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"Leistung lohnt nicht"

Schwarzarbeit Krankschreibung Arbeitsrecht (Quelle: freeimages.com, sulaco229)

Quelle: freeimages.com, sulaco229

Der Staat sollte für mehr Gleichheit sorgen, sagt der Philosoph Stefan Gosepath im Interview. Das Leistungsprinzip in der Marktwirtschaft sei ein Mythos.

ZEIT ONLINE: Herr Gosepath, die Mehrheit der Deutschen sagt in Umfragen, dass es in Deutschland nicht gerecht zugehe. Was heißt das?
 

Stefan Gosepath: Ich denke, dass da ein subjektives Empfinden zum Ausdruck kommt. Solche Umfragen sind sicherlich ein guter Indikator für die Politik. Sie helfen aber nur bedingt, wenn wir die Frage beantworten wollen, wie gerecht es in Deutschland zugeht.
 

ZEIT ONLINE: Warum?
 

Gosepath: Weil die interessantere Frage lautet, warum die Menschen Ungerechtigkeit empfinden. Kommt dort nur der Ärger darüber zum Ausdruck, dass das eigene Leben nach einigen Jahren neoliberaler Politik prekärer geworden ist? Das wäre meine Vermutung.

ZEIT ONLINE: Und das würde ihnen nicht reichen.
 

Gosepath: Es wäre nur der erste Schritt. Der Clou der Gerechtigkeitsdebatte ist doch, dass wir die Position des Unparteiischen einnehmen sollten. Wir müssen neutral sein, um auf diese Weise zu einem objektiven Begriff von Gerechtigkeit zu kommen. Das ist unsere Aufgabe als Wissenschaftler, wenn wir eine Theorie der Gerechtigkeit entwerfen. Wohlgemerkt: Ohne den Anspruch zu haben, besser als andere zu sein.
 

ZEIT ONLINE: Ist das nicht frustrierend? Sie suchen nach der Gerechtigkeitsformel und die Menschen streben einfach nur nach ihrem Vorteil.
 

Gosepath: So ist das Leben halt manchmal. Außerdem stimmt es auch nicht ganz. Die Menschen sagen nicht nur: Ich will 100 Euro mehr Gehalt im Monat. Sie bedienen sich auch der Sprache der Gerechtigkeit. Sie sagen: Wenn wir unsere Ziele durchsetzen, dann geht es in der gesamten Gesellschaft gerechter zu. Dass Gerechtigkeit immer eine Rolle spielt, stimmt mich optimistisch.
 

ZEIT ONLINE: Die Leute berufen sich auf Gerechtigkeit. Allerdings nur, um ihre egoistischen Motive zu legitimieren.
 

Gosepath: Manchmal mag das so sein. Aber eben nicht immer. Das ist wie mit der Lüge und der Wahrheit. Wenn alle ständig lügen würden, ergäbe die Lüge keinen Sinn mehr. So ist es auch mit der Sprache der Gerechtigkeit. Wenn sie die ständig missbrauchen, um ihre Interessen durchzusetzen, werden Sie irgendwann als Lügner entlarvt und der Bezug auf Gerechtigkeit hätte überhaupt keinen Sinn mehr. Auf Dauer geht das nicht.
 

ZEIT ONLINE: Gibt es das überhaupt: einen objektiven Begriff der Gerechtigkeit?
 

Gosepath: Es muss ihn geben, sonst könnten wir nicht über Gerechtigkeit streiten.
 

ZEIT ONLINE: Was ist denn nun gerecht?
 

Gosepath: Ein Grundgedanke, auf den sich alle einigen können, lautet: Jedem das Seine. Heute würde man vielleicht sagen: Jedem das, was ihm zusteht.
 

ZEIT ONLINE: Was heißt das konkret?
 

Gosepath: Jeder sollte die Früchte dessen ernten dürfen, was in seiner Verantwortung liegt. Ein paar Dinge sind dann jedoch nicht verhandelbar. Alle Bürger haben zum Beispiel die gleichen Menschen- und Bürgerrechte und -pflichten. Außerdem sollten sie das gleiche Maß an Freiheit haben, das eigene Leben zu gestalten.
 

ZEIT ONLINE: Ist also mehr Gleichheit gerecht?
 

Gosepath: Ja, aber es gibt auch legitime Ungleichheiten. Die sind allerdings moralisch nur akzeptabel, wenn sie mit der Verantwortung des Einzelnen zu tun haben.
 

ZEIT ONLINE: Das müssen Sie erklären.
 

Gosepath: Nehmen Sie das Beispiel von zwei Zwillingen, die genetisch völlig gleich ausgestattet sind. Der eine liegt den ganzen Tag in der Hängematte, der andere arbeitet hart und verdient viel Geld. In diesem Fall ist die Ungleichheit nicht ungerecht. Es gäbe keinen Grund zur Umverteilung. Es müsste zwar weiterhin Steuern geben, damit der Staat Straßen und Schulen bauen kann, aber eine progressive Steuer wäre ungerecht. Das Problem ist nun, dass es diese Idealwelt nicht gibt.
 

ZEIT ONLINE: Die Chancen sind nicht gleich verteilt.
 

Gosepath: Die Startbedingungen unterscheiden sich erheblich. Unsere natürliche Ausstattung, also unsere Fähigkeiten sowie unser soziales Umfeld sind von einem moralischen Standpunkt willkürlich. Wir können nichts dafür. Eine Claudia Schiffer kommt schöner als andere Menschen auf die Welt. Sie kann mit ihrer Schönheit reich werden, anders als andere. Das Beispiel mag banal klingen, aber so fängt es an.
 

