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Frieren bei 30 Grad und indisches Multitasking

Kaufmännische Leiterin in einem Bosch-Rexroth-Werk in Indien [Quelle: freeimages.com, Autor: subhadipin]

Quelle: freeimages.com, subhadipin

Europäer sind komische Wesen: Sie trinken in Flaschen abgefülltes Trinkwasser, planen Besprechungen im Voraus und haben keine Ahnung von indischem Multitasking. Melanie erlebt bei ihrem Auslandsprojekt für Roche in Mumbai, wie unterschiedlich die Arbeitsweise in Deutschland und in Indien ist - und ebenso das Temperaturempfinden.

"So schützen Sie sich vor Erkältungen!" – "Wettervorhersagen sprechen von anhaltender Kälte bis nächste Woche!" – "Große Auswahl an Wollpullovern und warmer Unterwäsche!": Amüsiert lese ich in den ersten Wochen meines Aufenthalts in Mumbai in der Zeitung, dass anscheinend gerade ein recht kalter Winter herrscht, überall niesen und husten die Leute. Klar, wenn man die "frischen" 15 Grad nachts und 30 Grad tagsüber nicht gewöhnt ist …

Wenn ich erzähle, dass in Deutschland Schnee liegt, bekomme ich nur unsicheres Nicken als Antwort. Für die Leute hier ist das schwer vorstellbar; echten Schnee gesehen oder Temperaturen unter dem Gefrierpunkt erlebt haben die wenigsten. Ich dagegen habe mich längst an das milde Klima gewöhnt und kann ein erstes Fazit von Mumbai ziehen: Es ist unglaublich laut, dreckig, voll, bunt, vielfältig, chaotisch … und funktioniert trotzdem irgendwie. Noch habe ich allerdings keine Ahnung, wie.

Die eigenartigen Verhaltensweisen des Europäers

Ich betrachte das Durcheinander staunend, manchmal auch irritiert, und bin noch viel zu oft darauf angewiesen, dass man mich als Ausländerin erkennt und mir Sachen erklärt, einfach einen Bogen um mich macht, wenn ich irgendwo im Weg stehe oder es mir verzeiht, wenn ich Dinge tue, die aus indischer Sicht zweifellos seltsam sind.

Zum Beispiel: Desinfektionsmittel für meine Hände verwenden. Auf in Flaschen abgefülltes Trinkwasser bestehen. Ungefähr doppelt so schnell gehen wie alle anderen vor sich hin schlurfenden Leute. Meine Ruhe vor übereifrigen Verkäufern haben wollen, wenn ich Waren in einem Laden anschaue. Mich als einzige Frau durch das Gewühl am Ticketschalter nach vorne kämpfen - der Überraschungseffekt scheint hier zu helfen.

Und auch bei der Arbeit wirkt mein Verhalten offensichtlich manchmal befremdlich: Ich plane Besprechungen im Voraus und bereite sie vor. Ich arbeite eigenständig, ohne ständig Rücksprache mit dem Kollegen zu halten – außer es ist nötig. Ich unterbreche eine Unterhaltung nicht sofort, wenn mich jemand anruft.

Indisches Multitasking im Büro

Die Arbeitsweise ist hier quasi das Gegenteil von linear … Multitasking in Reinform! Da werden locker fünf, sechs Themen innerhalb von fünf Minuten angefasst, dann kommt ein Schwätzchen mit einem Kollegen dazwischen, das Handy klingelt  - und der Anruf hat immer Priorität! Während man schnell am Computer die Fotos vom Baby der Kollegin anschaut, kommen drei E-Mails rein und wollen Aufmerksamkeit, wegen zweien werden direkt wieder Telefongespräche geführt, die wiederum an eine andere Aufgabe erinnern. Aber dann kommt der Kollege vorbei und will jetzt sein Thema besprechen, was man natürlich macht, auch wenn man alle paar Minuten wieder vom Handy unterbrochen wird …

So wursteln sich die indischen Kollegen im lärmenden Großraumbüro durch den Tag. Und kriegen, das ist der Clou, ihre Aufgaben durchaus erledigt. Ab und zu fällt mal was unter den Tisch, aber wenn keiner danach fragt, war's ja bestimmt auch nicht wichtig. Stimmt hier auch meistens. Das bedeutet aber, dass man, wenn man etwas erledigt haben möchte, besser regelmäßig nachfragt, sonst rutscht die Aufgabe im To-Do-Stapel der Prioritäten immer weiter nach unten und wird nie fertig. Ich stelle fest, dass ich zwar meistens deutlich besser vorbereitet bin als meine Kollegen, dafür komme ich mir aber auch fast schon unflexibel vor.

