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Homosexualität ist noch immer eine Karrierebremse

Topmanager sind konservativ, Karrierebremse Homosexualität, Stop-Schild [Quelle: sxc.hu/ Autor: wax115]

Topmanager sind konservativ, Karrierebremse Homosexualität, Stop-Schild [Quelle: sxc.hu/ Autor: wax115]

Für schwule Manager ist der Aufstieg in die Chefetage oft verbaut, nur wenige outen sich. Selbst Diversity Management hilft gegen Vorurteile kaum.

 Ulrich Köstlin hat es getan. Damit ist er eine große Ausnahme unter den führenden Managern in Deutschland. Der Vorstand des Pharmakonzerns Bayer Schering hat sich als homosexuell geoutet: "Ich wollte mit meiner eigenen Lebensentscheidung offen und transparent umgehen, auch im Interesse meines Partners. Und ich wollte deutlich machen, dass diese Entscheidung nichts mit dem Unternehmen und meiner Arbeit zu tun hat. Gleichzeitig wollte ich so Spekulationen vorbeugen."

Mit seiner selbstbewusst-offenen Einstellung ist Köstlin ziemlich allein in der deutschen Wirtschaft. Zu nennen ist noch der Finanzinvestor Harald Christ. Aber sonst? Fehlanzeige. Dabei müsste ein gutes Dutzend aller Dax-Vorstände schwul sein. Mindestens. Denn laut Statistik sind zwischen sieben und zehn Prozent der Bevölkerung homosexuell. In den Chefetagen deutscher Unternehmen aber macht die Statistik eine Ausnahme: Im Dax-Herrenclub mit seinen 183 Männern - dazu gesellen sich nur zwei Damen - gibt es offiziell keinen einzigen Schwulen. Während führende Politiker wie Außenminister Guido Westerwelle oder Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit sich mittlerweile wie selbstverständlich mit ihren Lebensgefährten zeigen, ist Homosexualität noch immer eine der größten Hürden für Manager auf dem Weg in die Chefetagen der Unternehmen. Die vorgelebten Werte sind heterosexuell und konservativ. Wer nach ganz oben will, der outet sich besser nicht. Der Schaden für die eigene Karriere könnte irreparabel sein.
 
 "Das Top-Management bildet einen geschlossenen Machtzirkel mit vielen impliziten Normen und ungeschriebenen Gesetzen, die es homosexuellen Männern ähnlich schwer machen wie Frauen. Abweichler stören und bringen die tradierte Ordnung durcheinander", sagt der Unternehmensberater und Diversity-Experte Michael Stuber. Auf Vorstandsebene ist gleichgeschlechtliche Liebe nicht erwünscht. Was hinter den Kulissen geschieht, ist eine andere Frage.
 
 Das homophobe Klima in den Schaltzentralen der Wirtschaft erstaunt, haben doch fast alle Unternehmen für sich entdeckt, dass eine minderheitenfreundliche Politik auch wirtschaftliche Vorteile hat. Empirische Studien belegen, dass die Förderung der Vielfalt, Diversity genannt, zu effektiverer Teamarbeit und höherer Innovationskraft in den Firmen führt. Für ein besseres Image sorgt sie ebenso und erhöht die Attraktivität als Arbeitgeber - ein wichtiger Aspekt im Wettbewerb um die besten Nachwuchskräfte.
 
 Die Vorzüge sind also unbestritten, folglich schmückt sich eine Vielzahl deutscher Unternehmen mit einem Diversity Management. Allein Schwule und Lesben dürfen sich nur selten angesprochen fühlen. Ihre sexuelle Identität bleibt außen vor. "Mit Diversity Management ist fast immer die Förderung von Frauen gemeint, die Integration von Migranten und die Rücksichtnahme auf Belange der älteren Mitarbeiter", sagt Stefan Süß. Der Düsseldorfer BWL-Professor hat das Betriebsklima in etlichen deutschen Unternehmen analysiert.
 