ZEIT ONLINE: Aber brauchen wir nicht auch eine gewisse Ungleichheit? Ungleiche Gesellschaften gelten als produktiver, weil die Menschen aufsteigen wollen.
 

Gosepath: Das kann ich empirisch nicht beurteilen. Ich halte eine solche Denkweise aber nicht für gerecht. Im Extremfall bedeutet sie, dass Menschen nicht das bekommen, was ihnen zusteht. Sie werden bestraft, um sie zur Leistung anzustacheln. Das ist dann vergleichbar mit einem Lehrer, der seinem Schüler nur eine 2- statt einer 1 gibt, damit er sich nicht ausruht.
 

ZEIT ONLINE: Liberale Ökonomen werden Ihnen antworten, dass zu viel Umverteilung den Leistungswillen der Menschen verringert.
 

Gosepath: Dieses Argument halte ich für widersprüchlich. Es sind meistens die Verfechter der freien Marktwirtschaft, die das Leistungsprinzip durch mehr Umverteilung bedroht sehen. Diese Leute wollen beides: dass Leistung sich lohnt und freie Märkte. Das eine schließt das andere aber aus.
 

ZEIT ONLINE: Warum?
 

Gosepath: Ein Beispiel. Stellen Sie sich vor, ein Unternehmer stellt mit großem Aufwand Sandsäcke her. Dann aber stellt er fest, dass die Nachfrage nach Sandsäcken geringer ist, als er dachte. Vielleicht sind auch noch weitere Konkurrenten am Markt. Seine Leistung wird nicht honoriert. Wenige Wochen später bricht ein Oderhochwasser aus und die Nachfrage nach Sandsäcken steigt plötzlich drastisch an. Sandsäcke sind jetzt sehr viel Geld wert, obwohl sich an der Leistung des Unternehmers nichts geändert hat.
 

ZEIT ONLINE: Sie sagen, Leistung lohnt nicht?
 

Gosepath: Ja. Sie ist in der freien Marktwirtschaft nicht entscheidend. Auf dem Markt bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis, nicht die Leistung, die jeder erbringt. Ich halte das übrigens nicht für eine Ungerechtigkeit. Im Gegenteil: Es ist das Gute am Markt, dass die Bedürfnisse der Kunden der entscheidende Faktor sind. Aber dann kann man eben nicht davon sprechen, dass es die Leistung allein ist, die über die Höhe der Einkommen entscheidet. Und es bedeutet eben auch, dass es eine gute Begründung für eine Umverteilungspolitik gibt.
 

ZEIT ONLINE: Unternimmt die Politik genug, um für mehr Gerechtigkeit zu sorgen?
 

Gosepath: Das lässt sich nicht so einfach beantworten. Ich denke, dass es um die Teilhabe in dieser Gesellschaft nicht schlechter als in anderen Staaten bestellt ist. Was die Politik tatsächlich aus dem Blick verliert, ist die zunehmend ungleiche Verteilung der Vermögen.
 
 Noch in den fünfziger Jahren waren die Vermögen relativ gleich verteilt, nicht zuletzt wegen zweier Weltkriege, in denen ein Großteil der Vermögen vernichtet wurde. Seither aber nimmt die Ungleichheit wieder zu. Ein Teil der kommenden Generationen wird gewaltige Erbschaften antreten, ein anderer Teil nicht. Das schafft neue Ungerechtigkeiten.
 

ZEIT ONLINE: Würde eine höhere Erbschaftssteuer helfen?
 

Gosepath: Sicherlich. Allerdings ist die Steuer nicht populär. Das ist mir im Übrigen unverständlich. Ein Grundgedanke, den die meisten unterschreiben würden, lautet, dass jeder das bekommen sollte, was er sich in eigener Verantwortung verdient hat. Das ist bei Erbschaften definitiv nicht der Fall – trotzdem sind die Leute dagegen.
 

ZEIT ONLINE: Ist es nicht der eigentliche Zynismus, das wir hier über nationale Verteilungsfragen streiten, während in den Entwicklungsländern Hunderttausende verhungern?
 

Gosepath: Wir dürfen die nationale Debatte nur führen, wenn wir zugleich für eine Mindestausstattung in der Welt eintreten. Das mag utopisch klingen, im Grunde aber bin ich noch bescheiden. Ich sage nicht: Wir brauchen sofort eine gerechte Verteilung der Ressourcen in der Welt. Ich sage lediglich: Wir müssen zunächst mindestens sicherstellen, dass Menschen nicht sterben.
 

ZEIT ONLINE: Wir führen eine Luxusdebatte?
 

Gosepath: Gemessen an der globalen Situation natürlich. Das ist aber kein Totschlagargument. Es wäre den reichen Staaten durchaus möglich, Mindeststandards in der dritten Welt zu gewährleisten. Es ist empirisch falsch, dass es hier nichts mehr zu verteilen gebe, wenn wir den armen Ländern helfen. Zumal ein großer Teil der Armut in diesen Ländern mit unserem eigenen Verhalten zusammenhängt. Ich glaube, dass es die Unterstützung für mehr globale Gerechtigkeit gibt.
 

ZEIT ONLINE: Die Bürger sind weiter als die Politik?
 

Gosepath: Sie würden sicherlich nicht 20 Prozent Steuern für die Entwicklungshilfe mittragen. Aber wenn es darum ginge, eine internationale Institution aufzubauen, so etwas wie einen weltweiten minimalen Sozialstaat, wäre die Mehrheit dabei. Da bin ich mir sicher.

 © ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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