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Wie die Investmentbanker reich wurden

Finanzen, Geldscheine [Quelle: freeimages, Autor: v_hujer]

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Ein Veteran der Londoner City schildert, wie sich seine Branche in den vergangenen Jahrzehnten in einen Selbstbedienungsladen verwandelt hat. Die Aufgabe des Trennbankensystems hält er für den 'Sündenfall'.

Der ältere Herr, der in der Lobby eines Luxushotels im Londoner West End wartet, hat sich zu einem offenen Gespräch bereit erklärt. Er ist Investmentbanker und hat viele Jahre lang im europäischen und amerikanischen Geldgewerbe gearbeitet. Der Mann war Spitzenmanager mehrerer internationaler Investmentbanken und ist in der globalen Finanzwelt bestens vernetzt. Er ist eine Art wandelndes Geschichtsbuch der City. Mittlerweile hat sich der Banker weitgehend aus dem Geschäft zurückgezogen. Den eigenen Namen möchte er aber mit Rücksicht auf seinen früheren Arbeitgeber lieber nicht in der Zeitung lesen. Das Thema ist ihm zu heikel.

Wer verdient mehr: der Maschinenbauingenieur in einem Industrieunternehmen oder der Investmentbanker in der Londoner City? Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen – und doch ist es kein Naturgesetz, dass in der Welt der Banken das Geld vom Himmel fällt. Wirtschaftsforscher an der Universität Oxford haben anhand amtlicher Statistiken nachgerechnet und sind zu überraschenden Ergebnissen gekommen: Noch Mitte der siebziger Jahre konnten in Großbritannien nicht nur Ingenieure, sondern auch Anwälte, Architekten und andere Berufsgruppen mit einem höheren Einkommen rechnen als die Herren des Geldes in der City. Heute dagegen verdient ein Banker im Durchschnitt mehr als doppelt so viel wie ein Ingenieur und hat auch alle anderen untersuchten Professionen mit Ausnahme der Ärzte weit hinter sich gelassen.

Hohe Boni trotz Verluste

Was also ist in den vergangenen vier Jahrzehnten geschehen? Welche Kräfte haben die Banker-Einkommen in solche Höhen getrieben? Um diese Fragen soll sich das Gespräch mit dem altgedienten Investmentbanker drehen. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Der Manager, der lange Zeit Teil des Systems war, sagt, seine Branche sei "letztlich zu einem Selbstbedienungsladen geworden" – eine Art Kasino, in dem die Spieler viel gewinnen und nichts verlieren können.

Das Thema ist so brisant wie nie zuvor. Die Banken schätzten "den Bonus von heute noch immer höher ein als die Geschäftsbeziehungen von morgen", kritisierte in der vergangenen Woche Christine Lagarde, die Direktorin des Internationalen Währungsfonds, und attestierte der Branche, sie verweigere sich noch immer "hartnäckig" dem Wandel. In diesem Frühjahr brachten üppige Bonuszahlungen im Kapitalmarktgeschäft trotz magerer Ergebnisse die beiden führenden europäischen Investmentbanken – die Deutsche Bank und den britischen Rivalen Barclays – in arge Erklärungsnöte gegenüber ihren Aktionären. Auch die Bezahlpraktiken anderer europäischer Institute wie Credit Suisse und HSBC sind im Eigentümerkreis sehr umstritten.

Bei Barclays waren im Jahr 2013 die milliardenschweren Bonuszahlungen für die Mitarbeiter fast dreimal so hoch wie die Dividenden für die Aktionäre. Im Fall der Deutschen Bank rechnen Analysten vor, das Investmentbanking habe einschließlich mittlerweile ausgegliederter Problemgeschäfte in den vergangenen beiden Jahren Verluste in dreistelliger Millionenhöhe verursacht. Dennoch habe die Deutsche Bank für diesen Zeitraum rund 4,5 Milliarden Euro an Mitarbeiter-Boni verteilt, der Löwenanteil ging an die Investmentbanker.

Als die Banker zu Angestellten wurden

Die Zeitreise in die Bankengeschichte beginnt in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts: "Ihr werdet reich sein. Aber erst wenn ihr sechzig seid", das sei die Ansage seines damaligen Arbeitgebers, eines großen amerikanischen Instituts, gewesen, erinnert sich der Banker. Investmentbanken waren zu jener Zeit üblicherweise nicht börsennotiert. Die Banker waren als Partner Miteigentümer, ähnlich wie das heute noch etwa bei Anwaltskanzleien und Wirtschaftsprüfern üblich ist. "Die Boni waren viel niedriger als heute", sagt der Bankenveteran. Dafür konnte man in den alten Tagen, wenn man in den Ruhestand ging, darauf hoffen, seinen Unternehmensanteil in einen Batzen Geld umzutauschen. "Als Miteigentümer hatte man eine Gesamtverantwortung. Anders als bei den Boni-Zahlungen von heute war man nicht nur an den Gewinnen, sondern auch an den Verlusten beteiligt, und das hatte natürlich Einfluss auf das Risikobewusstsein", sagt er.

