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Als Deutscher an der Wall Street

Wall Street (Quelle: freeimages.com, Autor: linder6580)

Quelle: freeimages.com, linder6580

Sie haben im wichtigsten Finanzzentrum der Welt Karriere gemacht. Ohne die Faszination für das ganz große Geld und eine Ausbildung an einer der amerikanischen Elitehochschulen klappt das selten.

Am Anfang war es ein Spiel – das Planspiel Börse. Jedes Jahr laden das Handelsblatt und die Sparkassen Schüler und Studenten ein, an den Aktienmärkten zu handeln, ihr virtuelles Startkapital zu vermehren. Thomas Rudy fand als Jugendlicher Gefallen am Spiel – und der Börse. So sehr, dass er danach nicht nur von seinem Taschengeld ein paar echte Aktien gekauft hat, sondern sich ihr verschrieben hat.

Heute besitzt Rudy, ein schlanker, eloquenter Mann von 31 Jahren, einen eigenen Hedgefonds. Er handelt immer noch mit Aktien – aber nach allen Regeln der Kunst. Wer bei ihm mitspielen will, sollte mindestens 2,5 Millionen Dollar (rund 1,9 Millionen Euro) mitbringen. Sein Weg führte ihn von Ludwigshafen, einem Dorf mit 3.000 Einwohnern am Bodensee, nach New York. Seine Firma, bestehend aus ihm, zwei Analysten und jemandem in der Verwaltung, sitzt an der Wall Street, dem Finanzzentrum Amerikas.

Rudy ist ein Beispiel dafür, dass man es auch als Deutscher an der Wall Street zu etwas bringen kann. Wer die Faszination für das ganz große Geldgeschäft in New York mitbringt und zudem eine Ausbildung an einer der besten Hochschulen des Landes vorweisen kann, hat gute Chancen, wirklich ins Herz des Finanzzentrums der USA vorzudringen.

Der Abschluss einer Elite-Universität zählt

Rudys Eintrittskarte in die große Finanzwelt war ein Wirtschaftsstudium an der Columbia Universität in New York. "Ich hatte Glück, dass ich genommen wurde", sagte er. Denn auch mit einem Notenschnitt von 1,3 ist das keineswegs selbstverständlich. Ihm half, dass er sich bei der Global Young Leader Conference engagiert hatte, "einer Art kleinen UN für Schüler", wie er sagt. Und dass er einen Finanzier hatte: "Meinem Vater verdanke ich, dass ich das Studium machen konnte, er hat einen Kredit aufgenommen, um das zu bezahlen." 37.000 Dollar kostete das damals pro Jahr, inzwischen sind es mehr als 40.000, einschließlich Wohnung und Essen ist man schnell bei 50.000 Dollar. Studienkredite gibt es nur für Amerikaner, und Stipendien sind für Ausländer sehr schwer zu ergattern.

Keine Strategie zu haben ist eine Strategie

Die Columbia nimmt bis zu drei Bewerber aus Deutschland pro Jahr, sagt er. Er muss es wissen, denn inzwischen sucht er diese Bewerber selbst mit aus. Noten spielen eine Rolle, aber auch die Persönlichkeit und die Interessen. Wie an allen US-Universitäten, wird auch der Sport hoch geschätzt. Dennoch gilt: "Es kann auch einem Deutschen Meister im Judo oder jemandem mit einem Schnitt von 1,0 passieren, dass er abgelehnt wird. Man muss auch Glück haben." Wer sich bewirbt, wird häufig zu einem Interview mit einem Ehemaligen, zum Beispiel ihm, eingeladen. Nur manchmal gelingt der Einstieg auch ohne.

Der Abschluss an der Columbia verschaffte ihm den Einstieg bei der Citibank. Er gehörte dort zu einer Gruppe, die beim Verkauf von Fußball-Klubs mitmischte und beriet. "Das war wie das Videospiel 'Bundesliga-Manager', nur in echt", sagt er. Seine Gruppe hatte unter anderem mit Transaktionen der Klubs Liverpool und Chelsea zu tun.

"Ich hätte diesen Job nie für etwas anderes aufgegeben außer dafür, mich selbstständig zu machen", sagt Rudy. Und das tat er, ausgerechnet 2008, im Horrorjahr der Finanzkrise. "Da gab es große Kursschwankungen und damit auch große Chancen", erzählt er.

Die erste Aktie, die er für seine eigene Firma kaufte, war Apple. Das erste Geld bekam er von seiner Sparkasse in Deutschland, am Bodensee, der Berater kannte ihn noch aus der Schulzeit. Seine Strategie ist simpel. "Ich habe keine Strategie", sagt er. Denn jede Börsensituation ist anders. Zurzeit hält er sich an das Prinzip, unterbewertete Aktien zu suchen. In den nächsten Jahren will er auch in junge Unternehmen investieren, die nicht an der Börse notiert sind. Angefangen hat er schon mit zwei Neugründungen, die Software für "Financial Education" entwickeln, also den Amerikanern den Umgang mit Geld beibringen wollen. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise ist das ein Riesenthema.

Auch privat ist der Hedgefonds-Manager, der jede Entscheidung selbst trifft, zufrieden. Er trägt stolz eine Nadel mit einem kleinen Brillanten, die ihn als Präsidenten des Rotary Clubs der Wall Street ausweist. Vor kurzem hat er eine New Yorkerin geheiratet – die auch ihre eigene Firma hat, im Eventmanagement.

