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Bis dass wir uns tot schuften

Überstunden (© Fotolia - Alexey Potov)

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Überlange Arbeitszeiten, schuften nach Feierabend und in der Nacht: Für immer mehr Menschen ist das heute Alltag. Eine Lockerung des Arbeitszeitgesetzes wäre Wahnsinn.

Jeder vierte Deutsche arbeitet am späten Abend zwischen 18 und 23 Uhr. Im Jahr 1992 war es noch jeder siebte. Das stellt eine neue Untersuchung des Statistischen Bundesamts fest. Auch die Nachtarbeit hat demnach zugenommen: Heute muss fast jeder Zehnte nachts zwischen 23 und 6 Uhr arbeiten. Besonders Selbständige sind von überlangen Arbeitszeiten betroffen: 53 Prozent von ihnen arbeiten mehr als 48 Stunden in der Woche. Immerhin: Der Anteil der Arbeitnehmer mit so langen Arbeitszeiten ist leicht zurückgegangen. Nur 13,6 Prozent der Festangestellten arbeiten regelmäßig mehr als 48 Stunden in der Woche. Erlaubt ist das eigentlich nicht: Das Arbeitszeitgesetz schreibt für Arbeitnehmer eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden vor. Wird sie überschritten, muss zeitnah ein Ausgleich erfolgen.

Die neuen Zahlen zeigen, wie stark sich die Arbeitswelt im Wandel befindet. Und mit ihr der Umgang mit den Arbeitszeiten. Erst im Sommer machte die Forderung der Arbeitgeberverbände (BDA) Schlagzeilen, das Arbeitszeitgesetz zu lockern. "Um mehr Spielräume zu schaffen und betriebliche Notwendigkeiten abzubilden, sollte das Arbeitszeitgesetz von einer täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit umgestellt werden", heißt es in dem Positionspapier des BDA. Der fixe Acht-Stunden-Tag solle abgeschafft werden, das Arbeitszeitgesetz mit der gesetzlich vorgeschriebenen Ruhepause von elf Stunden zwischen zwei Arbeitseinsätzen gelockert werden. Das würde Beschäftigten wie Unternehmen mehr Zeitsouveränität geben, argumentieren die Befürworter.

Tatsächlich wünschen sich viele Beschäftigte flexible Arbeitszeiten. Das kommt der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und dem Privatleben entgegen. Was sie sich aber nicht wünschen, ist mehr Arbeit. Schon heute leidet jeder Dritte unter permanentem Stress. Und jeder Zweite arbeitet auch im Urlaub und am Wochenende - weil es keine Vertretung für ihn gibt.

Tatsächlich müsste das nach den geltenden gesetzlichen Regelungen vom Arbeitgeber im Rahmen seiner Fürsorgepflicht verhindert werden. In der betrieblichen Praxis passiert das aber selten.

Denn in vielen Unternehmen wird ohnehin Vertrauensarbeitszeit praktiziert, und die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen immer stärker. Es ist daher zu befürchten, dass eine Lockerung des Arbeitszeitgesetzes nur in eine Richtung geht: Noch mehr Arbeitsdruck für den einzelnen, noch mehr Flexibilität für die Arbeitgeber.

In der Regel steht keine Selbsterfüllung dahinter, wenn Beschäftigte nach Feierabend noch dringliche Anfragen beantworten. Meist verbergen sich hinter dem abendlichen Arbeitseinsatz Angst und Druck. Das vermeintliche Engagement ist oft das Ergebnis einer zunehmenden indirekten Steuerung von Beschäftigten. In einer Arbeitswelt, in der eine autoritäre Führung von oben nach unten angeblich nicht mehr zeitgemäß ist, werden Mitarbeiter über Benchmarks und Zahlen geführt: Das Unternehmen ruft ein Ziel aus, die Mitarbeiter müssen dieses erreichen. Und sie sollen dabei möglichst "ressourcenschonend" arbeiten - sprich: so billig wie möglich. Wie sie das Ziel konkret erreichen, das bleibt den Beschäftigten überlassen. Der Chef steht ihnen allenfalls als "Coach" beiseite. Ein Coach, der allerdings bei fehlender Leistung auch kündigen kann.

Dank People Analytics und Big Data erfassen und verwerten Unternehmen zunehmend alles, was Arbeitnehmer an Daten hinterlassen. So werden abhängig Beschäftigte dazu gebracht, wie kleine Unternehmer zu denken und zu handeln. Sie kennen ihre eigenen Benchmarks und versuchen, diese zu steigern. Kommt dann noch harter Wettbewerb unter den Beschäftigten, zusätzlicher Druck durch befristete Verträge oder Konkurrenz von Freelancern dazu, ist eine Entwicklung vorprogrammiert, in der die Arbeit alles auffrisst.

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