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"Wir sind bei laufender Produktion in ein neues Werk umgezogen"

Kaufmännische Leiterin in einem Bosch-Rexroth-Werk in Indien [Quelle: freeimages.com, Autor: subhadipin]

Quelle: freeimages.com, subhadipin

Was macht ein kaufmännischer Leiter eines Bosch-Rexroth-Werks eigentlich? Und worin unterscheiden sich die Arbeitsweisen von deutschen und indischen Kollegen? Nicole Schmiechen arbeitet seit fünf Jahren in Indien und verrät, was sie dabei erlebt hat.

Seit unserem ersten Interview sind drei Jahre vergangen, und Sie arbeiten immer noch für Bosch Rexroth in Indien. Können Sie sich vorstellen, für immer dort zu bleiben?

Tatsächlich werden mein Partner und ich noch in diesem Jahr in ein anderes Land ziehen. Wir sind jetzt seit fünf Jahren hier und ich mag Indien sehr gerne. Aber ich könnte mir nicht vorstellen, dauerhaft hier zu bleiben - die Lebensansichten und Denkweisen sind doch zu unterschiedlich. Indische Frauen haben zum Beispiel im Berufsleben mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen. Bosch Rexroth hat hier in Indien einige Initiativen gestartet, um mehr Frauen ins Arbeitsleben zu bringen. In unserem Werk hier in Gujarat haben wir die Frauenquote schon deutlich verbessert: Als ich angekommen bin, hatten wir vier Mitarbeiterinnen – mittlerweile sind es 15.

Bei Ihrer Ankunft wurde das neue Werk gerade erst gebaut. Wie hat es sich mittlerweile entwickelt?

Das Werk wurde im März 2013 fertiggestellt und ist dreimal so groß wie das alte. Wir haben bei laufender Produktion die ganze Fertigung vom alten ins neue Werk umgezogen und unsere Kunden währenddessen durchgehend beliefert. Wir fertigen Hydraulik-Ventile, Hydraulik-Zylinder und Großaggregate, die wir zu 90 Prozent in Indien verkaufen. Oft handelt es sich dabei um Produkte, die wir kundenspezifisch fertigen. Seit Januar 2013 bin ich kaufmännische Leiterin für das Werk, und auch mein Partner hat eine neue Aufgabe übernommen und kümmert sich nun um die ganzen technischen Funktionen. Deshalb haben wir uns vor zwei Jahren dazu entschlossen, noch länger in Indien zu bleiben – normalerweise dauern Entsendungen zwischen drei und vier Jahren.

Inwiefern hat sich Ihre Tätigkeit verändert?

Vorher war ich Controllerin, jetzt sind die Logistik und die disziplinarische Verantwortung für den Einkauf dazugekommen. Als kaufmännische Leiterin habe ich wirklich ein sehr spannendes Aufgabenfeld. Mein Tag läuft meistens so ab, dass ich morgens eine Besprechung mit allen Abteilungsleitern habe. Dabei bereden wir die Aufgaben des Tages, gerade auftretende Probleme in der Fertigung, den Status der Kundenprojekte und andere wichtige Themen. Anschließend widme ich mich meinen täglichen Aufgaben: Ich kümmere mich immer noch viel ums Controlling, für das ich ja in meiner früheren Position hauptsächlich zuständig war, und lerne meinen neuen Kollegen ein, der jetzt diese Aufgaben übernommen hat. Ich mache auch Rundgänge in der Werkstatt und kontrolliere Ordnung, Sauberkeit und Sicherheit. 2013 war unsere Arbeit noch sehr darauf ausgerichtet, das neue Werk zu stabilisieren und in sicheres Fahrwasser zubringen. Jetzt können wir so richtig mit neuen Produkten und Projekten loslegen.

Können Sie Beispiele für neue Projekte schildern?

