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Stereotype, Klischees, Vorurteile [Quelle: pixabay.com]

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Vorurteile trüben den Blick auf Talente und schmälern die Leistung exzellenter Mitarbeiter. Doch wie können wir ihnen entgehen?

Kinder lernen die Lektion früh. Mit fünf Jahren identifizieren sie sich noch ganz unbedarft mit positiven Figuren, zum Beispiel besonders klugen Menschen. Fragt man sie in diesem Alter, welches Geschlecht eine geistreiche Person wohl hat, sehen Mädchen in ihr deshalb erwartungsgemäß eher eine Frau, Jungen dagegen einen Mann. Doch schon ein Jahr ältere Kinder kommen zu einem ganz anderen Urteil: Sechsjährige Mädchen vermuten hinter einem brillanten Kopf nun häufiger eine männliche Person, so das Ergebnis einer aktuellen Studie dreier Hochschulen aus den USA.

Erschreckend genug, aber es kommt noch schlimmer. Denn auch die Ambitionen der Kleinen sinken: Wird ihnen ein Spiel angeboten mit dem Hinweis, es richte sich an "wirklich schlaue Kinder", wagen sich unter den Fünfjährigen noch genauso viele Jungen wie Mädchen an die Aufgabe. Bei den Sechsjährigen dagegen lehnen Mädchen die Herausforderung zunehmend ab: Geistesblitze trauen sie nun eher männlichen Personen zu – den Glauben an die eigenen Fähigkeiten haben sie bereits verloren. "Stereotype beeinflussen die Entscheidungen von Mädchen in einem herzzerreißend frühen Alter", kommentiert Princeton-Professorin Sarah-Jane Leslie ihre Studie.

Je älter sie werden, desto mehr passten Kinder ihre Erwartungen gesellschaftlichen Denkmodellen an. Und diesen Normen zufolge gelten Frauen häufig als weniger kompetent. Vor den langfristigen Folgen dieser Klischees für Mädchen warnt Leslies Co-Autor Andrei Cimpian, Psychologieprofessor an der Universität von New York: Wer das eigene Können infrage stellt, bildet ein geringeres Selbstwertgefühl aus und senkt seine Ansprüche an die Zukunft – auch an die eigene Karriere. Frauen nehmen sich so womöglich schon sehr früh selbst aus dem Spiel um die besten Plätze im Berufsleben.

Der Nerd aus der IT-Abteilung

Immer detaillierter können Forscher belegen, wie uns solche Denkmuster leiten, im Alltag, aber auch im Büro. Die Nerds aus der IT, der exzentrische Schwule in der PR-Abteilung, die verkniffene Karrierefrau im Vorstand: Derartige Rollenbilder wirken bewusst oder unbewusst bei allen Menschen. Wir beurteilen die Fähigkeiten anderer, aber auch unsere eigenen anhand von Vorurteilen und können uns der Macht von Stereotypen kaum entziehen. Sie beflügeln oder lähmen uns, verhelfen zu unverdientem Ruhm oder verbergen Talente.

Stereotype lassen uns nie kalt, selbst wenn unser Gegenüber sie gar nicht teilt, können Ängste entstehen.

Hannes Zacher, Psychlogieprofessor, Universität Leipzig

Welche fatalen Folgen sie in der Wirtschaft haben, belegen zahlreiche Studien: Ältere Mitarbeiter etwa fühlen sich als wenig belastbar abgestempelt und gehen innerlich auf Distanz zur Firma – ihre tatsächlich unveränderten Fähigkeiten fließen dann eher in ein Ehrenamt. Und manch ein Blender mit durchschnittlichem Können klettert die Karriereleiter nach oben, nur weil er einem Karriereklischee entspricht – und sei es nur, dass er jung, weiß und männlich ist.

Doch wie können Personalchefs, Kollegen und vor allem wir selbst diesen gefährlichen Denkmustern entgehen? Können Algorithmen uns zukünftig vor falschen Schlussfolgerungen bewahren? Oder reicht es schon, sich die Gefahr einzugestehen, die von Klischees ausgeht?

