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Wie sich die Werte der Deutschen verändert haben

Werte Familie Freiheit Natur [Quelle: Unsplash.com, Simon Rae]

Quelle: Unsplash.com, Simon Rae

Eine Studie hat auf Basis sozialer Medien ermittelt, was Deutschen besonders wichtig ist. Dabei haben die gesellschaftlichen Erfahrungen der vergangenen Jahre die Werteskala deutlich verändert.

Nun also doch kein Jamaika. Sondern Neuwahlen. Oder eine Minderheitsregierung? Wieder eine Erschütterung mehr im Selbstverständnis der Bundesbürger. Dass in der deutschen Politik plötzlich das Chaos herrscht, ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Deutschland erlebt eine der größten geistigen Umwälzungen seiner Geschichte.

Mehrere Meinungsumfragen haben gezeigt, wie sehr sich die Sorgen und Ängste der Bundesbürger in den letzten Jahren gewandelt haben. Erstmals seit Beginn der großen Verunsicherung 2015/2016 ist ein Institut nun aber den umgekehrten Weg gegangen und hat die veränderten Werte der Deutschen untersucht. Das Ergebnis ist nicht minder aufschlussreich.

Werte unterliegen einer Konjunktur [Quelle: Infografik Die Welt]

Fragt man nicht nach den Ängsten, sondern gleichsam positiv nach den Werten, fällt auf, dass viele Werte für die Bundesbürger unumstößlich scheinen, es sind gleichsam Klassiker. Gesundheit gehört zum Beispiel dazu. Interessant ist jedoch, wie sehr sich die Prioritäten verschoben haben.

Den größten Sprung hat der Wert Sicherheit gemacht. Verglichen mit der letzten vergleichbaren Untersuchung vor zwei Jahren, hat sich das Streben nach einer sicheren Existenz von Rang sieben auf Rang fünf vorgeschoben. Im Jahr 2010 wurde Sicherheit noch als der am wenigsten wichtige Wert in den Top Ten angesehen. Den größten Bedeutungsverlust muss hingegen die Freiheit hinnehmen. Für viele Bundesbürger war eine freies Dasein ohne Einschränkungen traditionell ein sehr zentrales Thema. Das gilt jetzt nicht mehr.

Rückschlüsse auf das Seelenleben

"Zum ersten Mal schafft es der Wert Freiheit nicht in die Top drei, sondern fällt auf Rang vier zurück", sagt Jens Krüger, Geschäftsführer des Marktforschungsinstituts Kantar TNS, das den Werteindex 2018 erstellt hat. Die Jahreszahl 2018 soll verdeutlichen, dass sich Werte immer auf die Zukunft beziehen. Anders als bei einer herkömmlichen Umfrage werden für den Werteindex nicht repräsentativ ausgewählte Bürger befragt, sondern Millionen von Internet-Beiträgen ausgewertet.

Diese Beiträge umfassen vor allem Postings bei sozialen Medien wie Facebook und Twitter, aber auch Blogeinträge. Durch die inzwischen fast flächendeckende Verbreitung des Internet erlauben die Diskussionen Rückschlüsse auf das Seelenleben der Bundesbürger, wobei die Jüngeren der Generation Z (die nach 1995 Geborenen) das Netz besonders intensiv nutzen.

"Fast 80 Prozent der Deutschen über 14 Jahren sind aktive Internet-Nutzer. Damit erlauben die Ergebnisse Aussagen über den Wertewandel in Deutschland", erklärt Krüger, der den Werteindex zusammen mit dem Trendforscher Peter Wippermann ermittelt: Der Werteindex zeigt, wie häufig und in welchen Zusammenhängen zehn grundlegende Werte in den deutschsprachigen sozialen Medien diskutiert werden. Im Vergleich mit den vorangegangenen Untersuchungen 2009, 2012, 2014 und 2016 können Veränderungen erkannt werden. In diesem Jahr floss erstmals die Foto-Plattform Instagram als Social-Media-Quelle in die Analyse mit ein und somit erstmals auch reines Bildmaterial.

