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Aufwachen, St. Pauli!

Personalmarketing im Internet bei Bertelsmann [Bildquelle: freeimages.com, Autor: dizzydance]

Quelle: freeimages.com, dizzydance

In Hamburgs erstem Pre-Work-Club machen sich junge Menschen fit für den Arbeitstag. Sie tanzen zu Elektromusik, essen Müsli und trinken Smoothies. Das kann böse enden.

Es ist kurz nach neun am Morgen und ich bin entschlossen, meine Prinzipien aufzugeben. Ich kette mein Rad an einer Straßenlaterne an und gehe auf die andere Seite der Davidstraße. Mein Arbeitstag hat noch nicht begonnen, aber ich will mir schon einen reinhämmern, ich will in die Kneipe  "Zum Anker" und Schnaps trinken.

Wie es so weit kommen konnte? Dafür müssen wir zwei Stunden zurückgehen. Zu diesem Zeitpunkt bin ich mit meinem Rad unterwegs Richtung Kiez. So früh verlasse ich selten die Wohnung. Meistens sitze ich um diese Zeit mit einer Zeitung in der Küche. Oft fallen mir die Augen zu und ich muss wieder von vorn anfangen. Manchmal gebe ich auf. Ich lege mich dann auf die Couch, wache eine Weile später auf und gucke erschrocken auf meine Uhr, weil ich in fünf Minuten im Büro sein wollte.

Ich bin, könnte man denken, der perfekte Gast für Hanna Wedekind und Sonja Weber. Die beiden Mitzwanzigerinnen wollen mit ihrer "Tanzschule für elektronische Tanzmusik" Leute wie mich motivieren. Solche, denen es schwer fällt, sich an einen mehr oder weniger starren Aufstehen-Arbeiten-Feierabend-Schlafen-Kreislauf zu gewöhnen. Sie verlegen dafür das, wovon viele während der Arbeit träumen, einfach auf davor: an einer Bar stehen und tanzen. Nur ohne Alkohol. Ohne Drogen.

Die Joghurt-Shots sind noch nicht fertig

Pre-Work-Club, so nennt sich das, was Studentin Hanna und die selbstständige Grafikdesignerin Sonja mit einem leicht sperrigen Titel versehen haben. An einem Mittwochmorgen veranstalten sie ihn zum zweiten Mal auf St. Pauli. Beginn: sieben in der Früh. Ende: elf Uhr. In New York, London und Berlin gibt es so etwas längst. In Hamburg bislang nicht.

Der Kiez ist zwar nicht mehr so verrucht, wie er es mal war. Er ist aber noch immer nachts am grellsten. Morgens ist Stille. Das Lehmitz, das Cowboy & Indianer, das Herzblut, alle zu. Dass dagegen nun das Häkken im Klubhaus St. Pauli aufbegehrt, sorgt für viel Aufmerksamkeit in der Stadt. Zur Premiere vor wenigen Wochen kam gleich mal ein Bild-Reporter und streamte live auf Facebook. Auch ich war fasziniert. Lässt sich die morgendliche Behäbigkeit wirklich so einfach austricksen?

"Eigentlich würdest du jetzt noch einen Joghurt-Shot bekommen, aber die sind noch nicht fertig", sagt die junge Frau am Eingang des Clubs, als ich einen Fünf-Euro-Schein in einen Plastikbecher knülle. Der Eintritt ist frei, eine Spende erwünscht. Eben noch fuhr ich an einer Gruppe von Straßenfegern vorbei, die Kaffeepause machten, und dachte darüber nach, wie kindisch ich mir vorkommen würde, erzählte ich ihnen, was ich vorhabe. Jetzt versuche ich, souverän zu wirken.

Ach ja, Livepainting gibt's auch noch

Viele sind noch nicht da, als ich den schlichten Raum im Klubhaus St. Pauli betrete. Zwei Bärtige und eine Kurzhaarige in Nike-Sportschuhen bewegen sich zur elektronischen Tanzmusik von DJ Robert Mycer. Umschwirrt werden sie dabei von zwei Fotografen. "Die machen Bilder für unseren Social-Media-Auftritt", erzählt mir Hanna, als wir zusammen an der Bar sitzen. Ich umklammere meine Cappuccino-Tasse und nicke. Ich stelle ihr Fragen, verstehe aber bei der lauten Musik nur Fragmente ihrer Antworten. "Feiern", "tanzen", "socializing", notiere ich mir.

