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Türkische Weihnachtsbäume und ungewohnte Hierarchie - 2. Teil

Moschee, Türkei, Sonnenuntergang [Quelle: freeimages.com, Autor: enesmeds]

Quelle: freeimages.com, enesmeds

Ihr Aufenthalt in Istanbul hält für Aline einige Überraschungen bereit: In der Türkei gibt es tatsächlich Weihnachtsbäume. Auch ihre Kollegen unterstützen Alines Projekt aktiv, doch es gilt das Motto: 'Es wird gemacht, was der Chef sagt!'

21. Dezember 2011

In meinem Projekt bin ich mittlerweile sehr gut angekommen. Ich setze die Roche-Strategie für personalisierte Medizin in Marketing und Vertrieb um. Mit allen beteiligten Kollegen von Diagnostics und Pharma bin ich schnell in Kontakt gekommen. Ich bin positiv überrascht, wie unkompliziert und offen alle auf mich zugehen. Die Mentalität, andere und nicht sich selbst in den Vordergrund zu stellen, ist ein entscheidender Erfolgsfaktor für Kooperationsprojekte. Das, was wir als Gastfreundlichkeit der Türken kennen, spielt auch in der Geschäftswelt eine Rolle. Man bemüht sich sehr, Kollegen und Partner zu unterstützen, und stellt schon mal die Ziele und Bedürfnisse der anderen über seine eigenen. Für mein Projekt, bei dem ich eine Kooperation etablieren soll, sind das ideale Voraussetzungen.

Wir kommen schnell voran und einigen uns auf Vorgehensweisen. Die türkischen Kollegen vertrauen darauf, dass eine Kooperation in der Geschäftswelt langfristig angelegt ist. Deshalb ist es nicht so wichtig, wer zu Beginn den größeren Nutzen daraus ziehen kann. In Deutschland müsste ich mir viel mehr Gedanken machen, welchen Nutzen ein Projekt für beide Partner hat.

Auf der Überholspur über den Bosperus

Ganz anders erlebe ich das im Straßenverkehr. Hier sind alle äußerst ungeduldig und gönnen dem Nebenmann keinen Zentimeter Vorsprung. Bei acht Millionen Autos in einer Stadt gehören verstopfte Straßen zum Alltag. Viele meiner Kollegen wohnen auf der anatolischen Seite Istanbuls. Sie pendeln mit vielen anderen täglich über eine der beiden Bosporusbrücken in das Geschäftsviertel im europäischen Teil der Stadt. Der Alltag wird auf die Verkehrssituation ausgerichtet. Der Arbeitstag beginnt für die meisten sehr früh, damit sie am späten Nachmittag noch vor der Rushhour nach Hause kommen.

Auch für mich ist die Fortbewegung in dieser riesigen Stadt eine echte Herausforderung. Zwar bin ich froh, dass ich kein Auto habe, doch das macht es nicht einfacher, von A nach B zu kommen. Das U-Bahn System ist einfach zu rudimentär. Es gibt viele Linien, die allerdings nur wenige Stationen haben. Um an sein Ziel zu kommen, muss man also mehrmals umsteigen. Inzwischen kenne ich mich ganz gut aus in der "Unterwelt" Istanbuls.

Um auf die andere Seite des Bosporus zu kommen benutzt man Fähren, die für den Istanbuler so gewöhnlich wie Busse sind. Busse im eigentlichen Sinne gibt es auch. Nach einem Erlebnis letzte Woche habe ich nun auch Erfahrung mit diesem Transportmittel. Wieder wurde mir die Sprachbarriere zum Verhängnis. Auf dem Heimweg von einem Ausflug auf der anatolischen Seite rief ich mir nach dem Aussteigen aus der Fähre ein Taxi. Das hielt an, ich stieg ein und sagte dem Fahrer auf Türkisch, wo ich hin wollte. Er schien mit meiner Angabe ein Problem zu haben, zumindest erzählte er mir für mich unverständliche Dinge.

Ich wiederholte mein Ziel einfach mehrmals, was ihn anscheinend umso mehr aufregte. Er begann zu toben. Als er eine typische Handbewegung machte, die mir meine Kollegen als "ich bin fertig mit dir" erklärt hatten, stieg ich lieber wieder aus dem Taxi aus. Vollkommen verdutzt stand ich mitten auf der Straße. Ein Bus hielt direkt vor mir an und der Fahrer bedeutete mir, ich solle einsteigen. Obwohl ich keine Ahnung hatte, ob der Bus überhaupt in meine Richtung fährt, stieg ich ein und nannte dem Fahrer mein Ziel. Ich drückte ihm Geld in die Hand. Die Fahrt sollte 1,30 Türkische Lira kosten, was mir signalisierte, dass sie nicht lange dauern würde und damit mit meinem Ziel übereinstimmen konnte.