So wandeln sich die Werte der Deutschen [Quelle: Infografik Die Welt]

Ein Aufsteigerwert des Jahres ist Sicherheit. Zum ersten Mal wird ihr in den Internet-Diskussionen ein höherer Stellenwert zugewiesen als zum Beispiel Vertrauen. "Beiträge mit politischem Sicherheitskontext nehmen zu. Der Fokus liegt auf der Rolle des Staates, insbesondere auch im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise", erklären die Trendforscher. Dabei geht es sowohl um Fragen der inneren Sicherheit als auch um die Sicherheit der Flüchtenden, die es zu gewährleisten gilt. Das deckt sich mit Umfragen zu den Ängsten und Wünschen der Deutschen. So ergab eine im Sommer veröffentlichte Analyse des GfK-Vereins, dass die Mehrheit der Bundesbürger (56 Prozent) die Integration von Zuwanderern als größte Herausforderung sieht. "Die Migrationsströme der letzten Jahre hinterlassen deutliche Spuren", erklärt Krüger mit Blick auf den Werteindex 2018: "Die Konfrontation mit dem Unbekannten fordert Internet-Nutzer in Diskussion heraus, die eigenen Werte explizit zu definieren."

Die niedrigste Bedeutung von allen zehn Werten wird Gerechtigkeit beigemessen, was Politikern als Warnung dienen mag, die glauben, mit dem Wort soziale Gerechtigkeit eine Wahl zu gewinnen. Doch auch Diskussionen rund um politische Freiheit verlieren an Relevanz. Wenn im Netz heute über Freiheit diskutiert wird, dann häufig im Kontext künstlicher Intelligenz. Deren Nutzung in Gestalt persönlicher Assistenten wirft viele neue Fragen auf, etwa wie viel Freiheit die Menschen bereit sind, für Bequemlichkeit aufzugeben.

Erfolg verliert, Natur gewinnt

Einen regelrechten Absturz erlebt der Wert Erfolg. Das Erfolgsstreben verliert drei Positionen und landet auf Rang sechs der Skala. "Das Zeitalter der Helden scheint vorüber. Die Generation Z setzt lieber auf harte Arbeit als auf Retter", so die Trendforscher. Tatsächlich ist die Arbeitslosigkeit in Jahr neun des Wirtschaftsaufschwungs so niedrig wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Zugleich hat das messbare Glücksempfinden der Bundesbürger zuletzt nicht mehr zugenommen, und viele Berufstätige klagen über Stress und Überlastung.

Während Erfolg als weniger wichtig eingeschätzt wird, gewinnt die Natur an Bedeutung. Die analysierten Social-Media-Beiträge widmen sich vor allem der Natur als Sehnsuchtsort. "Die Natur wird als Quelle für Seelenfrieden und Kraft beschrieben", heißt es in der Analyse. In einer Zeit, in der Menschen zunehmend in Städten leben, sei das Bedürfnis groß, den Bezug zur natürlichen Umwelt nicht zu verlieren. In Bildbeiträgen fungiere die Natur als der "Ort, wo man sich selbst und seine Verbindung zur Welt spürt", wie es der Trendforscher formuliert. Umwelt- und Klimaschutz gehören ebenfalls weiterhin zu den relevantesten Themen.

Die Ergebnisse kontrastieren etwas mit den repräsentativen Umfragen zu den Sorgen und Befürchtungen der Deutschen. Bei denen tauchten Naturkatastrophen dort erst auf Platz sieben auf. Auch Allensbach kam zuletzt bei einer Umfrage zum Ergebnis, dass Umweltfragen für die Angehörigen dieser Altersgruppen nicht mehr dominant seien.

Gesundheit bleibt dagegen ein überragender Wert in der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Allerdings verändert das Konzept Gesundheit seine Qualität, nicht zuletzt durch den um sich greifenden Drang zur Selbstoptimierung: Der laienmedizinische Austausch wird im Netz durch einfache Statusmeldung über die eigene Befindlichkeit abgelöst. Und nicht zu vergessen: die richtige Ernährung gewinnt weiter an Bedeutung, nicht nur in Textbeiträgen, sondern auch auf Instagram. Ein Foodporn-Foto aus dem angesagten Burgerladen ist für viele junge Menschen eben wichtiger als die Frage: Neuwahlen oder Minderheitsregierung?

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