 Hinter der ungleichen Ausrichtung der Personalpolitik muss kein böser Wille stecken. Ein internationaler Großkonzern, der weiter expandieren will, möchte zwangsläufig zunächst für ausländische Arbeitnehmer attraktiv sein und wird sich entsprechend darstellen. Dennoch: "Die vorherrschende Kultur in den Unternehmen sieht Homosexualität nicht vor", sagt Süß.
 
 So verwundert es nicht, dass jeder zweite Schwule seine sexuelle Identität am Arbeitsplatz aus Angst vor Diskriminierung oder Unverständnis verschweigt, wie der Kölner Psychologe Dominic Frohn in einer Studie ermittelt hat. Und von jenen, die sich geoutet haben, wurde nahezu jeder vierte wegen seiner sexuellen Orientierung bereits beleidigt. Mehr als jeder fünfte erlebte Mobbing und Psychoterror.
 
 Die gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität hat sich zwar in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Hinzu kommen juristische Regelungen wie das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, "die Auswirkungen auf Klima und Kultur in den Unternehmen sind aber begrenzt", sagt Frohn. Und die sexuelle Orientierung spiele am Arbeitsplatz keine geringe Rolle. Natürlich werde nur selten über sexuelle Details gesprochen. Die Demonstration heterosexueller Neigungen allerdings sei, wenngleich oft unbewusst, ganz alltäglich: der Ehering am Finger, Bilder der Kinder auf dem Schreibtisch, Gespräche über das mit den Schwiegereltern verbrachte Wochenende.

In arger Bedrängnis

 Das Problem: Wer sich als Homosexueller aus Angst vor Diskriminierung nicht outet, gerät spätestens dann, wenn das soziale Umfeld zum Gespräch wird, in arge Bedrängnis. Nicht wenige Manager erfinden eine fiktive Lebensgefährtin, um den gesellschaftlichen Ansprüchen zu genügen. Beim gemeinsamen Firmenausflug mit den Kollegen ist diese "Freundin" allerdings meist krank. "Da findet ein permanenter Selektionsprozess im Kopf statt. Was darf ich wann und wie sagen", hat Frohn beobachtet.
 
 Ein Prozess, der viel Kraft kostet und damit auch Energie, die eigentlich dem Arbeitgeber zugute kommen sollte. Vor allem in den traditionellen Branchen wie Schwerindustrie und Landwirtschaft tun sich Homosexuelle schwer mit einem Coming out, in Bereichen wie Medien und Werbung hingegen ist dies meist kein Problem. Bernd Schachtsiek setzt sich dafür ein, die Vorurteile auch in anderen Branchen abzubauen. Er sagt: "Schwule rennen nicht nur in Lederkluft und Federboa rum." Schachtsiek ist Vorsitzender des Völklinger Kreises (VK). Der Bundesverband schwuler Führungskräfte zählt 700 Mitglieder, versteht sich als berufliches und privates Netzwerk und bietet regelmäßig Seminare wie etwa "Erfolgreich schwul am Arbeitsplatz" an.
 
 In Arbeitsgruppen lernen die Teilnehmer kritische Situationen im Büro zu meistern, wie sie offen mit mit ihrer Homosexualität umgehen und diese sogar als strategischen Vorteil im Beruf nutzen: Seminarleiter Thomas Bieg, Manager bei einem Dax-Konzern, zählt mögliche Kompetenzen auf: Schwule seien meist nicht nur flexibler und anpassungsfähiger im Beruf, sondern auch sensiblere und tolerantere Teamplayer als viele heterosexuelle Kollegen. Zudem hätten Schwule früh gelernt, Netzwerke zu knüpfen und seien bessere Krisenmanager. Er persönlich bereut sein Coming out nicht: "Wenn ich offen dazu stehe, bin ich auch als Führungskraft authentischer und besser."
 
 Ähnlich sieht es wohl auch Ulrich Köstlin. Sowohl im eigenen Unternehmen als auch bei Geschäftspartnern kam sein Outing gut an. Für seine offene und klare Kommunikation gab es Anerkennung. Er glaubt sogar, dass ihm jetzt noch stärkeres Vertrauen entgegengebracht wird, "weil die Menschen annehmen können, dass ich auch mit anderen Themen offen und ehrlich umgehe."
 
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