Partner von:

Sie haben blaugemacht

Krank, Krankschreibung, Erkältung, Gesundheit [Quelle: Kelly Sikkema, Autor: unsplash.com]

Quelle: Kelly Sikkema, unsplash.com

Notwehr, Langeweile oder Überlastung: Leser haben erzählt, warum sie krankmachen. Die Umfrage ergab, dass 70 Prozent dabei kein schlechtes Gewissen haben.

Wenn morgens der Wecker klingelt und Sarah Neubaur* wieder schlecht geschlafen hat, bleibt sie einfach liegen. Sie geht nicht zum Arzt – und auch nicht zur Arbeit. Meistens kann sie sich am nächsten Tag wieder motivieren. Manchmal reichen zwei Tage nicht, dann geht sie zu ihrer Ärztin und lässt sich für eine Woche krankschreiben: Erkältung oder Bauchschmerzen. Insgesamt hat Neubaur in den letzten zwölf Monaten mehr als 30 Tage gefehlt. Wirklich krank war sie an diesen Tagen selten. Sie macht blau.

Neubaur ist 21 Jahre alt und auszubildende Kauffrau bei einer privaten Krankenversicherung. Dort prüft sie Abrechnungen, acht Stunden am Tag. Eine Idiotenaufgabe, sagt Neubaur. Dazu kommen die Kollegen, die kaum Hallo sagen und den ganzen Tag aufs Handy starren. Und Chefs, die sich so wenig für ihre Mitarbeiter interessieren, dass sie nicht mal aufmerksam wurden, als Neubaur einmal mehr als sechs Wochen gefehlt hatte. "Alles hier ist mir zuwider", sagt die Auszubildende. "Das Schlimmste ist für mich ist die fehlende Wertschätzung. Die anderen Auszubildenden und ich werden wie billige Arbeitskräfte behandelt: Wir werden nicht gefordert und gefördert, sondern runtergemacht und kleingehalten." 

Wann haben Sie zuletzt blaugemacht? Das hat DIE ZEIT ihre Leser gefragt, und 23.000 Menschen haben den Fragebogen auf ZEIT ONLINE ausgefüllt. 19 Prozent aller Befragten haben demnach in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einen Tag blaugemacht. Fragt man nicht nach den eigenen Fehltagen, sondern nach denen der Kollegen, scheint das Phänomen deutlich größer zu sein: 87 Prozent der Blaumacher geben an, dass sie wissen oder vermuten, dass ihre Kollegen auch blaumachen.

Gleichzeitig geben 81 Prozent der Leser an, dass sie selbst in den vergangenen zwölf Monaten kein einziges Mal blaugemacht haben. Das gehört sich einfach nicht, begründen 46 Prozent in dieser Gruppe ihre Entscheidung. Immerhin 20 Prozent geben als Grund an, dass ihnen ihr Job eben Spaß mache. Fast eben so viele (16 Prozent) machen aus rationalen Gründen nicht blau. Sie antworten: "Die Arbeit bleibt nur liegen und ich muss sie am Ende so oder so machen."

51 Prozent fehlen ohne Attest

Obwohl so viele Menschen bei der Umfrage mitgemacht haben, sind die Antworten nicht repräsentativ: Blaumachen ist verboten, es verstößt gegen das Entgeltgesetz und deshalb wird nur selten darüber gesprochen. Es ist also möglich, dass einige Leute, die blaumachen, es lieber für sich behalten. Dennoch verraten die Antworten der Leser viel darüber, warum und wie häufig Angestellte der Arbeit fernbleiben, obwohl sie gesund sind. Im Median** fehlen die Blaumacher drei Tage im Jahr. Eine Minderheit von vier Prozent fehlt mehr als 20 Tage im Jahr, die Mehrheit (41 Prozent) bleibt der Arbeit höchstens zwei Tage fern, ohne wirklich krank zu sein. Eine Krankschreibung braucht man in vielen Unternehmen erst ab dem dritten Tag. 51 Prozent aller Blaumacher fehlen ohne Attest. 

Mit mehr als 30 Tagen im Jahr gehört Neubaur also zu den extremen Blaumachern. In vielen anderen Punkten steht Neubaur stellvertretend für die 19 Prozent der Leser, die sich in den vergangenen zwölf Monaten krankschreiben ließen, obwohl sie nicht krank waren: Sie ist jung, Berufseinsteigerin und in einem befristeten Arbeitsverhältnis. 

Denn, das zeigen die Zahlen, die Jungen fehlen besonders häufig. Unter den 18- bis 24-Jährigen hat jeder Dritte im vergangenen Jahr mindestens einen Tag blaugemacht, unter den 25- bis 34-Jährigen war es ein Viertel aller Befragten. Unter den über 50-Jährigen dagegen hat nur jeder Zehnte in den vergangenen zwölf Monaten blaugemacht. Je älter ein Angestellter, desto seltener macht er blau. 

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Berufserfahrung. Während jeder vierte Berufseinsteiger gelegentlich blaumacht, liegt der Anteil der Blaumacher bei den Arbeitnehmern, die schon seit mindestens zehn Jahren in einem Betrieb arbeiten, bei nur zwölf Prozent.

Sieht man sich die berufliche Situation an, ist der Anteil der Blaumacher am größten unter den Auszubildenden (42 Prozent), Leiharbeitern (37 Prozent) und Praktikanten (34 Prozent). Von den Befragten, die gerade eine Ausbildung machen, hat sogar beinahe jeder Zweite in den vergangenen zwölf Monaten blaugemacht. 

Die Ergebnisse zeigen eindeutig: Je jünger, unerfahrener und je weiter unten auf der Karriereleiter, desto wahrscheinlicher, dass die Leser mal einen Tag zu Hause bleiben, obwohl sie arbeitsfähig sind. 

Nun kann man sich fragen, woran das liegt: Fehlt den Jungen die Moral? Sind sie fauler als vergangene Generationen? Stimmt es wirklich, dass den jungen Berufstätigen der Job einfach weniger wichtig ist? Oder aber liegt dieses Ergebnis weniger an den Berufseinsteigern selbst als an den Bedingungen, unter denen sie arbeiten? Müssen Auszubildende, Praktikanten und Leiharbeiter mehr Überstunden leisten als andere? Werden sie für ihre Arbeit schlechter bezahlt und weniger wertgeschätzt? Stehen die Chancen, von einem befristeten Arbeitsvertrag in einen unbefristeten zu wechseln, für Berufseinsteiger heute besonders schlecht? Sind viele schlicht überarbeitet?

Die Frage nach den Gründen fürs Blaumachen, die die ZEIT den Lesern auch gestellt hat, lässt eher auf die zweite Erklärung schließen. 42 Prozent der Blaumacher gaben als Grund an, dass sie "mal eine Pause brauchten". Die Schilderungen der Leser, die die quantitative Umfrage ergänzen, erzählen Geschichten von mangelnder Wertschätzung, von Überstunden, Ausbeutung und Belastung bis an die Schmerzgrenze.

nach oben

Im e-fellows.net wiki kannst du dein Wissen teilen und von den Erfahrungen anderer Stipendiaten profitieren.

Verwandte Artikel
Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren