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Wie mobil müssen wir sein?

Haus bauen (Quelle: freeimages.com, Autor: ljleavell)

Quelle: freeimages.com, ljleavell

Viele Variablen im Berufsleben sind Verhandlungssache – eine Konstante aber können Arbeitnehmer kaum beeinflussen: den Unternehmensstandort und damit ihren Arbeitsplatz. Was also tun, wenn der Traumjob fern der Heimat liegt? Wie legitim ist es, seine Priorität auf den Ort und nicht das Unternehmen zu legen? Und wie können Arbeitgeber der Heimatverbundenheit ihrer Mitarbeiter entgegenkommen? Aktuelle Zahlen, Initiativen und vier ganz individuelle Meinungen zum Spagat zwischen Heimat und Karriere.

Heimat ist en vogue: Das erkennt man nicht nur daran, dass die sechs Buchstaben Produkte vom Kochbuch übers Duschgel bis zum Edel-Gin zieren. Auch neue Studien bestätigen, dass die Deutschen sich nicht so leicht aus heimischen Gefilden locken lassen – schon gar nicht von der Karriere. Lediglich 23 Prozent aller Bundesbürger würden für ihren Traumjob innerhalb Deutschlands umziehen, so die Ergebnisse einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage des Personaldienstleisters Manpower ("Jobwechsel 2016"). Zum Schritt ins europäische oder außereuropäische Ausland wären nur 12 beziehungsweise 11 Prozent der Deutschen bereit. In einer Forsa-Studie im Auftrag von XING gaben 2014 sogar nur acht Prozent der Befragten an, dass sie sich einen Umzug im gesamten Bundesgebiet (jenseits des 200-Kilometer-Radius um den jetzigen Wohnort) vorstellen könnten.

Heimat: Luxusgut oder Notwendigkeit?

Mit ihrem Hang zur Sesshaftigkeit liegen die Deutschen im internationalen Vergleich weit vorne. Rund um den Globus – ob in China, Spanien oder den USA – ist die Mobilitätsbereitschaft höher als in der Bundesrepublik. Treffen also Arbeitnehmer im Ausland die klügeren Entscheidungen und machen Karriere, während wir uns aus Bequemlichkeit Jobchancen entgehen lassen? Wie erklärt sich die deutsche Tendenz zum Wurzelschlagen? Gibt es gute Gründe, oder stehen wir uns nur unnötig selbst im Weg?

Gut möglich, dass Bewegungsfaulheit die Karriereentwicklung bremst. Psychologen wie Prof. Dr. Beate Mitzscherlich betonen aber auch die Wichtigkeit des "Beheimatetseins" für die emotionale Stabilität eines Menschen – und geben damit indirekt all denen Recht, die vor dem Schritt in die Ferne zurückschrecken. Denn Heimat, Sich-Daheim-Fühlen ist kein Luxusgut, auf das der Mensch problem- und ersatzlos verzichten kann. Wer seine Heimat verliert – und das wissen wir nicht zuletzt aus der Migrationsforschung –, der ist anfälliger für psychische Erkrankungen, von leichten Störungen bis hin zu Depressionen oder Psychosen. Auch emotional sehr stabile Menschen müssen "Beheimatungsstrategien" entwickeln, um den fremden Ort zu ihrem zu machen. Das können neue Routinen sein wie der regelmäßige Gang in die neue Lieblingssauna, oder Reminiszenzen an die alte Heimat, etwa in Form einer regionalen Spezialität.

Beheimatungsstrategien wie diese sind nötig, weil sich Heimat im Erwachsenenalter und gerade nach einem Umzug nicht mehr von alleine einstellt; weil es Stress bedeutet, wenn ein Mensch seine geographische Heimat aufgibt – selbst, wenn dies freiwillig und bei bester körperlicher und seelischer Gesundheit geschieht. Doch wieso eigentlich? Was ist dran an diesem einen Ort, an dem wir uns so wohlfühlen, dass sein Verlust uns Angst macht? Ist er wirklich einzigartig, oder ist unser Festhalten übertrieben?

Nicht nur das Wo, sondern auch das Was entscheidet

Für Psychologen wie Beate Mitzscherlich ist Heimat mehr als geographische Koordinaten. Sie entsteht dort,

  • wo sich ein Mensch der Gesellschaft um ihn herum zugehörig fühlt (sense of community);
  • wo er seine Umwelt beeinflusst und gestaltet (sense of control);
  • und wo er das Gefühl hat, dass sein Lebensumfeld mit seinen Lebenszielen in Einklang steht, dass sein Leben an diesem Ort einen Sinn hat (sense of coherence).

Diese drei Faktoren sind nicht ausschließlich ortsgebunden, aber sie sind ortsbeeinflusst. Denn nicht jedes Dorf macht es jedem Menschen gleich leicht, sich einer Gemeinschaft anzuschließen; nicht an jedem Ort hat jeder Mensch das Gefühl, Herr seiner Lage zu sein; und nicht jede Stadt vermittelt jedem ihrer Bewohner das Gefühl, dass sie zu seinen Lebenszielen beiträgt. Ein introvertierter Mensch zum Beispiel, der in seiner alten Heimat mehr durch Gewohnheit als durch eigene Anstrengung integriert war, wird in einer anonymen Millionenstadt kaum Anschluss finden. Ein geselliger junger Mensch fühlt sich in einem überalterten Fünfzig-Seelen-Ort schwerlich zuhause, da er nichts gegen seine Einsamkeit tun kann. Und ein Mittdreißiger, der sich nach Haus, Hund und Garten sehnt, wird keinen Sinn darin sehen, in einer teuren Großstadt in ein winziges WG-Zimmer zu ziehen – seine Ziele und die Realität sind nicht mehr kohärent.

Ein attraktiver neuer Job mag zwar in allen drei Faktoren zu einem Gefühl von Beheimatung beitragen. Er kann ein soziales Netz bereitstellen (community), gut zu bewältigen sein (control) und sich mit den eigenen Vorstellungen und Wünschen decken (coherence). Doch er alleine kann nicht aufwiegen, was in anderen Lebensbereichen möglicherweise schiefläuft. 

Es ist also doch etwas an ihm dran, an dem einen Fleckchen Erde, das uns magisch anzieht und zurückhält. Es sind nicht die Längen- und Breitengraden, sondern die Bedingungen, die er jedem Menschen und seinen Fähigkeiten und Vorlieben bietet, ein Gefühl von Heimat zu entwickeln. Ist es also unvernünftig, mit einem mulmigen Gefühl im Bauch den Schritt in die Ferne zu verweigern? Unvernünftig wäre es eher, sich nicht zumindest zu fragen, wie wahrscheinlich es denn ist, dass man sich am neuen Ort zuhause fühlt: Die drei Kriterien community, control und coherence können dabei helfen.

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