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Die Arbeitswelt der Zukunft [© motorradcbr - Fotolia.com]

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Nehmen uns Roboter und Digitalisierung die Arbeit weg? Kann sein. Aber Freizeit ist ja auch gut. Fünf Thesen zur Zukunft der Arbeit.

Müssen wir uns bald alle als digitale Tagelöhner verdingen? Oder werden Maschinen und Roboter uns auch die letzte Chance auf einen Broterwerb wegschnappen? Stirbt das normale Arbeitsverhältnis aus? In diesen Tagen ist viel von Arbeit 4.0 die Rede und von einer neuen – bedrohlichen – Arbeitswelt. Wissenschaftler warnen vor radikalen Veränderungen, die Bundesregierung will sich mit einem Konzept dafür wappnen, und die Gewerkschaften versprachen zum 1. Mai treuherzig: "Die Arbeit der Zukunft gestalten wir!" Was steht uns da bevor?

1. Wir werden nicht häufiger den Arbeitsplatz wechseln müssen als heute

Seit Jahren erzählen Früher-war-alles-besser-Gläubige die gleiche Geschichte: Früher arbeitete man ein Leben lang beim selben Arbeitgeber und bekam zum 40-jährigen Firmenjubiläum eine goldene Uhr geschenkt. Heute aber (oder schon sehr bald) muss man ständig von einem Job zum anderen springen. Einen festen Schreibtisch im Büro wird dann niemand mehr haben. Treue zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, das ist ein Ding von gestern.

Tatsächlich spiegelt sich das in Statistiken bisher nicht wieder. Forscher, die ermitteln, wie lange Arbeitnehmer bereits bei ihrem derzeitigen Betrieb beschäftigt sind, kommen seit Jahrzehnten zum gleichen Ergebnis: Im Durchschnitt sind Deutschlands Werktätige seit etwa zehn Jahren bei ihrem aktuellen Arbeitgeber angestellt. So war es in den 1980ern, so war es in den 1990ern, so ist es heute. Allenfalls beim Start in das Berufsleben wechseln die Jüngeren öfter die Stelle als früher. In ihrer Gesamtheit sind die Beschäftigungsverhältnisse aber so stabil wie eh und je. Übrigens nicht nur in Deutschland, auch in Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien. Das belegt eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Es gibt einen guten Grund, anzunehmen, dass wir auch in Zukunft keineswegs häufiger den Job wechseln werden. Das Wesen der Arbeit verändert sich, sie wird immer anspruchsvoller. Vor zwanzig, dreißig Jahren gingen noch Hunderttausende zum Malochen in den Hafen oder in eine Fabrik, und manchmal halfen sie auch auf dem Bau aus oder in der Landwirtschaft. In den Büros wiederum verrichteten viele Angestellte in Buchhaltung oder Sekretariat häufig schlichte Aufgaben – Abheften, Archivieren, Abschreiben. Heute gibt es weniger einfache Tätigkeiten. Immer mehr Menschen brauchen schon als Grundvoraussetzung für ihren Job eine ziemlich lange Ausbildung, etwa Abitur, Studium und Referendariat. Und die Aufgaben werden immer spezieller. Jemand, der als Applikationsingenieur in der Schadteilanalyse oder als Mathematiker im Bereich Kompositsparten, Schwerpunkt Reserving, arbeitet, muss schon ziemlich lange ausholen, um einem Außenstehenden zu erklären, was er da eigentlich tut.

Das macht es für Arbeitnehmer nicht einfacher, mal eben den Job zu wechseln. Aber auch Arbeitgeber können weniger leicht Arbeitskräfte hin und her schieben. Die allermeisten von uns werden daher auch in Zukunft nicht als digitale Tagelöhner, Job-Nomaden oder Patchworker (so hieß das in den Neunzigern) ihr Geld verdienen.

2. Wir sollten Normalarbeit neu definieren

Gute Arbeit hat nur, wer den ganzen Tag arbeitet. So ist jedenfalls in Deutschland das Verständnis von einem Normalarbeitsverhältnis. Als solches gilt eine Stelle, die unbefristet und voll sozialversichert ist, nicht von einer Zeitarbeitsfirma angeboten wird und eben in Vollzeit ausgefüllt wird. Alles andere bezeichnen Politiker und Sozialexperten häufig als atypisch, prekär und irgendwie minderwertig.

