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Wie Städte krank machen

Stadt, Stress, Menschenmengen [Quelle: unsplash.com, Autor: Mike Wilson]

Quelle: unsplash.com, Mike Wilson

Das urbane Leben ist für viele Menschen eine Belastung. Forscher haben jetzt neben dem Lärm eine weitere Ursache ausgemacht: Die oft endlose Jagd nach einer passenden Bleibe. Die passende Therapie-Idee liefern sie gleich mit.

Seitdem Lisa Seiffert aus einem pfälzischen Weindorf nach Frankfurt am Main gezogen ist, hadert sie mit der Stadt. Es ist ihr einfach zu viel. Die Enge der U-Bahn-Waggons und die Menschenmassen auf der Einkaufsstraße Zeil bedrängen die Bankangestellte. Ständig Staus und Lärm. Das Schlimmste für die Neu-Frankfurterin ist jedoch die Wohnungssuche. Seit zwei Jahren sucht sie eine passende Bleibe, eine kleine bezahlbare Single-Wohnung. Diese Suche, die ständige Unsicherheit, aber vor allem die vielen Härten, mit denen man bei Bewerbung und Besichtigung konfrontiert wird, geben ihr gerade den Rest.

"Der Mietmarkt ist völlig verroht", sagt Seiffert. "Auf Anfragen antworten die meisten Anbieter nicht. Wenn ja, wird ein Profil verlangt: Adresse, Art des Arbeitsverhältnisses, monatliches Einkommen, Familienstand, Haustiere. Und beim Besichtigungstermin wird gnadenlos aussortiert", sagt sie. Seiffert hat schon etliche schlaflose Nächte hinter sich. "Und ich bin reizbarer als früher", sagt sie.

Für abgehärtete Großstädter ist eine harte Wohnungssuche nichts Neues. Doch ein Blick von außen, wie der von Lisa Seiffert, macht deutlich, welchem täglichen Wahnsinn man in den zurzeit so beliebten und von massiver Zuwanderung geprägten Großstädten ausgesetzt ist.

Die Wissenschaft hat sich bisher vor allem mit den Folgen von Lärm und Enge auseinandergesetzt. Mit der Wohnungsknappheit kommt jedoch ein Stressfaktor hinzu, dessen Folgen noch gar nicht richtig absehbar sind. Sicher scheint: Wer zu lange ohne feste Wohnung lebt und es nicht schafft, sich der Stadt anzupassen, wird krank.

Zwei Jahre ohne ständigen Wohnsitz

Lisa Seiffert beispielsweise haben die vielen irreführenden Versprechungen in den Wohnungsanzeigen zugesetzt. "Südlage mit Balkon" hieß es da etwa. Bei der Besichtigung stellte sich jedoch heraus: Der Blick geht über eine Wiese hinweg direkt auf die Autobahn.

"Großzügig geschnittene Räume" erweisen sich als schmale Zimmer, für die Annonce extra mit Ultra-Weitwinkel aufgenommen. Die Dreifachverglasung der Fenster wird angepriesen, aber nicht miterklärt, dass der Krach der Züge auf den nahe gelegenen Schienen sonst nicht zu ertragen wäre. "Ein Makler wollte mir eine Wohnung mit Nordausrichtung schmackhaft machen, weil ich mir dort keinen Sonnenbrand holen könne", erzählt Seiffert.

Sie lacht, aber mit Fröhlichkeit hat das nichts zu tun. Die Mittdreißigerin hat ein gutes Gehalt, und doch ist sie verzweifelt. Sie hat bei Freunden gewohnt, in einer schäbigen Pension, bei einem Liebhaber, bei Kollegen. Zwei Jahre ohne ständigen Wohnsitz. "Die meisten Wohnungen gehen unter der Hand weg", sagt sie. "Kennt ein Kollege aus meiner Bank einen Vermieter, kann ich mich auf ihn berufen." Das sei geschehen, aber bisher hat "Vitamin B" nicht gewirkt.

Psychiater glauben, dass die Wohnungssuche zum Gesundheitsrisiko werden kann. Weil die Zahl der verfügbaren und bezahlbaren Wohnungen zurückgeht und gleichzeitig vielerorts nachverdichtet und aufgestockt wird, wird es enger, voller, und die Suchenden gehen immer mehr Kompromisse ein. Ein Stressfaktor, sagen Experten. Auch die Wohnqualität spielt eine Rolle – Lage, Schallschutz, Abstandsgrün und Nachbarschaft.

Der Psychiater Jan Kalbitzer von der Berliner Charité ist sich sicher, dass eine andauernde Wohnungssuche zusätzlichen Stress erzeugt: "Stresshormone wirken auf den Fettstoffwechsel, wir setzen ungesundes Bauchfett an", so Kalbitzer. "Und sie wirken vielfältig im Gehirn: Wir grübeln mehr, erinnern uns nicht mehr so gut und schlafen schlechter." Die AOK in Nordrhein-Westfalen stellte in einer Umfrage zum zurückliegenden Semesterstart fest: Die Wohnungssuche rangiert bei Studenten als Stressfaktor nur noch knapp hinter den Herausforderungen des Studiums selbst.

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