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Das Kreuz mit den Kreuzchen: Patient Medizinstudium

Wo bleibt die Reform?
Zu viel Auswendiggelerntes, zu viele Multiple-Choice Tests, zu wenig Praxis: Die Kritikpunkte am Medizinstudium sind bekannt. Gleichzeitig steigt die Zahl der Studienabbrecher und -wechsler beständig. Der Deutsche Ärztetag fordert seit Jahren eine grundlegende Reform. Doch der Prozess schleppt sich dahin; viele Entwürfe verstauben in Schubladen.
 

Das Studium krankt an Praxisferne
 Die Approbationsordnung für Ärzte, die als Bundesgesetz die Ausbildung im Fach Medizin regelt, formuliert in § 1 (1) das Ausbildungsziel: Das Studium ist interdisziplinär angelegt und auf die Vorbereitung der beruflichen Tätigkeit ausgerichtet. Soviel zur Theorie. Seit Beginn der Approbationsordnung fordern Studenten wie Lehrende eine Anpassung an die wirklichen Bedürfnisse der Medizinstudenten. Geschehen ist wenig. Im April 2002 hat der Bundesrat zwar eine neue Approbationsordnung verabschiedet. Viele Reformen - wie auch die Abschaffung der AiP-Zeit - erfordern jedoch eine erneute Überarbeitung dieser Auflage.
 Manche Universitäten nutzten jedoch die Freiräume der Verordnungen. Die beiden ersten der folgenden Angebote sind daraus entstanden:

  • Aus der "AG Reformstudiengang" entwickelte sich an der Berliner Charité 1999 der wohl bekannteste Reformstudiengang Medizin. Ziel: Den Studenten in gleicher Studienzeit mit gleichem Abschluss von Beginn an praktische Fertigkeiten vermitteln. Die Trennung von Vorklinik und Klinik gibt es nicht, Physikum und erstes Staatsexamen werden durch neue Prüfungsformen (Schreiben von Essays statt Multiple-Choice Fragen) ersetzt.
     
  • An der privaten Universität Witten/Herdecke gibt es seit 1983 den Modellstudiengang Medizin. Patienten- und Praxisorientierung stehen im Mittelpunkt der Ausbildung. Als Zusatzstudiengänge stehen zum Beispiel die "Traditionelle Chinesische Medizin" und "Pharmazeutische Medizin" zur Auswahl.
     
  • Die Universität Bielefeld bietet ab dem WS 2002 den neuen Studiengang Bachelor of Health Communication (BHC) an. Die Zahl der Bewerbungen überstieg die Zahl der Studienplätze bereits um das Doppelte. Die Universität Bielefeld ist außerdem seit 1989 der erste Anbieter eines Master of Public Health in Deutschland. Voraussetzung hierfür ist ein abgeschlossenes Hochschulstudium und Praxis im Gesundheitswesen von mindestens einem Jahr.
     
  • Für niedergelassene Ärzte und Krankenhausärzte gibt es an der Universität Lüneburg den ersten akkreditierten MBA im deutschen Gesundheitswesen. Der MBA läuft im zweiten Jahrgang. Nähere Informationen zur Bewerbung gibt es auf der Site des Zentrums für Wissenschaftliche Weiterbildung.
     
  • In der Serie "Neue Studiengänge" stellen wir den Studiengang Medizininformatik vor. Mit der Kombination aus EDV-Kenntnissen und Medizin bietet dieses Studium eine interessante Schnittstelle.

Warum einen Reformstudiengang studieren?
 e-fellow Robert, 27, ist in einem reformierten Medizinstudiengang an der Uni Witten/Herdecke im 11. Semester eingeschrieben. Davor studierte er zwei Semester lang Medizin in Halle/Saale. Robert kennt also beide Seiten und hat sich klar für den Reformstudiengang entschieden. Warum? "Weil man hier vom ersten Semester an Patientenkontakt hat! Außerdem hatte ich in Halle einfach nie das Gefühl, ernst genommen zu werden. Das Medizinstudium ist sowieso schon recht verschult und theorielastig. Warum muss man es dann noch in so abstrakten Einheiten vermitteln?"
 

Arzt werden, nicht Wissenschaftler
 Robert sieht die Lösung im POL, das heißt "Problemorientiertes Lernen". POL steht für einen neuen Lernansatz, der vernetztes Denken fördern soll. In Witten/Herdecke sind seit fast 10 Jahren sämtliche Lerninhalte diesem Ansatz untergeordnet. Robert: "Es kommt zwar drauf an, welcher Lerntyp man ist. Mir persönlich kommt es aber einfach entgegen, Probleme im Kontext zu lernen. Beispiel: Oma H. fällt hin und bricht sich den Oberschenkel. Dann habe ich hier ganz verschiedene Lernbereiche in einem Problem vereint: Anatomie, Physiologie des Kreislaufs und physikalische Fragen nach Druck- und Zugkräften. Macht es nicht mehr Sinn, diese kontextbezogen zu lernen als völlig abstrakt? Schließlich will ich doch Arzt werden und nicht Wissenschaftler!"

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