Partner von:

Der steile Weg nach oben

Karriereleiter Aufstieg Erfolg [© Creativa - Fotolia.com]

© Creativa - Fotolia.com

Die Probe-Professur des Tenure Track sollte jungen Forschern Sicherheit und Perspektive bieten. Doch das System funktioniert noch nicht.

Bevor Jan Lipfert das Jobangebot aus München bekam, war sein Leben noch einfach. Der Deutsche wohnte zusammen mit seiner Familie in Den Haag, zur Arbeit fuhr er mit dem Rad, links die Kühe, rechts der Kanal, am Feierabend spielte er zu Hause mit seiner kleinen Tochter. Als seine Postdocstelle auslief, schickte Lipfert, 37 Jahre alt und Biophysiker, eine Bewerbung nach München an die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Er bekam eine Stelle als Physikprofessor. Genauer: Er hat jetzt eine befristete Stelle als Professor, die nach spätestens sechs Jahren zur Dauerprofessur umgewandelt wird. Schon seit Jahren wird über dieses Modell gesprochen. Tenure Track heißt der Karriereweg, der Nachwuchswissenschaftlern endlich eine planbare Laufbahn ermöglichen soll. Das Leben von Jan Lipfert ist jetzt komplizierter als früher, weil er an den Wochenenden in die Niederlande zur Familie pendelt. Seine Karriere ist dafür gesichert.

Jan Lipfert sagt: "Das Angebot war einfach so gut, dass ich hierher kommen musste." Er hat eine Stelle, wie sie viele andere Nachwuchswissenschaftler nicht haben. An der LMU gibt es den Tenure Track, den Pfad zur Daueranstellung, seit der Jahrtausendwende. Etwa 180 Professoren arbeiten dort derzeit auf Probe. Auch die andere Münchner Exzellenz-Uni, die Technische Universität (TUM), will das Modell etablieren und bis 2020 100 solcher Tenure-Track-Stellen schaffen.

Bislang können nur wenige Universitäten in Deutschland mit so einer Jobofferte aufwarten. An der Freien Universität Berlin und an der Uni Leipzig etwa gibt es keinen Tenure Track, an der Humboldt-Uni drei, in Düsseldorf fünf, in Münster zehn, an der RWTH Aachen 11, in Köln 18. Das geht aus einer Umfrage der ZEIT unter 50 Universitäten hervor, 32 schickten uns ihre Antworten. Warum gehen die Hochschulen so unterschiedlich mit den Professorenstellen auf Bewährung um? Wieso tut sich das deutsche Hochschulsystem so schwer mit dem Tenure Track, der ursprünglich in den USA ersonnen wurde?

Für Bildungspolitiker und Hochschulexperten ist das Modell die Lösung für ein trotz vieler Reformen ungelöstes Problem: Laut dem Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs liegt der Anteil der Professoren unter den Wissenschaftlern bei weniger als zehn Prozent. Nur 7,8 Prozent haben eine feste Stelle mit vollem Stundendeputat. 90 Prozent der Wissenschaftler sind befristet angestellt und hangeln sich häufig von Kurzzeitvertrag zu Kurzzeitvertrag. Wer am Ende doch eine Professur bekommt, ist im Schnitt schon 41,4 Jahre alt.

Neuerdings nimmt die Debatte an Fahrt auf: Zehntausende Nachwuchswissenschaftler unterschreiben Onlinepetitionen mit Titeln wie "Perspektive statt Befristung" oder "Wissenschaft als Beruf". Die Koalition hat vereinbart, das Wissenschaftszeitvertragsgesetz, das befristete Verträge in der Wissenschaft erleichtert, zu reformieren. Und die CDU-Bundesbildungsministerin Johanna Wanka sagt: "Das ganze System der Nachwuchsförderung ist in eine Schieflage geraten."

Nun hat Wanka eine "Offensive Wissenschaftlicher Nachwuchs" angekündigt. Eine Milliarde Euro möchte sie von 2017 an für zehn Jahre in die Perspektiven junger Forscher stecken und im großen Umfang Tenure-Track-Stellen schaffen. Die SPD nennt schon eine Zahl: 1.500 neue Juniorprofessuren sollen mit dem Geld geschaffen werden, alle mit Aussicht auf eine Dauerstelle. Wie das Programm genau aussehen soll, darum ringen Bund und Länder noch. Simone Raatz, die stellvertretende Vorsitzende des Bildungsausschusses im Bundestag, schlägt vor, dass die Länder sich anteilig nach Steueraufkommen und Bevölkerungszahl an der Finanzierung beteiligen. Anfang der Woche forderte die CDU/CSU-Fraktion die Länder auf, den Tenure Track nicht mehr wie bislang mit der niedrigeren Gehaltsstufe W1 eines Juniorprofessors zu koppeln.

Über das Ziel des Tenure Track herrscht weitgehend Einigkeit. Das Modell soll außerdem gute Leute aus dem Ausland zurückholen. Leute wie Jan Lipfert, der Physikprofessor auf Probe. Kurz vor 9/11, da war er 24, entschied er, nicht weiter in Heidelberg zu studieren, sondern in die USA zu gehen. Lipfert, ein großer Typ mit Poloshirt und dem Kreuz eines Football-Spielers, schwärmt vom Spirit des Silicon Valley und vom amerikanischen Hochschulsystem, in dem eine langfristige Karriereplanung besser möglich sei. Nach seiner Promotion in Stanford zog Lipfert in die Niederlande zu seiner Freundin. Aber er sagt: "Hätte ich nur für mich allein entschieden, wäre ich in den USA geblieben."

Traditionell kennt das deutsche Hochschulsystem keine Professur in spe. Wenn ein Professor in den Ruhestand geht, wird seine Stelle ausgeschrieben und neu besetzt. Der Tenure Track ist eine Art vorgezogene Ernennung, meist sechs Jahre bevor der alte Hochschullehrer ausscheidet. Die Uni ist so nicht nur gezwungen, sehr langfristig über die zukünftige Ausrichtung der neuen Professur nachzudenken. Sie muss für die sechs Jahre des Übergangs auch einen zusätzlichen Professor bezahlen – der im Stellenplan nicht vorgesehen ist. In der Regel entscheidet eine Kommission nach drei Jahren und noch einmal im Laufe des sechsten Jahres, ob sich der Nachwuchswissenschaftler bewährt hat.

nach oben
Akademische Stellen

Stellenangebote für

Doktoranden

und wissenschaftliche

Mitarbeiter

Verwandte Artikel

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren