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Bitte ein bisschen mehr Gleichgültigkeit

Work-Life-Balance, Gleichgültigkeit [Quelle: pexels.com]

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Je stärker Angestellte sich mit ihrem Arbeitgeber identifizieren, desto besser? Von wegen: Eine neue Studie warnt vor zu viel Hingabe.

Das Entsetzen in Chefetagen und Personalabteilungen muss groß gewesen sein, als der aktuelle Engagement Index des US-Meinungsforschungsinstituts Gallup erschien. Nur 16 Prozent der Deutschen identifizieren sich stark mit ihrem Arbeitgeber.

Doch während Unternehmen aufgebracht nach den Gründen für so viel Gleichgültigkeit suchen und Strategien entwickeln, die Mitarbeiter emotional enger an sich zu binden, können vier Forscherinnen der Colorado-State-Universität diesem Ergebnis durchaus Positives abgewinnen. Denn sie kommen in einer kürzlich veröffentlichten Studie zu einem ganz anderen Ergebnis: Hohe Identifikation mit dem Arbeitgeber kann durchaus negative Folgen haben.

Das widerspricht allem, was Ökonomen, Betriebswirte und Psychologen in den vergangenen 25 Jahren herausgefunden haben. "Typischerweise gehen Untersuchungen davon aus, dass Identifikation gut ist", schreibt Assistenzprofessorin Samantha Conroy, "sowohl für das Individuum als auch die Organisation."

Dieser Glaube hat sichtbare Folgen. Arbeitgeber etwa brüsten sich auf ihren Internetseiten mit der engen Beziehung zu ihren Mitarbeitern. Unternehmensberater trichtern ihren Kunden ein, dass Identifikation gleichbedeutend mit mehr Leistung und geringerer Fluktuation ist. Eine Studie der WHU – Otto Beisheim School of Management hat kürzlich sogar herausgefunden, dass Ärger im Job bei Mitarbeitern nicht zu Resignation führt, sondern diese zusätzlich anspornt – vorausgesetzt, sie identifizieren sich mit ihrem Arbeitgeber.

Das mag alles stimmen, ist aber dennoch nur die halbe Wahrheit. Denn die Übersichtsstudie der vier US-Wissenschaftlerinnen zeigt: Je nach Situation und Charakter des Mitarbeiters kann Identifikation auch gefährlich sein.

Die sechs Gefahren

Um dies zu belegen, werteten sie 40 Studien aus den vergangenen Jahrzehnten aus. Und dabei filterten sie sechs negative Folgen von zu viel Hingabe heraus.

  • Unethisches Verhalten. Es beginnt damit, Verfehlungen des Unternehmens zu ignorieren, und endet damit, dass Mitarbeiter selbst unmoralisch handeln, um dem geliebten Arbeitgeber einen Vorteil zu verschaffen – etwa durch Schmiergeld an Kunden.
  • Geringe Veränderungsbereitschaft. Werden etwa Aufgaben neu verteilt, ist das mitunter mehr als eine Änderung der Jobbeschreibung. Die Forscherinnen sprechen gar von einer "Bedrohung der Identität". Vor allem gewichtige Ereignisse wie Fusionen und Übernahmen sind heikel, da die eingeschworene Gemeinschaft Neuankömmlinge als Fremdkörper betrachtet.
  • Weniger Leistung. Vor allem die kreative Arbeit leide, konstatieren die Forscherinnen. Denn: Die Mitarbeiter sind so sehr in den scheinbar guten alten Strukturen gefangen, dass innovatives Denken unmöglich ist.
  • Mehr Konflikte. Weil die Mitarbeiter das eigene Unternehmen und seine Belegschaft besonders positiv wahrnehmen, empfinden sie Fremde als weniger vertrauenswürdig. Darunter leiden Kooperationen mit anderen Unternehmen. Aber auch die hohen Erwartungen an die Kollegen bergen Konfliktpotenzial.
  • Höheres Leiden. So wie ein Mitarbeiter umso stärker von Erfolgen zehrt, je mehr er sich mit seinem Arbeitgeber identifiziert, umso stärker leidet er unter Niederlagen. Ist das Unternehmen in einen Skandal verstrickt, schämen sich diese Mitarbeiter dafür regelrecht.
  • Geringeres Wohlbefinden. Ohne Arbeit ist alles nichts, aber Arbeit ist auch nicht alles. Hat der Job zu große Bedeutung, kommt es irgendwann zwangsläufig zu Konflikten – etwa mit dem Partner.

Generell hat Samantha Conroy nichts gegen Engagement. Allerdings dürfe es nicht verherrlicht werden: "Die Frage ist nun, wie die negativen Folgen verhindert werden." Eine Antwort will sie demnächst in einer neuen Studie suchen.

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