Mitnichten. Harvard-Professorin Iris Bohnet, die zu Vorurteilen forscht, warnt davor, deren Kraft zu unterschätzen. Zum Beispiel auf Reisen: Viele Passagiere beschleiche Unwohlsein, sagt Bohnet, wenn sich im Flugzeug über das Bordtelefon eine Pilotin meldet. Selbst wer keine Bedenken gegen Frauen in Männerdomänen pflege, stutze – und sei es nur, weil die Situation ungewohnt sei. Von einer Sekunde auf die andere würde jede Vibration während des Flugs bedeutsam, jedes Geräusch registriert – wer derart angespannt fliegt, würde die Maschine zwangsläufig mit dem Gefühl verlassen, der Flug mit der Pilotin sei anstrengend gewesen.

Auch im Berufsleben entdeckt Verhaltensökonomin Bohnet immer wieder diese unbewusst wirkenden Vorurteile. Offene Diskriminierung finde in westlichen Industrienationen zwar nur noch selten statt. Dennoch brechen sich die Klischees Bahn. Zu tief sind sie in unserem Gehirn verwurzelt, als dass einfache Diversity-Trainings sie überwinden könnten.

Kaum ein männlicher Vorgesetzter beschließe zum Beispiel aktiv, talentierte Frauen nicht zu fördern, so die Harvard-Professorin. Er würde ja auch gegen das eigene Interesse handeln, wenn er nicht die besten Köpfe in sein Team holt. In Bewerbungsgespräche gehen Chefs deshalb mit dem festen Entschluss, objektiv zu urteilen. Wie sehr sie dennoch der Macht traditioneller Denkschablonen verfallen, zeigt ein Beispiel aus der Musikwelt: Die renommiertesten Orchester der USA wiesen lange Zeit einen Frauenanteil von nur fünf Prozent auf. Das Missverhältnis sei kein Zeichen von Sexismus, erklärten die Dirigenten. Sie würden bei der Auswahl streng nach der Qualität des Vorspiels entscheiden. Frauen spielten aber aufgrund ihrer Lungengröße und Lippenform nun einmal anders, so die Maestros. Erste Orchester setzten trotzdem durch, dass bei der Auswahl ein Vorhang zwischen Jury und Bewerber gezogen wurde.

Die Frauenquote ist seitdem auf bis zu 40 Prozent gestiegen – erst im Blindtest waren die Dirigenten zu einer fairen Bewertung fähig. Ein bekanntes Experiment der Harvard Business School zeigt, dass selbst Menschen von Vorurteilen getroffen werden, die längst bewiesen haben, wie erfolgreich sie arbeiten. Psychologen legten Studenten die Biografie einer Person mit einer beeindruckenden Karriere vor. Die eine Hälfte der Studenten las die Angaben in dem Glauben, die Person heiße Howard Roizin, die andere Hälfte erhielt den Lebenslauf von Heidi Roizin. Nach der Lektüre baten die Forscher um ein Urteil. Beiden wurde unternehmerisches Talent attestiert.

Doch während die Studenten Howard auch menschlich schätzten, mochten sie Heidi überhaupt nicht: Sie sei sicher unsympathisch und viel zu ehrgeizig. Bewerben würden sie sich bei so einer Person auf keinen Fall. Im realen Leben hätten sie sich damit um die Chance auf eine Karriere bei einer der wichtigsten Investoren im Silicon Valley gebracht. Denn Heidi Roizen gibt es wirklich: Sie zählt zu den bedeutendsten Risikokapitalgebern der IT-Branche.

Vorurteile trüben aber nicht nur den Blick auf andere. Auch die eigene Leistung kann unter ihnen leiden, wie Bildungsforscher der Uni Konstanz in Studien mit 2.500 Kindern herausfanden. Türkischstämmige Schüler etwa schnitten bei Matheprüfungen schlechter ab, wenn sie kurz vorher daran erinnert wurden, dass sie in Bildungsfragen oft als Problemgruppe angesehen werden.

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