An einer Ampel hielt der Bus, und der Fahrer gab mir einen Schubs zum Aussteigen. Ein anderer Fahrgast zog mich zurück in den Bus. Es begann eine wilde Diskussion, ob ich nun schon aussteigen oder noch weiterfahren sollte. Ich sah dem Treiben zu, verstand vom Gesprochenen aber gar nichts. Der Busfahrer schien mir am besten Bescheid zu wissen. Er erklärte mir mit Händen und Füßen, wie ich zu meinem Ziel kommen würde. Ich vertraute ihm, stieg aus und befolgte seine Anweisungen, die mich sicher nach Hause führten. Ich war erstaunt, wie viel ich von den Geschehnissen mitbekommen hatte, obwohl ich immer noch aufgeschmissen bin, wenn Türkisch gesprochen wird.

Struktur dank hierarchischem Führungsmodell

In Meetings innerhalb der Firma geht es mir ähnlich. Wenn meine Kollegen nicht unbedingt Englisch sprechen müssen, tun sie es auch nicht. Es kommt immer wieder vor, dass zunächst 30 Minuten meine Themen auf Englisch besprochen werden, und der Rest der Besprechung dann auf Türkisch weitergeht. Ich finde das befremdlich und lerne, wie wichtig es ist, die Sprache der Menschen zu sprechen, um hier leben zu können.

Ich versuche permanent, die Balance zu halten zwischen Anpassen und Einfordern. Das gilt auch für meine Arbeitsweise. Ich erlebe das Führungsmodell hierarchischer als ich es aus Deutschland kenne. Es gilt das Motto "Es wird gemacht, was der Chef sagt", und so empfinde ich die Zusammenarbeit hier weniger diskussionsfreudig. Entscheidungen werden seltener hinterfragt, und ich habe den Eindruck, man widerspricht dem Chef nicht, sondern setzt seine Anweisungen um. Aus Deutschland kenne ich es eher, dass der Mitarbeiter der Experte ist. Für einen deutschen Chef ist die Meinung seines Mitarbeiters wertvoll und er fordert diese aktiv ein. Das erlebe ich hier nicht. Mein Projekt als Projektleiterin zu führen, ohne Führungskraft in der Hierarchie zu sein, ist zudem eine besondere Herausforderung. Ich stelle viele Fragen, mit der Absicht, alle Beteiligten einzubeziehen und die beste Lösung im Team zu erarbeiten. Viel Geduld ist der Schlüssel, denn ich muss mir das Vertrauen der Kollegen Stück für Stück erarbeiten.

Viel mehr als nur Döner

Mit ein paar Kollegen habe ich mich in der kurzen Zeit bereits sehr gut angefreundet. Wir unternehmen viel gemeinsam, auch nach der Arbeit. So bekomme ich Istanbul von Einheimischen gezeigt, sie führen mich unter anderem an die türkische Küche heran. Türkische Gerichte sind unglaublich vielfältig und viel mehr als nur Döner. Zu jedem Essen gehören zunächst viele kalte und warme Vorspeisen, die ähnlich wie spanische Tapas auf kleinen Tellern und Schüsseln für den gesamten Tisch serviert werden. Dazu trinkt man Rakı mit Wasser und Eis. Die Speisen kommen nach und nach, so dass man bereits Stunden damit verbringt, die Vorspeise zu essen. Wenn die Hauptspeise kommt, sind alle schon richtig voll. Dennoch wird dann Fleisch oder Fisch gegessen. Abschließend kommen Früchte und verschiedene türkische Nachspeisen auf den Tisch.

Weihnachtszeit unter Muslimen

Auch wenn ich mich mittlerweile als Istanbulerin fühle, hält diese Stadt immer wieder Überraschungen parat. Ich hatte mich bereits damit abgefunden, dass Weihnachtsstimmung dieses Jahr für mich ausfällt. Weit gefehlt! In den letzten Wochen hat sich Istanbul in ein Winter-Wonder-Christmas-Land verwandelt. Die Straßen sind geschmückt mit Lichterketten, in den Einkaufszentren hängen überdimensionale Christbaumkugeln funkelnd und blinkend von der Decke. Die Schaufenster sind mit Schnee-Imitat dekoriert und überall kann man kleine Weihnachtsmänner und Baumschmuck kaufen. Türkische Familien stellen tatsächlich geschmückte Weihnachtsbäume im Wohnzimmer auf. Damit hätte ich nicht gerechnet. Einmal mehr hat sich mein Bild der türkischen Lebensart geändert. Frohe Weihnachten und Mutlu Yillar!

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