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Erst die Arbeit, nie das Vergnügen

Antrieb, Arbeit, Rennen [© Fotolia.com]

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Der 24/7-Wahnsinn verschleißt unsere Gesundheit und vernichtet unsere Lebenszeit. Aber ausgerechnet alternative Arbeitszeitmodelle führen zu maximaler Ausbeutung.

Der 11. März 2012 war ein schlechter Tag für den Müßiggang: Denn an jenem denkwürdigen Sonntag votierten zwei Drittel der Schweizer gegen eine Anhebung ihres gesetzlichen Mindesturlaubs von vier auf sechs Wochen. Die Mehrheit der Schweizer glaubte an die fadenscheinigen Argumente der neoliberalen Hardliner, die von angeblichen Wettbewerbsnachteilen fabulierten. Offenbar haben die meisten Schweizer kein Problem damit, Lebenszeit zu verbraten, indem sie ihre Arbeitskraft verkaufen. Alles in Butter also? Nicht wirklich.

Wir sind ständig on und stehen buchstäblich unter Strom. Früher hätte der Chef schon ein Telegramm per Eilboten entsenden müssen, um seine Mitarbeiter nach Feierabend zu erreichen. Heutzutage genügt ein Klick: Rund ein Drittel der Beschäftigten hat hierzulande ein Diensthandy in der Hosentasche, SMS, E-Mail, Anrufe sind 24/7 möglich. Diese elektronische Fessel verwischt jede Grenze zwischen Lohnarbeit und verdientem Feierabend, und bezahlt wird diese Form der Arbeit natürlich auch nicht. Selbst im Schlaf "arbeiten" wir noch: Das häufigste Thema in den Träumen der Deutschen ist einer repräsentativen Studie zufolge ihre Arbeit (34 Prozent), es folgen Reisen (27 Prozent) und Verstorbene (22 Prozent).

Friedrich Nietzsche klagte schon 1882: "Die atemlose Hast der Arbeit – das eigentliche Laster der neuen Welt – beginnt bereits durch Ansteckung das alte Europa wild zu machen und eine ganz wunderliche Geistlosigkeit darüber zu breiten. Man schämt sich jetzt schon der Ruhe; das lange Nachsinnen macht beinahe Gewissensbisse. Man denkt mit der Uhr in der Hand, wie man zu Mittag isst, das Auge auf das Börsenblatt gerichtet, – man lebt, wie einer, der fortwährend etwas 'versäumen könnte'. Die Arbeit bekommt immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite: der Hang zur Freude nennt sich bereits 'Bedürfnis der Erholung' und fängt an, sich vor sich selber zu schämen."

Fast die Hälfte aller Erwerbstätigen arbeitet außerhalb der regulären Arbeitszeit, viele sogar im Urlaub. Die Deutschen leisten durchschnittlich rund drei Überstunden pro Woche, und nicht einmal die Hälfte dieser Überstunden wird bezahlt. Tendenz steigend. Auch die abendliche Arbeit nimmt zu, wie das Statistische Bundesamt mitteilt: "Gut ein Viertel der Erwerbstätigen (25,7 Prozent) arbeitete 2014 regelmäßig am Abend, das heißt von 18 bis 23 Uhr. Im Jahr 1992 hatte der Anteil mit 14,9 Prozent auf einem deutlich niedrigeren Niveau gelegen." Außerdem arbeiten zwölf Prozent der Vollerwerbstätigen über 48 Stunden pro Woche – also mehr als gesetzlich erlaubt, bei den Selbstständigen sind es sogar 53 Prozent. Laut einer groß angelegten Metastudie, für die über 600.000 Erwerbstätige in Europa, den USA und Australien untersucht wurden, erhöhen solche überlangen Arbeitszeiten das Schlaganfallrisiko um ein Drittel.

Und trotzdem wollen die Arbeitgeberverbände die gesetzlich zulässige Höchstarbeitszeit von acht Stunden – die 1918 eingeführt und 1994 im Arbeitszeitgesetz verankert wurde – wieder abschaffen: "Der gesetzliche Korridor passt nicht mehr in eine Welt, die 24 Stunden am Tag in Echtzeit online unterwegs ist", behauptet Hans-Peter Klös vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft. Anders formuliert: Man will die Lohnarbeiter rund um die Uhr melken können und dafür eine gesetzliche Erlaubnis haben.

Zeiten maximaler Knechtung

Dabei ist es gerade umgekehrt: Selten war ein striktes Arbeitszeitgesetz so wichtig wie jetzt. In Zeiten von ständiger Erreichbarkeit und Jobverlustängsten, also in Zeiten der maximalen Knechtung, brauchen die Lohnarbeiter einen minimalen Schutzrahmen. Denn die Unternehmer stehen schon in den Startlöchern und verkünden die üblichen Floskeln: "Der Hauptgrund für die Misere am Arbeitsmarkt sind die Arbeitskosten pro Stunde. Es gibt zwei Möglichkeiten diese zu beeinflussen: Entweder Sie senken die Löhne oder Sie erhöhen die Anzahl der Stunden. Suchen Sie sich aus, was Sie wollen!", schwadroniert etwa Hans-Olaf Henkel, Ex-BDI-Präsident und Ex-AfD-Abgeordneter.

Hm, vielleicht wurzelt die Misere darin, dass die DAX-Vorstände über 5.000 Euro die Stunde verdienen. Oder dass Großkonzerne wie Apple nur 0,005 Prozent Körperschaftsteuer zahlen – das sind läppische 50 Euro Steuern für jede Million Euro Gewinn.

An solche Dinge muss man sich stets erinnern, wenn Unternehmen davon faseln, dass die Mitarbeiter den Gürtel enger schnallen und mehr arbeiten müssten. Noch immer gilt die Forderung des Frühsozialisten und Begründer des Genossenschaftswesens, Robert Owen, aus dem Jahr 1830: "Acht Stunden arbeiten, acht Stunden schlafen und acht Stunden Freizeit und Erholung." Bleibt nur noch hinzuzufügen: Weniger als acht Stunden Arbeit am Tag wären noch besser – und machbar.

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