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"Das war eine Lizenz zum Gelddrucken"

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BMG ist als Label von Altstars wie Mick Jagger bekannt. Chef Hartwig Masuch sieht darin auch im Spotify-Zeitalter eine lukrative Zukunft.

Herr Masuch, im Radio läuft gerade dauernd der Hit "Lost on You", Ihre Sängerin LP führt damit in mehreren Ländern die Pop-Charts an. Das hätten wir BMG gar nicht zugetraut ...

Warum das denn nicht?

Es schien, als konzentriere sich BMG auf das Verlegen alter Haudegen wie Mick Jagger, Keith Richards und Roger Waters?

Unsere Zusammenarbeit mit Newcomern und Pop-Künstlern läuft tatsächlich sehr gut, und LP ist deshalb auch kein Einzelfall – wir haben beispielsweise gerade erst einen Autorenvertrag mit Robin Schulz abgeschlossen, der als DJ und Produzent weltweit Riesenhits wie "Sugar" und "Prayer in C" landen konnte. Wir sehen uns als Dienstleister für die Künstler, und das soll auch so bleiben.

Ändern Sie also Ihre Altmeisterstrategie und setzen stärker auf neue Künstler?

Wir wollen den Output vergrößern. Und wir investieren natürlich auch in neue Künstler und werden das ausbauen. Aber die absolute Zahl neuer Bands und Sänger wird bei uns weiter niedrig bleiben – auch weil in einem wachsenden Markt Stückzahlen und Transaktionsvolumina pro erfolgreichen Künstler immer geringer werden, also gerade eine irre Fragmentierung stattfindet.

Aber gerade die Newcomer sorgen doch dafür, dass die lange totgesagte Musikbranche seit zwei Jahren wieder wächst.

Das Märchen von den genialen Musikmanagern, die einen völlig Unbekannten zum Star machen, mit dem sie dann das dicke Geld scheffeln, können Sie vergessen. Für die Langlebigkeit dieser Legende gibt es nur einen Grund: Diejenigen, die suggerieren, sie könnten Stars "machen" oder "breaken", rechtfertigen so ihr Millionengehalt. Tatsächlich sorgen vor allem etablierte Stars und Künstler für Wachstum.

Wie hoch ist deren Anteil am BMG-Umsatz?

Wir bestreiten gut zwei Drittel unserer Umsätze mit sogenanntem Kataloggeschäft, also bereits veröffentlichten Platten, bei denen wir über Rechte und Lizenzen verfügen. In einem wachsenden Musikmarkt haben wir einen wachsenden Bereich etablierter Künstler. Das macht das Geschäft für Investoren interessant, die eine Risikominderung ihrer Investments in Musik schätzen. Für große Teile des Wachstums sind Streamingdienste wie Spotify und Apple Music verantwortlich.

Ist der Kataloganteil dort ebenfalls so hoch?

Spotify und Apple Music erzielen gut 75 Prozent ihrer Umsätze mit bekanntem Repertoire. Deshalb ist es nur logisch, dass wir uns mit unserem Geschäftsmodell vor allem auf diesen Teil der Branche konzentrieren. Wir bringen derzeit unsere Ressourcen in Stellung, um für etablierte Stars, die in nächster Zeit frei werden, genug Kapazitäten zu haben. In den kommenden Jahren läuft eine Reihe hochkarätiger Verträge aus, an denen haben wir großes Interesse. In der Szene hört man etwa von Nobelpreisträger Bob Dylan, Neil Young und Pink Floyd.

Warum sollten die sich von ihren Plattenfirmen trennen und zu Ihnen wechseln wollen?

Weil viele Künstler es leid sind, beim Streaming den Großteil der Einnahmen anderen zu überlassen. Im Digitalgeschäft fallen ja praktisch überhaupt keine Lieferkettenkosten mehr an. Ich muss nichts mehr ausgeben für Pressungen oder Lagerhaltung, sondern schicke schlicht Daten an Spotify und kassiere dafür Geld. Das wissen auch die Musiker und ihre Manager, und deshalb wird die Industrie im digitalen Geschäft die traditionellen Tantiemenmodelle nicht durchhalten können, mit denen sie bisher locker 80 Prozent der Erlöse kassiert hat.

Sondern?

Künstler und ihre Anwälte erwarten im Standardfall eine Fifty-fifty-Teilung zwischen Plattenfirmen und Kreativen. Im Extremfall wird es auf 20 Prozent für die Plattenfirma hinauslaufen. Bei BMG beträgt die Teilung schon 70 zu 30 zugunsten des Künstlers. Einige besonders hochkarätige Stars verzichten ganz auf Plattenfirmen und schließen direkt mit Spotify und Apple ab.

Was heißt das für die traditionellen Majors Universal, Warner Music und Sony?

Auch sie werden viel höhere Tantiemen an die Künstler auszahlen müssen. Bei jeder anstehenden Vertragsverlängerung müssen sie nachgeben, oder sie laufen Gefahr, wieder einen Star zu verlieren. Und das tut richtig weh, denn wenn sie bisher nur 15 Prozent der Streamingerlöse an einen Künstler abdrücken mussten, der ihnen im Jahr fünf, sechs Millionen Euro Umsatz brachte, dann war das eine Lizenz zum Gelddrucken. Das ist vorbei. Die nächsten fünf Jahre dürften für die Majors sehr ungemütlich werden.

Und für Sie?

Im Gegenteil, bei der Gewinnmarge sind wir denen sogar klar voraus. Wir sind jetzt schon die Nummer vier weltweit im Verlagsgeschäft und einer der ersten neuen globalen Player, der sich auch im Aufnahmegeschäft etablieren konnte. Wenn das so weitergeht, setzen wir im nächsten Jahr erstmals eine halbe Milliarde Euro um.

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