Aber der Banker als Unternehmer war schon in den siebziger Jahren ein Auslaufmodell. Im Jahr 1971 ging Merrill Lynch als erste der führenden amerikanischen Investmentbanken an die Börse. Eigentümer der Bank waren von nun an großteils externe Aktionäre. Die Banker wurden zu Angestellten. In den achtziger und neunziger Jahren folgten Konkurrenten wie Morgan Stanley, Bear Stearns und Lehman Brothers diesem Schritt. Im Jahr 1999 ging mit Goldman Sachs die letzte große Investmentbank der New Yorker Wall Street an den Aktienmarkt. "Damit hat sich die Geschäftsgrundlage in der Branche verändert", sagt der Banker: "Die Investmentbanker sagten: Wir sind jetzt keine Teilhaber mehr. Wenn wir bleiben sollen, dann müsst ihr uns dafür bezahlen."

Gedopt mit dem Kapital der Geschäftsbanken

Als eigentlichen "Sündenfall" sieht er jedoch eine andere Zäsur an: "Die Aufgabe des Trennbankensystems hat die Weltfinanzkrise von 2008 verursacht", glaubt der Banker. Der sogenannte Glass Steagall Act hatte seit dem Jahr 1933 vorgeschrieben, dass amerikanische Geschäftsbanken nicht im Investmentbanking aktiv sein durften und umgekehrt. Das Geschäft mit Einlagen und Krediten sollte nicht mit der Emission und dem Handel von Wertpapieren und anderen Geschäften an den Finanzmärkten vermischt werden. Mit der Trennungslinie zog die amerikanische Regierung die Konsequenzen aus der Erfahrung der damals gerade überstandenen Weltwirtschaftskrise, die das Finanzsystem an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hatte.

Formell abgeschafft wurde das Trennbankensystem in den Vereinigten Staaten zwar erst im Jahr 1999, doch schon zuvor waren die Regeln zunehmend aufgeweicht worden. 1990 übernahm die Schweizer Geschäftsbank Credit Suisse die Kontrolle über die kurz vor der Insolvenz stehende amerikanische Investmentbank First Boston. Die amerikanische Notenbank nahm diesen klaren Bruch des Glass Steagall Acts bewusst in Kauf, um den Zusammenbruch von First Boston zu verhindern. "Das war ein Dammbruch", sagt der Banker. In den folgenden Jahren expandierten viele europäische und amerikanische Geschäftsbanken im Investmentbanking, darunter Institute wie die Citicorp, Société Générale, BNP und die Royal Bank of Scotland. Die Deutsche Bank übernahm im Jahr 1998 für 10 Milliarden Dollar die amerikanische Investmentbank Bankers Trust, die vor allem im aufstrebenden Derivategeschäft eine starke Marktposition hatte.

Die Kombination des Know-how der Investmentbanker mit der Kapitalstärke führender Geschäftsbanken führte zu einem revolutionären Wandel. "Plötzlich standen den Investmentbankern die großen Bilanzen der Geschäftsbanken zur Verfügung", sagt der Banker. Das Kapital wirkte wie Doping und machte das Investmentbanking in den neunziger Jahren zu einer Geldmaschine, deren Räder sich immer schneller drehten – und die Einkommensspirale drehte sich mit.

Weiter auf Kollisionskurs mit dem Rest der Welt

"Investmentbanker bestreiten das zwar häufig, aber letztlich können viele nicht zuletzt deshalb so gut verdienen, weil sie die Bilanzstärke ihrer Bank nutzen", sagt der Branchenkenner. Die Kreditabteilung der Bank spielt häufig Türöffner für die Investmentbanker: Es ist in der Branche gang und gäbe, dass etwa eine Bank einem Unternehmen, das an die Börse strebt, vorab ein Darlehen gewährt und sich im Gegenzug den Auftrag für die spätere Aktienplazierung sichert. Auch Beratungsmandate der Investmentbanker bei Unternehmensübernahmen sind oft an Darlehen zur Finanzierung des Kaufs gekoppelt. Im Geschäft mit Finanzderivaten wiederum brauchen Banken eine starke Bilanz, um zum Beispiel Fluggesellschaften Hedging-Kontrakte zur Absicherung gegen steigende Treibstoffpreise anbieten zu können. Der Kapitalmarktexperte hat einen drastischen Ausdruck für diese Vermischung der Geschäftsmodelle: "raping the balance sheet" – die Vergewaltigung der Bankbilanz durch die Investmentbanker.

Und was bringt die Zukunft? Das Problem sei weiter ungelöst, glaubt der Banker: "Die Fehlentwicklungen der Bonikultur wurden in Nuancen angegangen, aber sie sind nicht wirklich korrigiert worden." Weiterhin verteilten die Investmentbanken auch für schlechte Ergebnisse hohe Boni. Ein halbes Jahrzehnt nach der Beinahe-Kernschmelze des globalen Finanzsystems sieht der Bankenveteran die Geldhäuser unverändert auf Kollisionskurs mit dem Rest der Welt. "Wenn eine Branche, die total versagt hat, trotzdem so viel bezahlt, dann verletzt das ein natürliches Gerechtigkeitsempfinden", sagt er: "Die Banken müssen einen Weg finden, ihre Mitarbeiter in einer Art und Weise zu entlohnen, die für die Gesellschaft akzeptabel ist."

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