Im neuen Werk wollen wir die Prozesse optimieren und unter anderem in der Logistik effizienter werden. Zum Beispiel hat die Abwicklung von lokal gekauftem Material im Wareneingang ein bis zwei Wochen in Anspruch genommen. Erst dann lag die Ware im Lager und konnte verwendet werden. Also haben wir in einem Projekt überprüft, wie die einzelnen Schritte ablaufen und die Prozesse verschlankt. Dadurch haben wir den Prozess mittlerweile von zwei Wochen auf einen Tag verkürzt. Ein anderes Projekt war, dass die Fertigung sich oft beschwert hat, dass das Handlager zu leer ist. Daher haben wir dort das Kanban-System eingeführt, eine Methode zur Steuerung von Prozessen. Nun werden die Regale wieder aufgefüllt, indem Barcodes abgelesen und die Informationen anschließend automatisch gesendet werden.

Welche Unterschiede zwischen deutscher und indischer Arbeitsweise haben Sie festgestellt?

Die Arbeitsweise unterscheidet sich ganz deutlich: Inder sind Weltmeister im Improvisieren. Sie kommen aus einer Mangelgesellschaft, daher sind sie gewohnt, Dinge schnell und einfach zum Funktionieren zu bringen. Langfristige Nutzung steht dabei nicht so im Vordergrund. Im Vergleich zu Deutschen sind Inder sehr spontan, im Arbeitsalltag passiert vieles ungeplant. Zum Beispiel stehen meine Mitarbeiter oft spontan in meinem Büro und wollen meeten. Das hat Vor- und Nachteile: Wenn man selbst schnell Rückmeldung braucht, geht das meist sehr flexibel. Der Nachteil ist, dass man seinen Tag nicht so gut planen kann. Außerdem sind in Indien persönliche Beziehungen sehr wichtig. Religion und private Angelegenheiten haben grundsätzlich Vorrang – wenn eine wichtige religiöse Veranstaltung stattfindet, kommen die Leute nicht in die Arbeit. Deutsche wiederum kritisieren mehr als Inder, mir wurde hier schon oft gesagt, dass ich zu direkt bin.

Was haben Sie in den letzten Jahren in Indien erlebt und vom Land gesehen?

Indien ist ein unglaublich spannendes Land - es ist wie ein eigener Kontinent. Es ist eigentlich ein Zusammenschluss vieler kleiner Staaten, die sich stark in Sprache, Kultur, Essen, Religion und Werten unterscheiden. Man braucht sehr lang, um Indien wirklich gut kennenzulernen. Fünf Jahre reichen dafür fast noch nicht aus - aber wir haben viele spannende Einblicke bekommen. Die indische Gesellschaft wandelt sich gerade sehr. Der Anteil der unter 25-Jährigen ist in Indien größer als in anderen Ländern. Diese jungen Menschen möchten das, was die Westler auch wollen: sich ihren Lebenspartner selbst wählen und ein erfülltes Berufsleben haben. Dieser Wunsch nach Veränderung hat sich auch bei den letzten Wahlen gezeigt.

Aus Ihrer Erfahrung heraus: Für wen ist Controlling das richtige Betätigungsfeld?

Controller müssen Spaß an Zahlen haben und die Fähigkeit, in einem Zahlensalat etwas zu erkennen. Sie müssen analytisch denken und etwas von Unternehmensprozessen verstehen. Denn nur dann können sie die Zahlen, die vor ihnen liegen, auswerten und verstehen. Controlling ist sehr spannend, weil es eine der wichtigsten Funktionen im Unternehmen ist und man viel Kontakt mit der Unternehmensleitung hat. Man muss sehr genau und sorgfältig arbeiten: Ein Controller liefert dem Management Entscheidungsvorlagen, und die sollten natürlich möglichst detailliert und zuverlässig sein. Man sollte auch nicht zu empfindlich sein, denn man ist ein bisschen die "Polizei" im Unternehmen und weist auf Missstände hin. Ein Controller muss nicht unbedingt Wirtschaftswissenschaftler sein, er kann zum Beispiel auch einen technischen Hintergrund haben.

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