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Stille gegen den Stress

See Wasser Entspannung Auszeit [Quelle: Unsplash.com, Megan Lewis]

Quelle: Unsplash.com, Megan Lewis

Gebete, Mahlzeiten, Pausen, mehr nicht: Der Alltag im Orden fasziniert überarbeitete Büromenschen. Zu Recht? Zwei ruhige Tage im Kloster.

"Bitte bringen Sie bequeme Kleidung und Socken mit. Wir tanzen zur Meditation." Eine freundliche Ansage der Ordensfrau. Um Himmels Willen, lass diesen Kelch an mir vorübergehen! Das klingt wollsockig-abgedreht und nicht nach ernsthafter Schweigemeditation in einem traditionsreichen bayrischen Kloster. Hoffentlich zerschlägt sich die Befürchtung.

Geradezu erschlagen wird man von der Schönheit des Ortes. Das Kloster liegt traumhaft in Bernried am Westufer des Starnberger Sees. Ein postkartenschöner Ort mit Bauernhäusern wie gemalt, das Auge wird trunken vor Narzissenpracht, eine Herzfilmkulisse vom Feinsten. Ganz zu schweigen vom Blick auf Glitzersee und Alpen, die sich so majestätisch-entrückt erheben, dass der Mensch von ganz allein klein wird. In dieser Kulisse fällt es leicht zu ahnen, dass es etwas Größeres gibt, das die Welt zusammenhält.

Abschalten bei stillen Stunden und Tagen im Kloster, das ist weiß Gott nichts Neues. Aber es wirkt unvermindert anziehend auf Gestresste jeglichen Glaubens, die durch ihren überfrachteten Alltag taumeln. Jeder Fünfte macht nicht einmal Mittagspause. Die mit Nachwuchsmangel und Erhaltungskosten kämpfenden Klöster haben reagiert: Aufgeschlossene Ordensleute, an denen mitunter selbst Manager verlorengegangen sind, bieten ausgefeilte Antistressprogramme an, erheben dafür satte Honorare und erhalten so den Betrieb aufrecht. In Bernried sind die Preise bewusst moderat gehalten, damit auch diejenigen kommen können, die darauf richtig sparen müssen.

Die Schwestern wissen um die Macht des Marketings

Bei aller klösterlichen Bescheidenheit blitzt so etwas wie Stolz auf, als Schwester Beate Grupp klarstellt: "Wir Missionsbenediktinerinnen in Bernried bieten diese Bildungsarbeit seit mehr als 40 Jahren an." Die Sozialpädagogin schult Gruppenleiter und schwärmte schon zu biblischen Wanderungen in alle Himmelsrichtungen aus, als noch niemand von Achtsamkeit sprach und Yogakurse etwas für weltentrückte Sinnsucher waren. Doch die Schwestern leben nicht hinter dem Mond und wissen um die Macht des Marketings. So steht auf dem Faltblatt zum Oasentag "Time-out. Eine Auszeit zum Atemholen", und in der vorösterlichen Zeit wird zum "Hektik-Fasten" eingeladen. Das pralle Jahresprogramm ist online abrufbar.

Die spirituellen Wanderungen mag die 71 Jahre alte Schwäbin besonders gern. Wandern sei dabei zweitrangig. "Aber es hilft beim Denken, wenn wir an einem Thema arbeiten. Wir geben den Rahmen vor. Was passiert, haben wir nicht in der Hand." Es gibt Bibelimpulse und ein Picknick auf der Wiese oder im Wald, danach ein Mittagsschläfchen. Im Sommer springen manche Kurzzeitpilger in den See. Schwester Beate spricht aus, warum Klöster auch jene anziehen, die um die Amtskirche lieber einen Bogen schlagen. "Die offizielle Kirche ist verkopft und männlich. Das Mystische hat man nicht im Griff, da lässt man lieber die Finger von. Wir sind offener." So offen, dass die sportliche Münchner IT-Frau vom Einzeltisch regelmäßig kommt, obgleich sie aus der Kirche ausgetreten ist.

