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"Mit voller Kraft am Kern vorbei"

Arbeiten, Arbeitssucht, Workaholic, Härter Arbeiten [Quelle: unsplash.com, Autor: Jordan Whitfield]

Quelle: unsplash.com, Jordan Whitfield

Mehrere Hunderttausend Arbeitssüchtige leben Schätzungen zufolge in Deutschland. Herr K. ist einer von ihnen – und hat mit e-fellows.net anonym über seine Krankheit gesprochen. Woher kommt Arbeitssucht? Woran erkennt man sie? Und was ist der Unterschied zu Hochleistung? Im Interview steht der 49-Jährige Rede und Antwort.

Herr K., Sie sind Mitglied der "Anonymen Arbeitssüchtigen" (AAS). Können Sie erklären, was Arbeitssucht ist und was einen Arbeitssüchtigen von einem Hochleister unterscheidet?

Der wesentliche Unterschied ist in meinen Augen – und ich kann nur für mich sprechen –, dass Arbeitssüchtige im Gegensatz zu "gesunden" Hochleistern arbeiten, um sich selbst nicht zu spüren. Wie bei anderen stofflichen oder nicht-stofflichen Süchten wird der Suchtstoff oder ein Verhalten eingesetzt, um von etwas anderem abzulenken. Wenn ich also arbeite, um etwas in mir selbst aus dem Weg zu gehen – Trauer, Leere, Scham, Überforderung zum Beispiel –, dann bin ich auf dem besten Weg in eine Arbeitssucht.

Ein zweites wichtiges Anzeichen für eine Arbeitssucht ist meines Erachtens, wenn das Sozialleben stark unter dem Arbeitspensum leidet, wenn man nur noch Kontakt mit Kollegen hat statt mit Freunden, Familie oder einem Partner. Arbeit kann auch hier unbewusst eingesetzt werden, um einer Konfrontation mit sich selbst aus dem Weg zu gehen – denn soziale Kontakte stoßen immer auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst an.

Arbeitssucht definiert sich also nicht in erster Linie über die Menge an geleisteter Arbeit?

Nein. Ich halte es durchaus für möglich, dass jemand 60 Stunden arbeitet und trotzdem nicht arbeitssüchtig ist. Andererseits stimmt es natürlich, dass Arbeitssüchtige oft sehr viele Stunden schuften: Nur so erfüllt die Arbeit ihren krankhaften Zweck, von etwas anderem abzulenken.

Aber man darf nicht vergessen, dass Arbeitssucht auch ein anderes, komplementäres Gesicht hat, nämlich die nicht minder gefährliche Arbeitsvermeidung. Gemeint ist damit, dass Arbeitssüchtige neben all der Schufterei im Job die Arbeit an anderen wichtigen Lebensbereichen vermeiden – aus Antriebslosigkeit, aus Angst vor dem Scheitern, vor Abwertung oder vor der Begegnung mit sich selbst. Das kann die Partnersuche betreffen, die Gesundheitsvorsorge oder, wie bei mir, die Auseinandersetzung mit eigenen Bedürfnissen wie dem Erholungsbedürfnis. Dadurch verpassen Arbeitssüchtige den lebendigen Teil ihres Daseins.

Krank ist man mit diesen Verhaltensmustern in den Augen der Schulmedizin aber noch nicht?

Jein. Wenn jemand mit Symptomen der Arbeitssucht zum Arzt kommt, könnte der ihn tatsächlich nicht mit der Diagnose "Arbeitssucht" krankschreiben. Aber gute Ärzte nehmen es trotzdem ernst, wenn Patienten sich selbst und anderen eine Gefahr sind. Sie können Arbeitssucht dann umschreiben – beispielsweise als Depression –, um ihren Patienten Zeit für eine (stationäre) Therapie zu verschaffen.

Woher kommt Arbeitssucht? Gibt es bestimmte Charakterzüge, die diese Verhaltensstörung begünstigen?

Ja. Und – frei nach Sigmund Freud – hängen viele dieser Eigenschaften wiederum mit der Kindheit zusammen. Ein Beispiel wäre, wenn ich als Kind oft Dinge als ungerecht empfunden habe: Dann ist es wahrscheinlich, dass ich als Erwachsener dazu neige, sehr rechthaberisch und ichbezogen zu werden. Diese Eigenschaften können in die soziale Isolation treiben und damit einer Arbeitssucht in die Karten spielen.

Dominanz wäre also ein Wesenszug, der eine Arbeitssucht begünstigt. In Ratgebern ist auch die Rede von leistungs-, wettbewerbs- und kontrollorientierten Persönlichkeiten und von der Verknüpfung von Anerkennung und Leistung in der Kindheit …

Das ist ein ganz wichtiger Punkt unseres Gesprächs: Wenn ein Mensch – und das ist nur meine amateurpsychologische Erklärung, die aber auf mich auf jeden Fall zutrifft – als Kind nicht die Liebe bekommt, die er gerne hätte, dann versucht er oft, etwas zu leisten, um geliebt zu werden. Solche Menschen sehen Leistung als Weg, die Anerkennung und Liebe zu bekommen, nach der sie sich sehnen. Das Fatale aber ist – und das sage ich jetzt auch auf die Gefahr hin, zu klingen wie Pfarrer Sommerauer: Wahre Liebe ist bedingungslos! Das ist der Knackpunkt! Ich kann mich wortwörtlich totarbeiten, aber bedingungslose Liebe, die ich damit anstrebe, lässt sich nicht erarbeiten.

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