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Wie Städte krank machen

Großstadt [Quelle: unsplash.com, Peter John Maridable]

Quelle: unsplash.com, Peter John Maridable

Das urbane Leben ist für viele Menschen eine Belastung. Forscher haben jetzt neben dem Lärm eine weitere Ursache ausgemacht: Die oft endlose Jagd nach einer passenden Bleibe. Die passende Therapie-Idee liefern sie gleich mit.

Seitdem Lisa Seiffert aus einem pfälzischen Weindorf nach Frankfurt am Main gezogen ist, hadert sie mit der Stadt. Es ist ihr einfach zu viel. Die Enge der U-Bahn-Waggons und die Menschenmassen auf der Einkaufsstraße Zeil bedrängen die Bankangestellte. Ständig Staus und Lärm. Das Schlimmste für die Neu-Frankfurterin ist jedoch die Wohnungssuche. Seit zwei Jahren sucht sie eine passende Bleibe, eine kleine bezahlbare Single-Wohnung. Diese Suche, die ständige Unsicherheit, aber vor allem die vielen Härten, mit denen man bei Bewerbung und Besichtigung konfrontiert wird, geben ihr gerade den Rest.

"Der Mietmarkt ist völlig verroht", sagt Seiffert. "Auf Anfragen antworten die meisten Anbieter nicht. Wenn ja, wird ein Profil verlangt: Adresse, Art des Arbeitsverhältnisses, monatliches Einkommen, Familienstand, Haustiere. Und beim Besichtigungstermin wird gnadenlos aussortiert", sagt sie. Seiffert hat schon etliche schlaflose Nächte hinter sich. "Und ich bin reizbarer als früher", sagt sie.

Für abgehärtete Großstädter ist eine harte Wohnungssuche nichts Neues. Doch ein Blick von außen, wie der von Lisa Seiffert, macht deutlich, welchem täglichen Wahnsinn man in den zurzeit so beliebten und von massiver Zuwanderung geprägten Großstädten ausgesetzt ist.

Die Wissenschaft hat sich bisher vor allem mit den Folgen von Lärm und Enge auseinandergesetzt. Mit der Wohnungsknappheit kommt jedoch ein Stressfaktor hinzu, dessen Folgen noch gar nicht richtig absehbar sind. Sicher scheint: Wer zu lange ohne feste Wohnung lebt und es nicht schafft, sich der Stadt anzupassen, wird krank.

Zwei Jahre ohne ständigen Wohnsitz

Lisa Seiffert beispielsweise haben die vielen irreführenden Versprechungen in den Wohnungsanzeigen zugesetzt. "Südlage mit Balkon" hieß es da etwa. Bei der Besichtigung stellte sich jedoch heraus: Der Blick geht über eine Wiese hinweg direkt auf die Autobahn.

"Großzügig geschnittene Räume" erweisen sich als schmale Zimmer, für die Annonce extra mit Ultra-Weitwinkel aufgenommen. Die Dreifachverglasung der Fenster wird angepriesen, aber nicht miterklärt, dass der Krach der Züge auf den nahe gelegenen Schienen sonst nicht zu ertragen wäre. "Ein Makler wollte mir eine Wohnung mit Nordausrichtung schmackhaft machen, weil ich mir dort keinen Sonnenbrand holen könne", erzählt Seiffert.

Sie lacht, aber mit Fröhlichkeit hat das nichts zu tun. Die Mittdreißigerin hat ein gutes Gehalt, und doch ist sie verzweifelt. Sie hat bei Freunden gewohnt, in einer schäbigen Pension, bei einem Liebhaber, bei Kollegen. Zwei Jahre ohne ständigen Wohnsitz. "Die meisten Wohnungen gehen unter der Hand weg", sagt sie. "Kennt ein Kollege aus meiner Bank einen Vermieter, kann ich mich auf ihn berufen." Das sei geschehen, aber bisher hat "Vitamin B" nicht gewirkt.

Psychiater glauben, dass die Wohnungssuche zum Gesundheitsrisiko werden kann. Weil die Zahl der verfügbaren und bezahlbaren Wohnungen zurückgeht und gleichzeitig vielerorts nachverdichtet und aufgestockt wird, wird es enger, voller, und die Suchenden gehen immer mehr Kompromisse ein. Ein Stressfaktor, sagen Experten. Auch die Wohnqualität spielt eine Rolle – Lage, Schallschutz, Abstandsgrün und Nachbarschaft.

Der Psychiater Jan Kalbitzer von der Berliner Charité ist sich sicher, dass eine andauernde Wohnungssuche zusätzlichen Stress erzeugt: "Stresshormone wirken auf den Fettstoffwechsel, wir setzen ungesundes Bauchfett an", so Kalbitzer. "Und sie wirken vielfältig im Gehirn: Wir grübeln mehr, erinnern uns nicht mehr so gut und schlafen schlechter." Die AOK in Nordrhein-Westfalen stellte in einer Umfrage zum zurückliegenden Semesterstart fest: Die Wohnungssuche rangiert bei Studenten als Stressfaktor nur noch knapp hinter den Herausforderungen des Studiums selbst.

