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Ist das hier alles nur Show?

Maske drei Gesichter (© Nicola Vernizzi - fotolia.com)

© Nicola Vernizzi - fotolia.com

Wie man gut durchs Vorstellungsgespräch kommt und ob Schauspielerei dazugehört, erklärt die Berufsberaterin Marion Schaake.

ZEIT Campus: Frau Schaake, Sie haben lange in Personalabteilungen und als Headhunterin gearbeitet, jetzt beraten Sie Berufseinsteiger. Mal ehrlich: Sind Vorstellungsgespräche nicht reine Show?

Marion Schaake: Nein, ich rate jedem davon ab, vor einem potenziellen Chef Theater zu spielen. Man sollte sich lieber so geben, wie man ist. Was nützt es, wenn man sich im Gespräch mit Kenntnissen oder Eigenschaften schmückt – und dann schon in der Probezeit entlarvt wird. Der Einstellungsprozess ist wie eine Hochzeit: Beide Seiten sollten wissen, woran sie sind und auf wen sie sich einlassen.

ZEIT Campus: Was kann der Bewerber denn aus dem Gespräch und der Situation ableiten?

Schaake: Gut ist es, wenn der künftige Chef beim Gespräch dabei ist. Dann kann man für sich selbst feststellen, ob man mit demjenigen klarkommt. Außerdem rate ich dazu, Augen und Ohren offen zu halten: Was für Leute arbeiten hier? Welchen Eindruck machen die? Wie geht es zu? Herrscht Hektik, oder fühlt man sich gleich angenehm wohl? Wie ist die Einrichtung? Das können wichtige Zeichen für einen Bewerber sein, ob er hier richtig ist oder nicht.

ZEIT Campus: In den meisten Fällen beginnt ein Bewerbungsgespräch ja mit der Frage nach der Anreise. Was soll der Small Talk?

Schaake: Beide Seiten können sich warmlaufen. Da möchte auch kein Personalchef ernsthaft hören, dass die Lok einen Maschinenschaden hatte. Lieber souverän lächeln und sagen: "Es gab ein paar Probleme mit dem Zug, aber jetzt bin ich da!"

ZEIT Campus: Nicht jedem fallen auf Anhieb lockere Sprüche ein, muss man sich trotzdem darauf einlassen?

Schaake: Ja. So baut man eine erste Beziehung auf, scherzt vielleicht kurz, lernt den anderen kennen. Das kann man leicht im Alltag üben: einfach mit dem Nachbarn eine Minute im Treppenhaus stehen bleiben, der Sekretärin im Prüfungsamt vom letzten Wochenende erzählen oder sich in der Mensa mal zu Leuten setzen, die man bloß flüchtig kennt. Das hilft nicht nur beim Bewerbungsgespräch, sondern auch später im Berufsalltag, etwa in der Kaffeeküche oder beim Empfang eines Kunden.

ZEIT Campus: Angeblich zählt beim Vorstellen oft schon der Händedruck. Stimmt das?

Schaake: Der Händedruck bestimmt den ersten Eindruck. Wenn er lasch wie ein toter Fisch ist, zeugt das von wenig Format. Umgekehrt will ich auch keinen Knochenbrecher-Gruß. Ich trage meinen Ehering an der linken Hand, weil ich es satthatte, mir die Finger zerquetschen zu lassen, nur weil jemand meint, das zeige Charakter.

ZEIT Campus: Wenn Körpersprache so viel zählt, worauf sollte man achten?

Schaake: Auf einen angenehmen Augenkontakt: weder starren noch dauernd wegschauen. Auch auf die Gesten kommt es an. Die Atmosphäre ist gleich viel entspannter, wenn man die Arme oder Beine nicht verschränkt hält, sondern einfach locker auf dem Stuhl sitzt und offen lächelt.

ZEIT Campus: Wie schick muss man sich für ein Bewerbungsgespräch machen?