Es mag sein, dass die Finanzkrise Vorbehalte gegen Banken und die USA hervorgerufen hat. Aber nicht bei Leuten, die schon als Jugendliche vom Spiel um das große Geld fasziniert waren. Und dieses Spiel ist in New York spannender als zu Hause. Ein aus Deutschland stammender Fondsmanager, der ebenfalls beim Handelsblatt-Börsenspiel das Metier entdeckt hat, sagt: "Hier in New York erfahre ich mehr über Deutschland als in Deutschland selbst. Denn hierher kommen die Firmen, um Kapital einzusammeln."

Begeistert erzählt er davon, wie er neulich den Chef der Commerzbank persönlich und intensiv nach seiner Strategie befragen konnte. Ihm half ebenfalls eine amerikanische Elite-Universität beim Einstieg in den Vereinigten Staaten: Er hat ein Auslandsjahr an der Traditionsuniversität Harvard verbracht. Für Studium und Promotion war er zuvor in die Schweiz gegangen, die Universität St. Gallen gilt in Europa als eine der angesehensten betriebswirtschaftlichen Kaderschmieden. "Die kennt in den USA kein Mensch."

Wie schwer der Einstieg ohne die richtige Hochschule im Lebenslauf ist, weiß auch Tobias Moerschen, der heute in leitender Funktion bei der Ratingagentur Moody’s arbeitet. Zusätzlich zu VWL-Diplom von der Universität Köln hat er einen Master of Business Administration (MBA) an der Columbia University in New York gemacht. Und zuvor noch einen Abschluss als sogenannter Certified Financial Analyst (CFA): Das ist eine praxisorientierte Ausbildung aus den USA und dort entsprechend angesehen, wird aber auch in Deutschland angeboten. Sie kostet einige Tausend Euro und wird überwiegend im Selbststudium mit anschließenden Prüfungen absolviert – mit zweieinhalb Jahren muss man schon rechnen.

Der CFA ist auch eine gute Visitenkarte für Harm Bandholz. Ihn hat zudem ein solides Studium der Volkswirtschaft in Hamburg mit anschließender Promotion nach New York gebracht. Dass er kein US-Studium brauchte, hat einen einfachen Grund: Er wurde von Unicredit, einer europäischen Bank, nach Amerika geschickt, wo er heute als Chefvolkswirt arbeitet.

Leute, die ihre Wichtigkeit nicht überbetonen

Bandholz’ Weg in die USA hat noch eine Besonderheit: Er hat seine Arbeitserlaubnis – die Greencard – über ein Verfahren bekommen, das kaum jemand kennt: Er hat sich als Person von "außerordentlichen Fähigkeiten" einstufen lassen. Dabei waren Referenzen seiner Kunden, aber auch Zitate in Zeitungen hilfreich. Auf diese Weise konnte er eine schwierige Hürde überwinden: Bei normalen Greencards muss die Firma glaubhaft machen, dass sie beim besten Willen keinen Amerikaner für den Job finden kann – nicht so einfach in einer Stadt wie New York, wo viele gut ausgebildete Leute leben.

Reiner Kirchgässner dagegen ist auf dem einfachsten Weg zu einer Greencard gekommen: über seine Frau. Er hat eine Amerikanerin geheiratet und bekam nach zwei Jahren die begehrte unbefristete Arbeitserlaubnis. Leger mit hellem T-Shirt gekleidet und im Umgang völlig unkompliziert wirkt er nicht wie ein Topmanager. Das findet man häufig in New York: Leute, die ihre eigene Wichtigkeit nicht überbetonen. Kirchgässner ist Chef der Abteilung für Fusionen und Übernahmen des US-Versicherers Ace. Dort hat er seit 2006 zwölf Zukäufe weltweit mit einem Volumen von sechs Milliarden Dollar gemanagt. Nach Umsatz gerechnet entspricht das rund einem Viertel der heutigen Gruppe.

Irgendwann spielt der Pass keine Rolle mehr

Sein Weg nach New York führte über einen Umweg – London. Er hat dort, um sein deutsches BWL-Studium zu ergänzen, einen MBA an der renommierten Henley Business School gemacht. Dank des Studiums und einiger Jahre Berufserfahrung bei McKinsey hatte er so die Chance, bei JP Morgan in London einzusteigen. Nach einem zweijährigen Ausflug in der Private-Equity-Branche kehrte er 2001 zur großen US-Bank zurück – diesmal aber nach New York. Nach einem Abstecher bei der Deutschen Bank an der Wall Street wechselte er zum Versicherer Ace.

Kirchgässner, der aus Karlsruhe stammt, hatte also vor dem Sprung über den Atlantik gleich zwei Anknüpfungspunkte, einen privaten und einen beruflichen. "Ich weiß nicht, ob ich sonst den Mut gehabt hätte, mich da drüben zu bewerben", erzählt er. Er hat es nicht bereut. "Unsere meisten Freunde sind Amerikaner!", sagt er. "Wir haben unsere Kinder auf die amerikanische Schule geschickt und nicht auf eine deutsche." Spielt der deutsche Pass dann überhaupt noch eine Rolle? Hedgefonds-Besitzer Rudy überlegt einen Moment. Nein, eigentlich überhaupt nicht, sagt er dann. In diesem Punkt sind sich alle einig: Wenn man einmal "drin" ist in der New Yorker Geschäftswelt, ist die Nationalität unwichtig. Diese Stadt hat Platz für jeden, der erfolgreich beim Spiel um das große Geld mithalten kann.

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