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Öfter mal was Neues

Quelle: freeimages.com, mjamesno

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Gemeinsam berät es sich besser: McKinsey arbeitet mit Lufthansa und Disney zusammen, Roland Berger verhandelt mit Wirtschaftsprüfern. Der Beratungsmarkt ist in Bewegung wie selten zuvor.

Gewöhnlich haben sie nicht viel gemein, die Unternehmensberatung McKinsey und der Unterhaltungskonzern Walt Disney. Hier die gestrengen Anzugträger, die Bilanzen nach Sparpotential durchkämmen, dort die Spaßmacher im Mickey-Mouse-Kostüm, die Familien eine Ablenkung vom Alltag verschaffen. Doch seit Anfang dieses Jahres rücken diese zwei Welten gelegentlich eng zusammen, dann nämlich, wenn im Rahmen eines neuen Beratungsansatzes Berater von McKinsey gemeinsam mit Mitarbeitern von Disney in Unternehmen anrücken, um deren Kundenservice zu verbessern, neudeutsch "customer experience" genannt.

Auch sonst zeigt sich der Marktführer in der strategischen Managementberatung experimentierfreudig. So hat in dieser Woche ein Gemeinschaftsunternehmen mit Lufthansa Technik in Hamburg seine Arbeit aufgenommen. Ein Team von zehn Mitarbeitern der Beratung und der Fluggesellschaft will unter dem Namen Lumics Unternehmen aus der Luftfahrt, aber auch aus anderen Branchen in der Instandhaltung von Anlagen und der Optimierung der Produktion unterstützen. Zehn weitere Stellen sollen bis Jahresende hinzukommen. Ebenfalls neu in der Angebotspalette der Meckies: die "Capability Center", in denen die Berater Führungskräfte von Unternehmen unter anderem mit den Feinheiten des E-Commerce vertraut machen.

Es gilt das Motto: Öfter mal was Neues. Deutschland zählt international zu den gesättigten Beratungsmärkten. Wer mehr Aufträge will, muss entweder die Preise senken - was die großen Namen der Branche weit von sich weisen -, oder er muss kreativ werden. Hinzu kommt, dass die Beratungsgesellschaften Druck von allen Seiten verspüren. Nicht nur von der Konkurrenz und von den "Inhouse Consultants" der Unternehmen, sondern in wachsendem Maße auch von den Wirtschaftsprüfern, die Beratung als lukratives Geschäftsfeld (wieder) für sich entdecken.

Lange Zeit war unklar, inwieweit die Brüsseler Regulatoren den Wirtschaftsprüfern verbieten würden, unter ihrem Dach auch Unternehmensberatung anzubieten; zeitweise war eine strikte Trennung angedacht. Inzwischen aber hat die EU-Kommission ihre Pläne auf Drängen der Branche derart abgeschwächt, dass der Expansion der Wirtschaftsprüfer im Beratungsgeschäft wenig entgegensteht. In den vergangenen Monaten haben die Prüfer schon mehrfach kleine, stark spezialisierte Beratungshäuser übernommen. Nun wartet die Branche auf einen großen Namen, auf einen Paukenschlag.

Dieser könnte Roland Berger heißen. Die Münchner Unternehmensberatung verhandelt seit Monaten mit gleich drei Wirtschaftsprüfungsunternehmen: Deloitte, mit dem Berger schon 2010 ein Zusammengehen geplant hatte, sowie PWC und Ernst & Young. Vor drei Jahren hatten die Partner den Verkauf in letzter Minute gekippt, nachdem Firmengründer Roland Berger 50 Millionen Euro für die dringend nötige Internationalisierung versprochen hatte. Doch besonders in Amerika sind die Münchner immer noch schwach auf der Brust.

Bis Oktober sollen die Verhandlungen so weit abgeschlossen sein, dass die 250 Partner darüber auf einem außerordentlichen Partnertreffen entscheiden könnten. Es ist aber auch nicht ausgeschlossen, dass sich die Entscheidungsfindung noch bis zur nächsten turnusgemäßen Zusammenkunft der Partner Anfang Dezember hinzieht. Auf 50:50 schätzt Vorstandsvorsitzender Burkhard Schwenker die Chancen für einen Verkauf im Vergleich zur Variante Weiter-so-wie-bisher.