Warum Städte uns krank machen

Seit einigen Jahren gibt es einen Wissenschaftszweig, der sich mit Stadt-Stress beschäftigt: die Neurourbanistik. Sie sammelt Erkenntnisse aus "Neurowissenschaften, Medizin, Stadtplanung, Sozialwissenschaften und Architektur", schreibt der Psychiater Mazda Adli, der den Forschungsbereich Affektive Störungen an der Charité Berlin leitet. Der Sohn eines iranischen Diplomaten, 1969 in Köln geboren, hat vor Kurzem das Buch "Stress and the City. Warum Städte uns krank machen. Und warum sie trotzdem gut für uns sind" veröffentlicht.

Sein Fazit: Der Städter muss der Stadt gewachsen sein, um mit ihren Umständen zurechtzukommen. Das zeichnet sich auch in der persönlichen Verfassung ab. "Wer seine Kindheit in der Stadt verbracht hat, zeigt nicht nur eine veränderte Struktur in bestimmten Gehirnbereichen, sondern verarbeitet auch Stress anders als jemand, der auf dem Land aufgewachsen ist", so Adli. Käme Lisa Seiffert als Patientin zu ihm, würde er ihr raten, sie solle "irgendwo eine geringfügige soziale Grenze oder persönliche Konvention überschreiten, um sich ein Gefühl der Aneignung zu verschaffen".

Dem überbordenden Angebot der Stadt und dem drohenden "Too-much-choice-Effekt" könne man mit einer "Tunnelblickstrategie" begegnen. Damit grenze man sich ab von dem, was einen an der Stadt störe, und suche sich zielbewusst das heraus, was einem guttue. Wer vom Land in die Stadt ziehe, dem bleibe nichts anderes übrig, als sich "eine gute Mischung aus Durchsetzungskraft und Anpassungsfähigkeit" zuzulegen.

Wichtig ist die Pflege des "Sozialkapitals"

Als ein Überschreiten der sozialen Grenze gilt Wissenschaftlern das innere Selbstgespräch. Es sei "Ausdruck unseres menschlichen Intellekts", so Psychotherapeut Sven Tönnies von der Universität Hamburg. "Menschen, die wenig mit sich auf diese Weise in Kontakt treten, haben oft psychosomatische Beschwerden. Sie können ihre Probleme nicht ausdrücken, stattdessen schlagen ihnen diese auf den Magen, schießen in den Rücken oder bereiten Kopfschmerzen."

Menschen unterhalten sich etwa ein Drittel der Tageszeit im Stillen mit sich selbst und bestärken sich dabei. Sportler haben weniger Erfolg, wenn sie nicht die richtigen Worte an sich selbst richten. Wenn sie sich ermuntern, auch verbal aufpeitschen, kommen sie über belastende Momente besser hinweg. Das trifft auch für Patienten in der Psychotherapie zu.

Ein anderer Ratschlag kommt von dem international renommierten Münchner Depressionsforscher Florian Holboer. Er verweist auf die Bedeutung von Freunden und Bekannten. Ein Durchschnittsstädter habe 25 Personen in seinem unmittelbaren sozialen Netz. Vier bis sechs Personen sind Verwandte, die anderen Nachbarn, Freunde im Verein oder beim Sport. Die Hälfte der Beziehungen in diesem Netz ist bedeutsam, zwei Drittel werden als unterstützend erlebt. Die Pflege dieses "Sozialkapitals" sei außerordentlich wichtig und helfe bei Stress, sagt Holsboer.

Amygdala wächst mit der Stadtgröße

Doch ob solche Ratschläge wirklich helfen, den Stadt-Stress zu überwinden? Schließlich ist die Wissenschaft auch davon überzeugt, dass diese Form von Stress schon pathologische Züge trägt. Angsterkrankungen und Depressionen kommen bei Menschen, die in der Stadt leben, etwa 30 bis 40 Prozent häufiger vor als bei Landbewohnern. Das Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit kam vor wenigen Jahren in einer Studie zu der Erkenntniss, dass sich die Hirnstruktur ändert, wenn man in der Stadt lebt und dabei sozialem Stress ausgesetzt ist.

In entsprechenden Tests zeigte sich, dass die sogenannte Amygdala, das Angstzentrum im limbischen System, umso aktiver war, je größer die Stadt war, die der Proband bewohnte. Davon dürften künftig immer mehr Menschen betroffen sein. Bis zum Jahr 2050 werden nach Schätzungen der Vereinten Nationen 70 Prozent aller Menschen in Ballungsräumen wohnen. Der Kampf um Wohnraum wird sich weiter verschärfen – und damit der Stress.

Die Grenzen ihrer persönlichen Belastbarkeit sieht die Neu-Frankfurterin Lisa Seiffert bald erreicht. Ohne es zu wissen, hält sie sich zwar schon eine Weile an einen der Tipps aus Mazda Adlis Buch: die Tunnelblickstrategie. "Du kriegst die Wohnung, du kriegst sie ...", sagt sie sich immer wieder, bei jeder Bewerbung um eine neue Bleibe. Nur fragt sie sich, wie lange sie das noch durchhalten kann.

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