Schaake: Frauen sollten sich auf keinen Fall zu sehr aufdonnern. Das sieht zum einen sehr unnatürlich aus, zum anderen muss man sich auf die Frage gefasst machen, ob man sich ungeschminkt unwohl fühlt. Ich würde jedenfalls auf ein schwaches Selbstwertgefühl schließen und das auch ansprechen. Männern rate ich von zu viel Aftershave oder anderen Duftwässerchen ab – aus ähnlichen Gründen. Wäre doch schade, wenn man sich von Anfang an nicht gut riechen kann.

ZEIT Campus: Also sollte man sich für das Gespräch lieber nicht verkleiden?

Schaake: Doch, bevor man in Jeans und T-Shirt anrückt, schon. Besser wäre es allerdings, wenn man sich selbst nicht verkleidet vorkäme. Mein Tipp: Den neuen Anzug oder das ungewohnte Kostüm vor dem Gespräch ein paarmal tragen, vielleicht mit Freunden schick essen gehen oder ins Theater, so gewöhnt man sich daran.

ZEIT Campus: Wie sehr muss man sonst schauspielern?

Schaake: Bei den wirklich relevanten Einstellungskriterien kann man gar nicht tricksen. Mir war es zum Beispiel immer wichtig, dass die Bewerber stressresistent sind. Also habe ich mein Gegenüber im Laufe des Gesprächs mit ein paar zackigen Fragen konfrontiert, die vielleicht abwegig waren oder aus dem Kontext gerissen schienen – schon wusste ich, wie gelassen derjenige wirklich ist.

ZEIT Campus: Was fällt Ihnen besonders schnell auf?

Schaake: Ob jemand Manieren besitzt! Gutes Benehmen ist unglaublich wichtig, daran mangelt es vielen Bewerbern. Bei Assessment-Centern wird auch häufig zusammen mittaggegessen und beobachtet, wie sich ein Kandidat am Tisch benimmt: Geht er anständig mit Messer und Gabel um? Was wählt er aus, um nicht vollgekleckert in die nächste Runde zu starten? Das ist alles sehr aufschlussreich. Man muss jemanden ja später auch auf Kunden loslassen können.

ZEIT Campus: Gute Manieren, schicke Kleidung, kein zu lascher Händedruck: Offensichtlich geht es doch viel um Äußerlichkeiten?

Schaake: Ja, aber nicht nur. Außerdem kann man von äußeren Gegebenheiten viel auf Inneres schließen. Man kann überprüfen, ob das, was einer sagt, zu dem passt, wie er sich gibt und kleidet. Je harmonischer alles zusammenpasst, umso sicherer kann ich mir als Chef bei der Frage sein, ob der Bewerber zu uns in die Firma und ins Team passt.

ZEIT Campus: Manche Chefs fragen nach Schwächen. Soll man darauf ehrlich antworten?

Schaake: Hauptsache, man kokettiert nicht damit, nur weil man in einem Bewerbungsratgeber gelesen hat, dass man Schwächen nennen sollte, die irgendwie von Engagement und Ehrgeiz zeugen, wie etwa Ungeduld.

ZEIT Campus: Was sollte man besser verschweigen?

Schaake: Zum Beispiel, warum man sich nicht in dem Betrieb beworben hat, wo man Werkstudent war. Selbst wenn der Chef und die Stimmung dort richtig mies waren, würde ich lieber nur diplomatisch antworten, dass die Perspektiven da nicht stimmten. Sonst geht der Personaler davon aus, dass man über sein Unternehmen später ebenfalls schlecht spricht. Oder dass man Probleme hat, sich in ein Team einzufügen.

ZEIT Campus: Also muss man auch mal lügen?

Schaake: Manchmal schon. Wenn man etwa gefragt wird, ob man Sport treibt. Da würde ich nicht entgegnen: "Nö, bin zu faul" – selbst wenn das so ist. Da darf man schummeln und sagen: "Ich jogge gern. Das hilft mir, nach einem anstrengenden Arbeitstag runterzukommen." Das kommt gut an. Kann aber natürlich passieren, dass man später beim Spendenlauf der Firma antreten soll.

ZEIT Campus: Gibt es auch Fragen, bei denen man nie ehrlich antworten sollte?

Schaake: Wenn nach der Familienplanung oder der Parteizugehörigkeit gefragt wird. Da darf man per Gesetz so viel lügen, wie man will.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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