorrad sitzen sehen - teils in flatternden, farbenfrohen und glitzernden Saris, aber alle ohne Helm. Oder: In Maharashtra, dem Bundesland, in dem Mumbai liegt, darf man zwar Alkohol trinken, während es in manchen anderen Gebieten verboten ist. Dafür braucht man aber theoretisch eine offizielle Erlaubnis. Die gibt es entweder für einen Tag, ein Jahr oder lebenslang. Nur fragt auch da niemand danach, die Regelung wird laut den Erzählungen der Inder eher genutzt, um für die Polizisten einen Nebenverdienst zu schaffen – im Gegenzug dafür, dass sie ein Auge zudrücken.

Was ich außerdem gelernt habe:

  • Wer eine Adresse sucht, bekommt möglicherweise einen Straßennamen mit Grundstücks- nummer von Google Maps. Das hilft nur leider nicht weiter, weil es keine Straßenschilder gibt und die Grundstücke zwar in der Tat nummeriert sind.  Aber erstens steht das nirgendwo an den Gebäuden und zweitens gibt es zwar Nummern, aber das heißt noch lange nicht, dass die auch in geordneter Reihenfolge auftreten. Adressen werden mit Orientierungshilfen illustriert, man sagt "neben, gegenüber von, nahe bei…" irgendetwas Wiedererkennbarem. Eine normale Adresse wird also zum Beispiel vervollständigt mit "behind Intensity Gym opposite KFC".
  • Stufen einer Treppe müssen keineswegs alle dieselbe Höhe haben – das wäre doch langweilig, und so bleibt man außerdem viel aufmerksamer beim Treppensteigen!
  • Bücher in Buchläden sind nur grob nach Kategorie geordnet…wenn es ein besserer Laden ist. Sonst besteht ein Buchladen einfach aus einem Raum voller Regale bunt vollgestopft mit Büchern. Das "Nadel-im-Heuhaufen"-Prinzip.
  • Amazon gibt es nicht in Indien, und ich beginne zu verstehen, warum. Bei den hiesigen Online-Buchhändlern ist es erstaunlich normal, dass man dort Ware bestellt, die explizit als "lieferbar innerhalb von drei Tagen" angegeben ist. Zwei Wochen später bekommt man dann eine E-Mail, dass das Buch noch nicht aufgetrieben werden konnte, aber weiterhin gesucht wird. Und eine Woche später kommt dann die Nachricht: Sorry, wir kriegen’s nicht hin.

Im ersten Teil ihres Tagebuchs berichtet Melanie von ihrer Ankunft in Mumbai. Im zweiten Teil geht es um die Unterschiede von deutscher und indischer Arbeitsweise.

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Kommentare (2)

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  1. Bastian

    :) Sehr interessant, mal die Sicht aus dem Arbeitsleben zu sehen. Hier beim Studium in Chennai mache ich auch ähnliche Erfahrungen... Und immer aufmerksam bleiben beim Treppensteigen!

  2. Hanna

    Hallo Melanie, Dein Tagebuch gefällt mir sehr gut. Ich mache seit Mitte Januar ein Praktikum in Delhi und kann deine Erzählungen sehr gut nachvollziehen! Ich bin gespannt, was du noch so erlebst. Viele Grüße aus dem warmen Norden! Hanna

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