Partner von:

"Die Natur plant nicht"

Hierarchie, Kreatitvität, Unternehmensführung [Quell: pixabay.com]

Quell: pixabay.com

Die Verhaltensbiologin und Führungskräftetrainerin erklärt, was Manager von der Pusteblume lernen können, wann Algorithmen schädlich sind und was gewisse Spitzenpolitiker mit Brüllaffen gemeinsam haben.

"Haben Sie den Brüllaffen vor Augen?" Barbara Niedner wartet die Antwort auf ihre Frage gar nicht erst ab. Sie macht ihn einfach, den Brüllaffen. Sie reißt Augen und Mund auf und schreit los. Ihre Arme und Hände fuchteln dabei wild herum. Barbara Niedner ist Verhaltensforscherin. Sie beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Eigenheiten menschlichen Verhaltens: Wie wird Macht demonstriert? Wie Zu-, wie Abneigung? Ihre Analysen und Vergleiche sind unterhaltsam wie erhellend. Die 53-Jährige ist eine gefragte Managementberaterin und Rednerin. In Donald Trump hat sie, wie sie scherzt, "ein neues Anschauungsobjekt" gefunden.

Frau Niedner, Sie sind Verhaltensbiologin. Wenn Donald Trump ein Tier wäre, welches wäre er?

Alle Tierarten, die ein Sozialverhalten zeigen, fallen schon einmal raus. Es muss ein dominantes Tier sein, ein Einzelgänger. Vielleicht könnte er ein Krokodil sein. Nein, das ist zu ruhig. Dann ein Hahn. Nein, die Hackordnung ist zu krass. Denn etwas mehr Empathie als einem hackenden Hahn gestehe ich Donald Trump schon zu, auch wenn er sie öffentlich nicht zeigt. Schauen Sie sich mal einen Brüllaffen an, der kilometerweit hörbar ist. Ja, ein Brüllaffe signalisiert seine Anwesenheit lautstark und achtet auf eine strikte Hierarchie, wer oben und unten ist, und meidet so energieaufwendige Kämpfe.

Fühlen Sie sich angesichts mancher Entwicklungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft manchmal wie im Affenhaus?

Ich liebe die Menschenaffen und bin immer wieder beeindruckt, wie nahe sie uns in ihrem Verhalten sind und wie raffiniert sie sich in der Gruppe durchsetzen und Einfluss gewinnen. Wir Menschen denken, dass wir weit weg wären und weiter entwickelt. Das ist eine dumme Arroganz. Gehen Sie mal ins Affenhaus, und beobachten Sie das Treiben dort eine Weile, und Sie werden sich und andere wiederfinden.

Was sagt der Aufstieg eines solch angriffslustigen Einzelgängers über unser Gesellschaftssystem aus? Ist das noch menschlich oder schon allzu tierisch?

In der freien Wildbahn entwickeln sich vielfältige Sozialsysteme, die angeführt werden von Alphas, die, angepasst an das jeweilige Umfeld, einen Nutzwert für jedes einzelne Individuum einer sozialen Gruppe bieten. In der menschlichen Gesellschaft wurden in den vergangenen Jahren aber einige allgemeingültige Werte sowie Regeln aufgeweicht. Die Unwahrheit zu sagen oder andere Menschen zu diskriminieren, wie es im amerikanischen Wahlkampf mehrfach vorkam, wird zwar in unseren Kindergärten sanktioniert, in den Spitzen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft aber eben häufig genug nicht. Ganz im Gegenteil: Trump wurde von seiner Partei aufgestellt und von den Bürgern gewählt.

Gibt es ähnliche Tendenzen auch in der deutschen Politik?

Ja, durchaus. Bei uns haben sich politische Partner auch schon gegenseitig als "Gurkentruppe" und "Wildsäue" bezeichnet. Ich habe mich schon häufiger gefragt: Leben wir vielleicht bald auch in einer Rambo-First-Republik? Denn, und jetzt sind wir in der Verhaltensbiologie: In so einem rauen Klima kommen nur Typen wie Donald Trump an die Spitze. Das ist evolutionsmäßig gesehen ein negativer Selektionsmechanismus, der sich auch noch selbst verstärkt.