Später folgt ein Gespräch mit Schwester Eligia Mayer im Besprechungsraum, wo bayrisches Eichenbüfett und afrikanische Ebenholzskulptur erstaunlich gut miteinander harmonieren. Schwester Eligia fällt auf, dass sogar jüngere Menschen stark unter Druck stehen. Das sei ein Zeichen unserer Zeit, "bis hin zu Grenzfällen im Burnout, die sich verloren haben und wiederfinden müssen". Oberin Schwester Hedwig beobachtet das ebenso: "Bei großen Anforderungen steigt die innere Unruhe, die kann man nicht am Feierabend ablegen. Es sind mehr Menschen geworden, die nach Sinn suchen, das Arbeitstempo nicht mithalten können oder es auch nicht wollen."

Beleggruppen sind die Haupteinnahmequelle

So wundert es nicht, dass das Bildungshaus St. Martin gut gebucht ist. Haupteinnahmequelle des Klosters sind sogenannte Beleggruppen. Half vor 44 Jahren eine Nachbarin beim Bettenwechsel, so gibt es jetzt 30 Mitarbeiter, viele davon arbeiten in Teilzeit. An diesem Aprilwochenende ziehen einige Rollköfferchengruppen an der kaukasischen Flügelnuss vorbei zur Pforte, darunter ein Chor und eine katholische Männergruppe. Auch ein Team um einen evangelischer Pfarrer checkt ein. Um ökumenischen Austausch ist es gut bestellt. Manche widmen sich der Fortbildung, andere gehen zum Nordic Walking ans Seeufer. Über den idyllischen Klostergarten wehen Hallelujagesänge aus dem Barocksaal.

Wie gelangen Besucher in den Ruhemodus? Schwester Helga-Gabriela Haack hat eine einfache Antwort: Der beständige Rhythmus des Klosteralltags zwingt zur Gelassenheit. Die spätberufene Sechsundfünfzigjährige, die erst mit 45 Jahren als gestandene Berliner Pflegedienstleiterin in den Orden eintrat, ist überzeugt: „Wir brauchen Einsatz und Auszeit, damit wir im Rhythmus des Lebens bleiben.“ Allein schon die regelmäßigen Mahlzeiten seien für Gehetzte Luxus. "Das sind tagestrukturierende Maßnahmen, durchaus in therapeutischem Sinn, aber eben auch in Freiheit." Ganz zu schweigen von den gemeinsamen Gebeten. Hausgäste und Besucher sind zu den drei Gebetszeiten in die Kapelle eingeladen. "Wir bieten einen geschützten Raum zum Daseindürfen. Dann kommt die Seele hinterher, und meine Themen springen auf. Auch wenn es innerlich kribbelt, ich innerlich schon auf dem Sprung bin."

Die Laudes beginnen um 6.30 Uhr. "Wir schwingen uns gemeinsam in die Psalmengesänge, dieser Atmosphäre entzieht sich keine oder niemand." Sanft drängt Schwester Helga-Gabriela die Besucherin teilzunehmen. Runde Bänke umkreisen den Altar in der Mitte der modernen Kapelle. In der Fastenzeit schweigt die Orgel, es gibt keine Blumen, aber Kerzen. 14 Schwestern und eine Handvoll Hausgäste in Trekkingkleidung nehmen Platz. Draußen hebt sich die stockdunkle Nacht, der See glitzert, knorrige Apfelbäume zeigen Schattenrisse. Es wird schwer, nicht in kitschige Beschreibungen abzudriften. Fein und hell wird der Hymnus angestimmt: "Hilf uns, das Ziel zu erreichen, das wie aus weiter Ferne ruft. Gib Kraft durch Deine Nähe, durch guter Menschen Wort und Tat." Auf einen Psalm über den ewigen Gott und den vergänglichen Menschen folgt eine Lesung aus dem Buch Jeremia. Das Nachdenken über innere Neubesinnung ist lebendig: Wer mag, darf in die Runde sprechen, worüber er nachdenkt. Schwester Helga-Gabriela dankt "für das Miteinander-Teilen der Worte". Zum Schluss singen wir "Herr, gib uns Mut zu hören".

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