Diese Definition sollten wir ändern. Nicht, weil Normalarbeit ausstürbe. Danach sah es zwischen den 1990er Jahren und Mitte der 2000er Jahre tatsächlich aus. Seit 2005 geht die Entwicklung aber in die andere Richtung, seitdem gibt es keinerlei Zuwachs mehr bei befristeten Jobs, bei ausschließlich geringfügig Beschäftigten (Minijobber) oder bei den kleinen Selbstständigen ohne Angestellten (Solo-Selbstständige). Stattdessen nahm die Zahl der klassischen Normalarbeitsplätze wieder zu, um mehr als eine Million. Damit ist der frühere Rückgang noch nicht ausgeglichen, aber wir sind eben schon wieder auf einem anderen Kurs – und das seit einem Jahrzehnt.

Das Normalarbeitsverhältnis ist also nicht tot, es lebt, für zwei von drei Erwerbstätigen ist es Realität. Als Norm für Gesetze und als Maßstab für die allein selig machende Arbeit sollten wir es aber überdenken. Für Eltern beispielsweise, die beide berufstätig sein und doch Zeit für ihre Kinder haben wollen, ist Vollzeit nicht unbedingt erstrebenswert. Wenn das Einkommen reicht, wäre ihnen mit zweimal 20 oder 30 Stunden eher gedient. So ein Modell gilt aber immer noch als "unnormal" und wird sozialrechtlich massiv benachteiligt: Die gesetzliche Krankenkasse verlangt doppelt Beiträge (statt der kostenlosen Mitversicherung bei einem Alleinverdiener), und auch die Beitragsbemessungsgrenzen in der Pflege-, der Arbeitslosen- und der Rentenversicherung greifen bei Teilzeitgehältern meist nicht. Bei einem Alleinverdiener mit hohem Einkommen dämpfen sie dagegen deutlich die Abgabenlast.

Wir brauchen faire Bedingungen für Vielfalt. "Atypische" Beschäftigung in Teilzeit ist nicht per se schlecht. Schlecht ist vor allem, wie der Sozialstaat atypisch Beschäftigte behandelt.

3. Roboter und Computer bedeuten nicht das Ende der Arbeit

Ökonomen aus den USA warnen, uns stehe ein neues Zeitalter bevor, ein Zeitalter der Maschinen. Früher verdrängten Roboter Arbeiter am Fließband, dann machten Computer Routinejobs im Büro überflüssig, bald, sagen die Experten, könnten lernfähige Algorithmen auch Rechtsanwälte oder Ärzte ersetzen.

Die Techniken und Szenarien, die diese Experten anführen, wirken in der Tat bedrohlich. Allerdings haben Ökonomen und Utopisten schon oft das Ende der Arbeit beschworen. Entscheidend dürfte sein, ob es zu einem abrupten Automatisierungsschub kommt oder ob sich der eher beständige Wandel fortsetzt, den wir aus den vergangenen Jahrzehnten schon kennen. Auch da veränderten sich ja Berufsbilder radikal, verschwanden ganze Branchen. Das war nie leicht für die Betroffenen, aber zugleich entstanden anderswo neue Jobs. Das ist auch weiterhin möglich, wie selbst einige der Experten einräumen, die vor den Maschinen warnen.

Auf den Arbeitsmarkt wirken außerdem noch ganz andere Kräfte. In den kommenden Jahren gehen die Babyboomer in Pension. Viele Menschen unterschätzen immer noch, wie krass die demografische Entwicklung ist. Bis zum Jahr 2050 wird die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter in Deutschland von heute rund 45 Millionen auf 29 Millionen sinken. Das ist ein Rückgang um 36 Prozent.

Womöglich ziehen also zur gleichen Zeit die Algorithmen in die Büros ein, in der sich viele Arbeitnehmer von dort verabschieden. Bedeutet das unter dem Strich dann mehr Arbeitslosigkeit oder doch einen weiteren Schritt zur Vollbeschäftigung? Niemand kann das seriös vorhersagen.