Trump ist mittels Twitter bekannt geworden. Welche tierischen Bedürfnisse befriedigt der Kurznachrichtendienst?

Aufmerksamkeit. Auf diese provozierende Art, 140-Zeichen-Botschaften rauszuhauen, ist vergleichbar mit dem Schreien und Brusttrommeln eines Menschenaffen. Der Inhalt ist dabei egal, Hauptsache laut und dauernd. Und wer die Aufmerksamkeit der anderen genießt, hat Macht und Einfluss. Alphas – ob Mensch oder Tier – sind bekannt, einzigartig und machen sich so wertvoll. Donald Trump bietet dazu noch seine dreisten Gewinnergesten und das selbstsichere Plusgesicht. In unserem Gehirn gibt es VIP-Plätze für uns bekannte, vertraute Personen. Das bringt gleich mehrere Vorteile mit sich: Wem vertraut wird, der muss nicht lange argumentieren oder detailgenaue Pläne abliefern – er kann gleich loslegen. Das spart viel Zeit, und löst weitere Begehrlichkeiten aus.

Was bedeutet das für Unternehmen?

In der Wirtschaft sind Alphas, als Führungskräfte und Projektverantwortliche, das Kapital eines Unternehmens. Sie haben eine natürliche Sogwirkung, wie eine Marke, für die ich bereit bin, mehr zu zahlen. Alphas im Unternehmen wiederum sind gut beraten, dem Kunden, ihren Mitarbeitern und der Gesellschaft einen Nutzen zu liefern, um nachhaltig erfolgreich mitzuspielen und akzeptiert zu werden. Rambo-Verhalten reicht dafür nicht.

Für eine Verhaltensbiologin wie Sie war die Wahl Trumps also vorauszusehen?

Nein, ich halte aber auch nichts von Prognosen oder Plänen. Wir können die Vergangenheit und die Gegenwart beschreiben, aber nicht die Zukunft. Denken Sie nur an die Wetterprognose. Es gibt wohl keinen anderen Bereich, über den wir in den vergangenen 100 Jahren so viele Daten gesammelt haben. Big Data par excellence. Und? Es klappt nicht. Die Wetterprognose von gestern – bedeckt – stimmt mal wieder nicht. Strahlender Sonnenschein heute hier in Düsseldorf.

In einer Welt, die immer komplexer zu werden scheint, steigt aber der Wunsch nach Planbarkeit.

Das ist verständlich und allzu menschlich. Die Natur plant aber nicht. Es regieren der Zufall sowie Versuch und Irrtum. Nehmen Sie eine Pusteblume. Der Wind bläst die Früchte als Schirmflieger in alle Himmelsrichtungen. Kein Plan, nichts. Aber es funktioniert seit Jahrmillionen. Die Pusteblume pflanzt sich fort. Die Natur setzt verschwenderisch auf Vielfalt, um in einer ungewissen Zukunft agil – angepasst – zu sein. Die Natur spart dabei Kosten für die Planung. Was für eine Großzügigkeit, was für ein Selbstbewusstsein! Wenn wir die nur auch hätten. Zu aufwendige Planung bremst die Agilität eines Unternehmens.

Aber ohne Pläne geht es doch nicht ...

Nein, das meine ich nicht. Aber häufig wird geplant, um zu planen ... Ich plädiere nicht erst seit dem Wahlsieg von Donald Trump, den die Meinungsforscher übrigens nicht prognostiziert hatten, für eine Abkehr von diesem Planungswahn und Prognoseglauben. Es gibt Konzerne, in denen beschäftigen sich ganze Führungsetagen nur mit dem Aufstellen, Konkretisieren und Überarbeiten von Szenarien. Das ist Ressourcenverschwendung. Von dem komplexen System Natur können wir lernen, wie Unternehmen mit weniger Planung erfolgreicher sein könnten.

nach oben

Etikette und Benimmregeln gewinnen wieder an Bedeutung. Wir verraten dir, worauf es beim Business-Knigge ankommt.

Verwandte Artikel

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren