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Wenn eine Police Versicherte träge macht

Mann in Box Stress Druck Enge Depression Burnout (© Sergey Nivens - Fotolia.com)

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Fast alle raten zum Abschluss einer Versicherung gegen Berufsunfähigkeit. Doch Mediziner sehen das skeptisch. Sie könne Streit- und Grenzfälle produzieren und die Krankheit sogar verschärfen.

Kaum eine Versicherung hat so viele unterschiedliche Befürworter: Ob Verbraucherschützer oder Vermittler, Politik oder Unternehmen - jede Gruppe rät zum Kauf einer Berufsunfähigkeitsversicherung (BU-Police). Scheidet ein Versicherter vorübergehend gesundheitsbedingt aus seinem Beruf aus, kann er davon die Umschulungskosten finanzieren. Kann er überhaupt nicht mehr arbeiten, erhält er eine monatliche Rente, die seine Einnahmeverluste ausgleicht. Was sich aber kaum einer fragt: Was macht der Abschluss einer BU-Police mit den Menschen?

"Grundsätzlich ist eine zeitlich befristete BU-Police etwas sehr Sinnvolles", sagt Klaus-Dieter Thomann, der als Ärztlicher Leiter des Instituts für Versicherungsmedizin (IVM) in Frankfurt häufig entsprechende Versicherungsfälle begutachtet. Der Schutz ermögliche Menschen, sich nach einer Krankheit oder Verletzung beruflich neu zu orientieren. "Aber das Risiko der Überversicherung ist groß. Daraus kann sich ein Rehabilitationsrisiko bilden", betont er. Zu wissen, dass man auch ohne Erwerbstätigkeit ein sicheres Auskommen erhalte, könne Versicherte passiv machen und seelisch belasten. Die Folgen seien dieselben wie bei einer Frühverrentung: Passivität, eine schlechtere Gesundheit, eine frühere Sterblichkeit.

Thomann gesteht zu, dass er als Gutachter besonders häufig mit Grenzfällen in Berührung komme. In eindeutigen Krankheitsfällen dagegen seien solche Entwicklungen weniger zu beobachten. "Aber in solchen Fällen besteht die Gefahr, dass man sich in die Krankheit hineinlebt und man nicht mehr zwischen der psychischen Störung und der Behinderung durch die Versicherung unterscheiden kann", sagt er.

Erschwerend kommt aus Sicht anderer Fachleute hinzu, dass BU-Policen geradezu darauf angelegt zu sein scheinen, Streit- und Grenzfälle zu produzieren. "Es gibt kein einziges Produkt, das so sehr von Unbestimmtheit strotzt wie die BU", sagt Claus-Dieter Gorr, der mit seinem Analyseunternehmen Premiumcircle seit vielen Jahren den Markt beobachtet. "Es wimmelt von unbestimmten Rechtsbegriffen." Schon beim Namen fange der Konstruktionsfehler an, denn die BU sichere nicht den Beruf, sondern eine Absicherung des Niveaus des letzten Arbeitsplatzes. Wechsle ein Angestellter nach zehn Jahren seine Stelle und scheide nach kurzer Zeit beim neuen Arbeitgeber aus, weil er dort die psychische Belastung nicht aushält, sei unklar, ob die Versicherung zu leisten habe.

Mit einer BU auch eine Rechtsschutzversicherung abschließen

Auf jeder Ebene des Vertrags werfe der BU-Schutz Probleme auf: "Schon die Gesundheitsfragen beantwortet der Laie nicht qualifiziert", sagt Gorr. Dabei könne schon eine Rückenmassage, die er vor Vertragsabschluss unterschlagen habe, vom Versicherer gegen ihn ausgelegt werden. Besonders viele unbestimmte Begriffe gebe es mit Blick auf die versicherten Ereignisse. Versicherer verweisen auf einen "mehr als altersspezifischen Kräfteverfall". Und schließlich müsse dies im Leistungsfall der Versicherer selbst beurteilen. "Das lässt die Hintertür offen für Gutachten", kritisiert Gorr. Die Folge: Die Chance, eine Leistung zu erhalten, liege bei den kundenfreundlichsten Anbietern bei 70 Prozent. "Deshalb sollte man unbedingt mit einer BU auch eine Rechtsschutzversicherung abschließen", rät er.

Die Befürworter der Berufsunfähigkeitsversicherung bestreiten diese Charakteristik keinesfalls. Allerdings sehen sie in der Unbestimmtheit gerade den Vorzug des Produktes. "Ihre Stärke liegt darin, dass sie die Ursachen nicht beschränkt", sagt Michael Franke, Geschäftsführer des Analysehauses Franke & Bornberg, der mit seinen Produktratings maßgeblichen Einfluss auf die Marktentwicklung nimmt. "Egal wodurch man seine Berufsfähigkeit verliert, man kann eine Leistung erhalten." Der Versicherer muss also nicht im Vorfeld definieren, welche Beschwerden einen Leistungsfall bewirken. Wolle ein Kunde bestimmte körperliche Fertigkeiten absichern, könne er auch eine Grundfähigkeitsversicherung abschließen. "Aber man kann nicht beide Logiken zusammenführen. Beide Systeme haben Vor- und Nachteile. In der Summe ist die Chance, eine Leistung zu erhalten, in der BU aber am höchsten", argumentiert Franke.

Auch dem Problem, dass der Leistungsfall Versicherte passiv machen könne, will er nicht vollständig widersprechen. Als BU-Policen im Markt etabliert wurden, habe auch noch stärker der Gedanke im Vordergrund gestanden, die Kunden wieder nach einer Krankheit in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Heute verliere der Motivierte mindestens einen Teil seiner Leistung, wenn nicht den kompletten Anspruch. "Das Produkt belohnt die, die nicht mehr arbeiten wollen. Das tut Menschen nicht gut", gesteht er zu.

Dieser Umstand sei aber leicht zu beheben. In Deutschland seien nur BU-Policen nach Bauart der Lebensversicherung zulässig. Solche Versicherungen könnten nur zwischen Leistung und Nichtleistung differenzieren, erlauben aber keine Anrechnung. Dagegen haben sie den Vorteil, dass sie mit Hilfe von Zinsgarantien ein wachsendes Leistungsniveau finanzieren können. "Dieses Prinzip könnte man aufweichen, wenn der Gesetzgeber dabei mitspielte", sagt Franke.

Lohnersatz soll nicht zu nah ans tatsächliche Einkommen herankommen

Auch Claus-Dieter Gorr sieht erheblichen Änderungsbedarf. Aus seiner Sicht müsste die BU mehr in Richtung einer Tätigkeitsversicherung weiterentwickelt werden. Mit zwei Anbietern arbeitet er derzeit entsprechende Modelle und konkrete Bedingungswerke aus. "Ich bin mir sicher, dass die Unbestimmtheit der Policen behebbar ist", sagt er. Den Versicherern müssten die Ausfluchtmöglichkeiten genommen werden.

Für Mediziner Klaus-Dieter Thomann muss aber jede Versicherung, die einen Lohnersatz bei Krankheit leistet, berücksichtigen, dass das moralische Risiko (Moral Hazard) nicht zu groß wird. Besonders in versicherungsnahen Berufen trete seine Beobachtung öfter auf, dass Versicherte Leistungen in Anspruch nehmen, obwohl sie vielleicht auch weiter arbeiten können. "Diese Leute haben ein Wissen über die Funktionsweise der Policen", sagt er. Deshalb müsse eine Police so ausgestaltet sein, dass der Lohnersatz nicht zu nah ans tatsächliche Einkommen herankomme.

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