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Mal schön unachtsam sein

Rosinen [Quelle: unsplash.com, Paweł Durczok]

Quelle: unsplash.com, Paweł Durczok

Die Achtsamkeit hat eine geradezu kometenhafte Karriere hingelegt. Natürlich ist da auch was dran, achtsam mit sich und anderen umzugehen. Wären da nur nicht die Rosinen-Kau-Übung und das ganze sonstige Wortgeklingel!

Um in der Flut der Neuerscheinungen zu bestehen, braucht es Marketing-, Marketang-, Marketong-Gags und Gadgets. Auch die berufliche Erbauungsliteratur lebt von immer neuen Themen, die sich aber dummerweise im solide vor sich hin plätschernden Arbeitsalltag nicht so einfach rekrutieren lassen. So müssen steile Thesen, Wortgeklingel und ein Keynote-Autor her. Eine Lieblingsvokabel, die neben dem Stichwort Resilienz eine kometenhafte Karriere hingelegt hat, ist das Wort von der Achtsamkeit.

Natürlich ist da etwas dran, achtsam mit sich, der Gesundheit, den Kollegen und Aufgaben umzugehen – wer kann ernsthaft etwas dagegen haben? Über eine anständige Haltung können sich theoretisch alle verständigen. Das wiederum klingt nicht aufregend, sondern nach Allgemeinplatz. So muss diese Achtsamkeit künstlich aufgepumpt werden.

Alte Thesen in neuen Schläuchen, das lukrative Verfahren illustriert zum Beispiel die Rosinen-Kau-Übung. Zur Erinnerung: Da sollen Seminarteilnehmer minutenlang eine getrocknete Weintraube betrachten, einspeicheln, kauen und so das Bewusstsein für die Dinge zu erweitern, denn das Gute liegt im Einfachen, in der Reduktion auf das Wesentliche. Ein sensationeller Marketingcoup.

Auch aus der Kunst des Lächelns ließe sich ein Portfolio erstellen

Keine Publikation, die den Achtsamkeitshype ignoriert. Die Illustrierte referiert zehn Übungen für Berufstätige. Lieblingslektion ist die Nummer zwei: "Das Nass erleben. Beim Duschen volle Konzentration auf das Hier und Jetzt. Fühlen, wie das warme Wasser von der Haut abperlt." Klingt wie ein Spot nach dem Sport oder vergeigtem Artzroman. Sie wissen schon, die Passage, wo die grazile Assistenzärztin dem einsamen Oberarzt in die muskulösen Arme sinkt. Der Bericht ist übrigens eingebettet in Werbung für Hygienevorlagen.

Manche gutgemeinten Ratschläge sind so penetrant-trivial, dass man am liebsten gleich ins Gegenteil verfallen möchte, unachtsam sein, zu schlampen, sich renitent und schmatzend eine Handvoll Rosinen auf Ex einverleiben, am liebsten vor düpierten Seminarteilnehmern, die viel Geld für wenig Erkenntnis berappt haben und die Rosinenbombenstimmung gar nicht komisch finden. Uns aber entspannt und erheitert dieses Anarchoverhalten ganz ungemein.

Apropos: Die Kunst des Lächelns – dazu ließe sich doch auch mal ein Portfolio erstellen. Ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag, heute schon gelacht und so dröge und so fort. Das ließe sich locker lukrativ bis zum Lach-Yoga deklinieren. Wetten?!

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