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Herr Bäte, leben Sie wild und gefährlich?

Oliver Bäte ist Vorstandsvorsitzender der Allianz SE [Quelle: Allianz]

Quelle: Allianz

Wie lässt sich Sicherheit verkaufen in einer Zeit, in der sich Menschen zu Recht immer unsicherer fühlen? Oliver Bäte krempelt die Ärmel hoch, er glaubt an kalkulierbare Risiken. Der Chef der Allianz weiß: Von einer schlüssigen Antwort hängt ab, wie gut es dem größten Finanzunter nehmen Europas gehen wird.

Er hat sich vorgenommen, heute Abend alles mitzumachen: Die Fragerunde mit rund 150 WirtschaftsWoche-Clubmitgliedern und dem stellvertretenden Chefredakteur Oliver Stock im Münchner Literaturhaus – ohne Tabus. Dann das Stelldichein mit dem Fotografen – ohne Schminke, aber mit der guten Absicht, auf weitere Fragen mit Gesten zu antworten.

Oliver Bäte weiß, dass drei Stunden Konzentration vor ihm liegen. Er ist gut gelaunt. Bäte ist Kölner, er ist an einem Rosenmontag geboren – was soll da schiefgehen, feixt er. Seine Ausbildung trieb ihn nach New York, einen Teil seines Lebens verbrachte er dort als Berater bei McKinsey. Er war für die Versicherer zuständig in einer Zeit, als Banken die interessantere Alternative waren. Banken waren sexy, Versicherer nicht?

Ist der seit anderthalb Jahren amtierende Chef der Allianz ein Langweiler? Manche der 140.000 Mitarbeiter würden sich das wünschen, wenn der 51-Jährige sie auffordert, Gelerntes über Bord zu werfen, sich mehr in die Kunden hineinzuversetzen und Versicherungslösungen zu entwickeln, die dem Gefühl Rechnung tragen, in einer immer unsichereren Welt zu leben.

Dass aus diesem Gefühl nach dem Terroranschlag von Berlin so schnell Gewissheit wird, konnte an diesem Abend niemand ahnen. Als wir kurz nach der Tat noch einmal miteinander reden, wirkt Bäte betroffen. Wie blicke ein Versicherer wie die Allianz auf den Anschlag, fragen wir. Bätes nachdenkliche Antwort: "Terrorismus zielt auf die Einschränkung unserer Freiheit. Damit kann er auch zu Populismus, Protektionismus und Nationalismus führen. Dagegen können wir als Unternehmen nur bedingt etwas tun. Diese Entwicklungen betrachten wir mit Sorge, sie stehen unserer DNS als globales und weltoffenes Unternehmen entgegen. Für eine solche Politik würden wir langfristig alle einen Preis zahlen – auch die Allianz." Wir veröffentlichen hier das vor dem Anschlag geführte Interview.

Herr Bäte, was bringt ein Kölner der Welt mit?

Kölsch natürlich!

Vermissen Sie New York, wo Sie so lange gelebt haben?

Sehr! New York hat eine Dynamik, die es sonst nirgendwo gibt. Ich bin damals mit zwei Koffern und einem Stipendium in die USA gekommen und musste mir einen Job suchen. Da hat man gesehen, dass man mit harter Arbeit Dinge bewegen kann. Das ist in unserer Gesellschaft hier etwas schwieriger. New York ist ein ganz besonderer Mikrokosmos ...

... in dem es keiner für möglich gehalten hat, dass Trump gewählt wird.

Viele New Yorker sind jetzt überrascht über das Wahlergebnis, aber das hat auch damit zu tun, dass sie manchmal etwas ignorant sind gegenüber dem, was im Rest der USA passiert.

Sie haben in New York bei McKinsey angefangen und sich auf Versicherungen spezialisiert. Gab es denn wirklich nichts Spannenderes?

Das war eher Zufall. Ich hatte vorher eine Banklehre gemacht und kannte mich deshalb in der Finanzwirtschaft ein bisschen aus. McKinsey wollte eine Studie zur Kundenzufriedenheit erstellen und hat mich gefragt, ob ich das machen will. Das war Anfang der Neunzigerjahre. Es gab damals wenige, die sich management-technisch mit dieser Branche auseinandergesetzt haben. In der Versicherungsindustrie haben sich die Berater damals stark zurückgehalten.

Warum?

Die Regulierung bei Produkten und Vertriebswegen war sehr streng. Für Innovationen gab es nicht viel Raum. Wir haben aber gesehen, dass das Thema Versicherung sehr nah an unserer Gesellschaft ist: Wenn jemand einen Unfall baut, braucht er Hilfe. Seitdem hat mich das Thema nicht mehr in Ruhe gelassen.

Mein Eindruck ist: Versicherer als Arbeitgeber waren früher für Menschen mit abgeschlossener Banklehre zweite Wahl.

Ja, ich denke, das stimmt schon. Das sieht man ja an den Gehaltsstrukturen und an der Selbstwertschätzung. Dabei wird stark unterschätzt, was die Versicherungen für die Gesellschaft leisten.

Hat sich das mit der Selbstwertschätzung inzwischen geändert?

Ein wenig schon. Aber es gehen immer noch viel mehr junge Leute etwa zu BMW als zu einem Versicherer.

Gehen junge Talente inzwischen nicht viel lieber zu Start-ups?

Ja – und das finde ich klasse, dass wir eine neue Gründerwelle erleben und mal aus unserer Sicherheit und Bequemlichkeit herauskommen.

Ist aber auch blöd für die Allianz als Arbeitgeber ...

... wir haben aber keine Probleme, solche Talente später zu uns zu locken. Manche haben ja irgendwann Familie und wollen keinen 16-Stunden-Tag mehr. Außerdem schafft es nicht jedes Start-up an die Börse. Und über diese Leute freuen wir uns, denn sie bringen einen frischen Geist ins Unternehmen.

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie an jenem Morgen im November das Ergebnis der US-Wahl gesehen haben? "

"Wow – schon wieder eine Überraschung", habe ich gedacht. Wir hatten vorher ja schon den Brexit. Und auch da hatte der Konsens mit seiner Prognose danebengelegen.

Wie wird die Trump-Präsidentschaft Ihr Geschäft treffen?

Ungefähr 35 Prozent unserer Erträge kommen aus den USA, und in ein paar Jahren könnte Amerika ertragstechnisch unser Heimatmarkt sein. Wenn Senat und Repräsentantenhaus zusammenarbeiten, können sie jetzt echte Veränderungen durchsetzen. Trump ist extrem davon getrieben, Erfolg haben zu wollen. Und weil er relativ opportunistisch ist, könnte ich mir vorstellen, dass die Republikaner diese Energie positiv umsetzen können.

Können Sie die Sorgen der Deutschen wegen der Trump-Präsidentschaft verstehen?

Ja. Aber auf der anderen Seite haben wir Deutschen auch am liebsten beim Aufwachen erst mal eine Sorge.

Sorgen wir Journalisten uns zu sehr?

Ja. Es gibt einen Konsens bei ihnen, dass man das jetzt schrecklich findet. Wäre denn die Alternative so viel besser gewesen? Ich fände es zum Beispiel auch schön, wenn man mal die Zeitung aufschlägt und jemand beschreibt, was ein Unternehmen gut gemacht hat. Es ist nicht alles mies.

Dann lassen Sie uns doch über das reden, was bei der Allianz läuft. Die Krise bei Ihrer amerikanischen Kapitalanlagetochter Pimco – gibt es die noch?

Seit dem zweiten Quartal 2013 hatten wir jetzt erstmals wieder Nettozuflüsse bei Pimco. Insgesamt etwa 4,7 Milliarden Dollar von Drittkunden. Ich bin froh darüber, dass wir die Führung neu sortiert haben.

Mit Bill Gross hatte Pimco einen Star an der Spitze. Als er weg war, lief es nicht mehr gut. Wie unerträglich sind Stars in Unternehmen?

Sehr problematisch! Es lief bei Pimco aber schon nicht mehr richtig gut, als Bill Gross noch da war. Das war ja einer der Gründe für den ganzen Ärger. Nachdem der Fed-Chef Ben Bernanke gesagt hatte, er werde die Anleihekäufe drosseln, wurde es schwierig für die Anleihefonds. Die Zentralbanken fingen an, jenseits von ökonomischer Theorie Zinsen zu gestalten.

Wie verhindert man Starkult in einem Unternehmen?

Im Fall Bill Gross war es nicht zu verhindern, weil er der Gründer des erfolgreichsten Vermögensverwalters der Welt war. Gründern fällt es aber oft unheimlich schwer, loszulassen, gerade wenn sie so erfolgreich waren. Man muss im Grunde mit den Stars eine frühe und klare Nachfolgeregelung haben.

Wie sind nun Ihre Prognosen für das US-Geschäft im Trump-Jahr Nummer eins?

Es könnte ein paar positive Effekte geben, etwa durch die von Trump angekündigten Investitionen in die Infrastruktur oder durch Steuersenkungen. Da ist die Börse ja auch schon vorneweg gelaufen. Was die raschen Ankündigungen zum Stopp von Handelsabkommen angeht, hoffe ich, dass da mal etwas Ruhe einkehrt.

Ist TTIP tot?

In der gegenwärtigen Form ist es sehr schwierig.

Trifft das die Allianz?

Nein. Es gibt an diesen Verhandlungsprozessen bei Freihandelsabkommen ja tatsächlich auch einiges zu verbessern. Vor allem, wenn es um Transparenz geht, etwa zu den Standards, die dort verhandelt werden. Dann kann man irrationale Ängste auch besser adressieren. Die Amerikaner behaupten, sie hätten immer alles offen und transparent gemacht. Das stimmt aber nicht.

Sehen wir in den USA eigentlich gerade den Beginn einer weltweiten Zinswende?

In den USA hat die Wende stattgefunden. In der Spitze lagen die Zinsen dort faktisch bei minus vier Prozent. Seit die Fed vor eineinhalb Jahren die Anleihekäufe gestoppt hat, sind wir wieder bei null.

Was ist mit Europa?

Es ist zwar nötig, dass wir aus der Politik des billigen Geldes aussteigen, politisch aber wahrscheinlich schwierig. Die Zentralbank sieht sich ja nicht nur als geldpolitischer Richtungsgeber, sondern auch als Back-up für politisches Versagen.

Was würden Sie dem Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, raten?

Herr Draghi versucht, das Richtige für Europa zu tun. Er hat immer gesagt, er kaufe Zeit für Politik. Nur wenn die Politik nichts tut, muss er bei jeder neuen Krise wieder versuchen zu helfen.

Welche Folgen hat diese Politik?

Innerhalb von zehn Jahren ist der Beitragsaufwand für eine gleich hohe Sofortrente aufgrund niedrigerer Zinsen und höherer Lebenserwartung um rund 30 Prozent gestiegen. Das heißt, viele Deutsche können sich keine ordentliche Altersvorsorge mehr leisten.

Die Inflation ist ja praktisch abgeschafft. Dann ist doch eigentlich alles halb so schlimm. Mein Gespartes wird mir immerhin nicht weginflationiert ...

... das kommt darauf an, wie man Inflation misst. Versuchen Sie mal in München, eine Wohnung zu finden. Oder sehen Sie sich die Kosten für medizinische Versorgung an: Die steigen zwischen vier und sechs Prozent.

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