Hanna möchte tanzen. Ich bleibe sitzen und esse das Bananenbrot zu Ende, das ich mir an dem Stand neben dem Eingang gekauft habe. Es hätte dort auch Müsli gegeben, damit kann ich aber mal so gar nichts anfangen. Während sich die Tanzfläche langsam füllt, gehe ich dafür die Getränketafel durch: Blattspinat-Clementine-Trauben-O-Saft-Smoothie? Beeren-Mango-Smoothie? Oder Granatapfel-Kokoswasser? Mmh, ganz schwer. Ich entscheide mich für Variante eins.

Hendrik will mich nicht im Bild haben

Ich schlürfte so lange an einem Strohalm, bis die Eiswürfel fast geschmolzen sind, und sehne mich nach meiner Couch. Gegenüber beginnt eine Künstlerin, eine Leinwand zu bemalen. Livepainting, richtig, davon hatten mir Hanna und Sonja vorhin erzählt. Das soll inspirieren. Gute Idee, bei mir funktioniert es nicht.

Dann tippt mich ein schmächtiger Typ mit langen Haaren an, der sich, glaube ich, als Hendrik vorstellt. "Willst du nicht mal mitkommen?", fragt Hendrik mich. Will er flirten oder Drogen verkaufen?, denke ich. Aber Hendrik ist kein Dealer, eher so eine Art Security-Mann. Um mich herum hat sich ein Kamerateam von Sat.1 positioniert und Hendrik will mich nicht im Bild haben, wie ich so dahocke.

Hendrik nimmt mich mit auf den Balkon. Unter uns trotten Kiezbewohner zur Arbeit über den Spielbudenplatz. Drinnen, hinter einer beschlagenen Scheibe, tanzen etwa 50 schöne Menschen. Sie studieren oder haben kreative Berufe mit flexiblen Arbeitszeiten. Sie fühlen sich frei und sind doch gefangen. Vielleicht gefangener als die Straßenfeger von vorhin. Die hatten Pause von und nicht für die Arbeit.

Übrig bleibt ein Ohrwurm

Sie mache derzeit morgens eh Work-out, erzählt mir eine dieser Kreativen, nachdem mich Hendrik in Ruhe gelassen hat und ich mit einem weiteren Kaffee am Tresen stehe. Da passe es gut, dass es jetzt einen Pre-Work-Club gäbe. Work-out und Work-Club, im Prinzip dasselbe. In mir sträubt es sich. Clubs und Bars sind für mich Orte der Unvernunft, nicht der Vernunft. Ich will sie nicht besuchen, um fit zu werden. Ich tanze, um einen erfolgreichen Arbeitstag zu feiern oder einen beschissenen zu vergessen. In einem guten Club denkt man nicht ans Danach.

Als ich mir diese Gedanken mache, überkommt mich das starke Verlangen, mich von den Müsli essenden Work-Life-Balance-Suboptimierern um mich herum zu distanzieren. Ich verlasse das Häkken und stehe kurz darauf vor der Kneipe Zum Anker. Wenn ich so früh in einem Club war, erscheine ich mit einer Alkoholfahne, nicht mit Spinat zwischen den Zähnen im Büro! Meine kleine Rebellion endete jedoch abrupt: Der Anker hat nicht, wie ich annahm, immer geöffnet, sondern wochentags von zehn bis fünf.

Ich rüttele ein paar Mal an der Tür, dann gebe ich auf. Als ich meinem Kollegen wenig später auf dem Flur begegne, ist alles wie immer. Kurze Begrüßung, Rechner hochfahren. Nur müder bin ich. Und DJ Myxer hat mir einen Ohrwurm mitgegeben, seinetwegen summe ich den Refrain eines Songs des dänischen Duos Laid Back: "You got to cool down, relax, take it easy". Immerhin was.

© ZEIT Online (Zur Original-Version des Artikels)

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