"Wir fusionieren nur dann, wenn das neue Modell einen echten Mehrwert bietet, am Markt, für unsere Kunden und für alle Mitarbeiter", sagt der Mann, der im Mai kurzfristig für den erkrankten Martin Wittig an der Spitze von Roland Berger eingesprungen ist. Anders als so manche seiner Kollegen sieht Schwenker das Haus international gut aufgestellt. Seiner Ansicht nach liegen die Vorteile eines Zusammenschlusses mit einem Wirtschaftsprüfer eher darin, neue Beratungsangebote zu entwickeln, etwa zusammen mit den Bilanzprüfern den Unternehmen in regulatorischen Fragen zur Seite zu stehen. Was er nicht sagt: Durch den Zusammenschluss mit einem Wirtschaftsprüfer könnten die Berger-Berater auf elegante Weise in niedrigere Preissegmente vorstoßen.

Mit wachsendem Unbehagen beobachten die hochpreisigen Strategieberater, wie die Einkaufsabteilungen der Unternehmen immer häufiger konzernartige und IT-lastige Gemischtwarenberatungen wie Accenture mit Aufträgen bedenken. Hier die Optimierung eines Computersystems, dort ein neuer Lieferkettenprozess: Klein-Klein, so sahen es die Edelberater lange und verwiesen auf Premiumqualität zu Premiumpreisen - Tagessätze von mehreren tausend Euro sind im Top-Segment Usus. Inzwischen findet gleichwohl ein Umdenken statt, wollen auch sie einen Teil vom Massenmarkt abhaben.

Dass McKinsey seit Jahren keine Umsatzzahlen mehr veröffentlicht und sich Jahr für Jahr mit der Formel begnügt, "auf hohem Niveau profitabel gewachsen" zu sein, bietet Raum für Spekulationen: Wie groß ist die Nachfrage nach teuren Strategieberatern noch? Dass die Boston Consulting Group, in Deutschland nach McKinsey und vor Roland Berger die Nummer zwei, für das vergangene Jahr Stagnation vermeldete, macht die Sache nicht besser - zumal kurz zuvor der Bundesverband der Unternehmensberater für den Gesamtmarkt noch erfreut ein Wachstum von 8 Prozent bilanziert hatte.

Die lange erwartete Konsolidierung in der Beratungsbranche - in diesem Jahr könnte sie tatsächlich Fahrt aufnehmen. Das gilt nicht nur mit Blick auf Roland Berger. Immer wieder kursieren Gerüchte, dass Accenture die Strategieberatung Booz übernehmen könnte, eine der mittelgroßen Gesellschaften auf dem Beratungsmarkt. Dem Vernehmen nach hat der Dienstleistungskonzern die Bücher von Booz bereits einer genauen Prüfung unterzogen. Erfahrung in derartigen Gesprächen hätte Booz jedenfalls: Vor drei Jahren gab es Verhandlungen über eine Fusion mit dem ähnlich aufgestellten Wettbewerber A.T. Kearney, das Vorhaben scheiterte dann jedoch.

A.T. Kearney-Deutschlandchef Martin Sonnenschein beobachtet das derzeitige Treiben gelassen. Zwar spürt auch er den Druck zu wachsen, schließlich soll sich der Umsatz binnen sieben Jahren international verdoppeln. Doch geht es nach Sonnenschein, soll das im Alleingang gelingen. Zu schlecht sind die Erinnerungen an jene Zeit, als A.T. Kearney noch Teil des IT-Dienstleisters EDS war. "Wir werden sicherlich deutlich mehr Berater einstellen als bislang", sagt Sonnenschein, "aber wir werden unabhängig bleiben."

Die Beratungsbranche im Überblick [Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH/Bundesverband Deutscher Unternehmensberater; Lündendonk/Foto Frank Röth/F.A.Z.-Grafik Walter]

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Bildquelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH/Bundesverband Deutscher Unternehmensberater; Lündendonk/Foto Frank Röth/F.A.Z.-Grafik Walter

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