Sicher ist nur: Roboter und Computer verändern die Arbeit. Stumpfe Routineaufgaben werden seltener, komplexe Tätigkeiten häufiger. An Bedeutung gewinnen außerdem Berufe, die Kreativität erfordern, soziale Kompetenzen und menschliche Zuwendung.

4. Wir brauchen eine Agentur für Arbeit und Bildung

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles hat den Gedanken schon ins Spiel gebracht: Aus der Bundesagentur für Arbeit könnte eine Agentur für Arbeit und Bildung werden. Die Arbeitsverwaltung würde dann nicht nur neue Jobs für Menschen suchen, die ihre Stelle verloren haben, sie würde auch vorbeugend Weiterbildungen und Schulungen vermitteln.

Der Gedanke ist gut. Dass Bildung – und Weiterbildung – wichtiger werden, ist ja eine Binsenweisheit. Aber gerade berufsbegleitend passiert in Deutschland wenig. Ob allerdings die Nürnberger Behörde die richtige Institution ist, um diese Bildungsprozesse zu organisieren, daran kann man zweifeln. Jedenfalls klagen Arbeitslose heute oft, sie würden in den Jobcentern und Arbeitsagenturen nur schlecht beraten. Auf jeden Fall müssten die Mittel für Umschulung und Weiterbildung deutlich aufgestockt werden. Und: Fachhochschulen sowie Universitäten sollten stärker zur beruflichen Weiterbildung beitragen.

5. Warum wir Arbeitslosigkeit künftig anders messen sollten

Seit mehr als vierzig Jahren sinkt die durchschnittliche Arbeitszeit pro Kopf. Heute ist der Samstag in der Regel frei, in vielen Firmen gilt die 35- statt der 42-Stunden-Woche, Arbeitnehmer haben mehr Urlaub, sie nehmen Pflegezeiten, Erziehungszeiten oder Sabbaticals in Anspruch, und vor allem wächst – seit Jahrzehnten – die Teilzeitbeschäftigung.

Hinter dieser Arbeitszeitverkürzung steckt nicht in jedem Fall eine bewusste Entscheidung. So gaben in einer Umfrage des Statistischen Bundesamtes ein Viertel der Teilzeitbeschäftigten an, sie hätten einfach keine Vollzeitstelle gefunden. Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings: Drei Viertel suchten gar keine Vollzeit. Es ist deshalb falsch, den Trend zu weniger Arbeit pro Kopf in Bausch und Bogen zu verdammen, wie es häufig geschieht. Wenn wir dank technischem Fortschritt jedes Jahr pro Arbeitsstunde mehr und bessere Güter produzieren können, dann lässt sich dieser Wohlstandszuwachs ja verschieden nutzen. Entweder arbeiten wir weiter wie bisher und gönnen uns das noch besser ausgestattete Auto, die noch tollere Fernreise, das noch coolere iSpielzeug – oder wir leisten uns ein wenig mehr Freizeit.

Nicht alle Arbeitnehmer haben diese Wahl. Etwa wenn ihr Einkommen nur für das Allernötigste reicht. Aber für viele Menschen wäre sie durchaus denkbar. Der Staat sollte diese Wahlfreiheit nach Kräften fördern, ohne eine bestimmte Kombination aus Arbeit und Freizeit zu bevorzugen. Das sollte das oberste Ziel der Arbeitsmarktpolitik sein.

Um festzustellen, wieweit wir auf diesem Weg vorankommen, sollten wir zwischen gewünschter und unfreiwilliger Teilzeit genau unterscheiden. Es sollte regelmäßig durch Befragungen ermittelt werden, wie viele Menschen mehr oder weniger arbeiten möchten. Schließlich gehört zu der monatlichen Zahl der Arbeitslosen genauso eine Statistik über die Zahl der Teilarbeitslosen. Erstrebenswert ist nicht Vollbeschäftigung, sondern – auch wenn das utopisch klingen mag – die Beschäftigung nach Maß.

© ZEIT Online (Link zum Originalartikel)

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