Hindu-Gottheiten, Süßigkeiten und die Hürden des Alltags

An den Wochenenden erkunde ich die Stadt und habe ein paar Must Sees in Mumbai gefunden: Gateway of India, Marine Drive und Juhu Beach. Ein Kollege hat mich auf einen Ausflug zu den Elephanta Caves mitgenommen. Auf einer Insel vor Mumbai gibt es in den Fels gemeißelte Höhlen mit großen, in den Stein gehauenen Skulpturen von Hindu-Gottheiten.  Oben auf dem Hügel stehen noch zwei alte britische Kanonen aus Kolonialzeiten. Paviane springen herum, und es ist so schön ruhig dort im Vergleich zum ständigen Gehupe und Getöse in der Stadt …

Es gibt natürlich enorm viele Souvenirverkäufer, die hoffnungslos überteuerte Ware anbieten. Wir haben mal ausprobiert, welchen Preis sie meinem Kollegen (Inder, fragt auf Hindi) und mir (Ausländerin, fragt auf Englisch) für das selbe Produkt nennen. Das waren mal schnell 75 Prozent mehr. Aber auch der reguläre Eintrittspreis für die Höhlen war laut Schild 100 Rupien für Inder und 250 Rupien für Ausländer. Unglaublich!

Mich haben dort auch immer wieder indische Besucher fotografiert - manchmal heimlich, manchmal auch ganz ungeniert, und mein Kollege wurde mehrfach gefragt, ob man mit seiner Begleitung Fotos machen dürfe? Es war ihm sichtlich unangenehm, mir das zu erklären: Man kann anhand des Fotos mit einer Europäerin anscheinend tolle Geschichten für die Kumpels zu Hause erfinden…

Auch sonst lerne ich gefühlt bei jedem Schritt etwas Neues. Zum Beispiel:

  • Wie erwartet ist das Essen in Indien lecker und fast immer scharf. Die Basis vieler Süßigkeiten sind geklärte Butter und Zucker, dementsprechend lecker und gehaltvoll sind sie auch. Und die kleinen Päckchen aus grünen Blättern heißen Paan, sind essbar und mit leckeren, süßen Sachen gefüllt.
  • Wenn man etwas am Straßenrand kauft, handelt man den Verkäufer auf bis zu 30 Prozent vom Anfangspreis runter (auch wenn die Händler sich mit Sicherheit an mir immer noch eine goldene Nase verdienen).
  • Ausgefeilte Tricks von Bettlern kann ich allmählich durchschauen – die Armut ist schon extrem hier und die Not macht offensichtlich kreativ. An der Straßenecke vom Büro bettelt zum Beispiel eine Frau, die laut meinen Kollegen seit ungefähr drei Jahren immer gleich "schwanger" ist.
  • Ich fahre mit der Rikscha und werde nicht mehr beim Preis übers Ohr gehauen – die Taxometer sind mechanisch und können nicht auf den aktuellen Stand gebracht werden, deshalb gibt es eine Art Übersetzungstabelle zum richtigen Preis. Zwei Rupien auf dem Taxometer entsprechen also 24 Rupien in echt. Der Trick ist, diese Tabelle zu kennen, sonst sagen die Fahrer einem, was ihnen grade passt. Oder sie manipulieren die Taxometer, weil ein Ausländer ja bestimmt nicht weiß, wie viel die Strecke kosten sollte.
  • Ich habe Zugfahren ausprobiert: Das kann erstaunlich schwierig sein, auch wenn man's nicht glauben würde. Das fängt schon an beim Kaufen desTickets (Wo? Welches? Nein, ich spreche kein Hindi!). Und geht weiter mit dem Finden des Gleises (nummeriert, aber wer kann denn ahnen, dass Bahnsteig 6 ein Sub-Bahnsteig von Gleis 11 ist und nur über eine Brücke zugänglich – nicht ausgeschildert, natürlich) und dem Identifizieren des richtigen Zugs und so weiter. Mit westlichem Sicherheitsdenken im Kopf beobachte ich schockiert, dass Inder auch durchaus auf einen schon anfahrenden Zug aufspringen. Das geht, weil es ja keine Türen gibt - oder Fensterscheiben. Dafür aber Gitter vor den Fenstern, damit da niemand ein- und aussteigt. Warum irgendjemand auf die Idee kommen sollte? Zur Rush Hour wäre das mit Sicherheit eine Option, schließlich sind die Züge dann so überfüllt, dass sogar Leute auf dem Dach mitfahren.
  • "Ja" heißt hier nicht Nicken, sondern Kopfwackeln. Sieht lustig aus, und kann ich noch nicht. Das Nicken kommt viel zu automatisch!

Und die einfachsten Dinge können eine Herausforderung darstellen: Wo kaufe ich sowas Simples wie … Shampoo? So etwas wie einen Supermarkt, Drogerie, Tante-Emma-Laden wird es doch geben? Nach einigem Suchen habe ich tatsächlich einen halbwegs westlichen Supermarkt gefunden, aber dieses Konzept kommt hier grade erst auf, erklärt man mir. Aber es gibt Märkte! Da kann man auch Shampoo kaufen – für den Preis, den man eben aushandelt.

Im ersten Teil ihres Tagebuchs berichtet Melanie von ihrer Ankunft in Mumbai und von indischer Tarnkleidung.

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Willst du mehr über unseren Partner Roche erfahren? Hier findest du alle Infos zum Unternehmen.

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Kommentar (1)

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  1. Anna

    Ich finde es super, dass du hier schreibst. Bin jetzt selber die dritte Woche in Mumbai für ein Praktikum und deine Berichte sind so authentisch, ich musste oft lauthals lachen, da es wirklich einfach so IST!

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