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Teilzeit in der Chefetage

Uhr Teilzeit Arbeitsmodelle [Quelle: Unsplash.com, Sonja Langford]

Quelle: Unsplash.com, Sonja Langford

Chef sein, aber nur zwei Tage in der Woche am Arbeitsplatz – geht das überhaupt? Ja! Sogar Mittelständler versuchen es. Damit es klappt, muss aber einiges beachtet werden.

Führen trotz Teilzeit: An Frauen, die sich dieser Herausforderung annehmen, haben sich viele Unternehmen gewöhnt. Männer, die das Gleiche tun, gelten dagegen als Exoten. Es gibt die unterschiedlichsten Gründe, warum Unternehmen ihren Mitarbeitern so etwas ermöglichen. Meist geht es darum, Familie und Beruf besser unter einen Hut zu bringen. In einem anderen Fall muss eine Führungskraft aus privaten Gründen ihre Arbeitszeit reduzieren. Oder ein Arbeitgeber muss mit den Aufstiegsmöglichkeiten in Teilzeit seine Attraktivität steigern, weil es ansonsten schwerfällt, eine anspruchsvolle Stelle zu besetzen oder bewährte Mitarbeiter auf Dauer zu halten.

Die Marquardt-Gruppe, ein Familienunternehmen mit 9300 Mitarbeitern in der Welt, ist im baden-württembergischen Rietheim-Weilheim bei Tuttlingen ansässig. "Das ist nicht der Mittelpunkt Europas", gibt Personalleiter Thomas Braun zu. Um etwa qualifizierte Mitarbeiter an den Betrieb zu binden, seien flexible Arbeitszeitmodelle nötig. Die Entscheidung für ein solches Modell auf Management-Ebene sei daher länger diskutiert worden. "Eine Frage war, wie reagiert die Belegschaft auf dieses Modell?" Die zunächst befürchtete Skepsis unter den Mitarbeitern sei jedenfalls ausgeblieben, heißt es. Bereits 2011 ist die interne Entscheidung gefallen, auch Führungskräften Arbeit in Teilzeit zu ermöglichen.

Im obersten Management-Zirkel des Mechatronik-Spezialisten nutzen diese Option zwei Personen. Dabei muss aber laut Personalleiter folgender Aspekt geklärt sein: "Zu welchen Zeiten ist die Führungskraft persönlich erreichbar?" Es sei schließlich schwer, persönliche Eindrücke von Büromeetings per E-Mail zu vermitteln. Der 50 Jahre alte Ludger Schöcke ist dabei jeweils zwei Tage in der Woche für fünf Stunden an seinem Arbeitsplatz präsent. Der Naturwissenschaftler, der seit Jahren im Personalbereich tätig ist, ist gegenwärtig für zehn Mitarbeiter verantwortlich. "Wichtig ist eine gute persönliche Beziehung zu den Beschäftigten", sagt er.

Transparenz macht alles leichter

Schöcke ist insgesamt 20 Stunden in der Woche für seinen Arbeitgeber tätig. Da seine Aufgaben vor allem in der Personal- und Organisationsentwicklung liegen, ist die konzentrierte Arbeit zu Hause ideal. Dabei kann er seine Heimarbeit so einteilen, dass sie mit den Anforderungen der Familie in Einklang zu bringen ist. Dringende und unaufschiebbare Sachen zwischen ihm und seinen Kollegen werden kurzfristig am Telefon geklärt.

Für Schöcke ist die Teilzeitarbeit auch aus gesundheitlichen Gründen eine ideale Lösung. Vor gut sechs Jahren hatte er einen Schlaganfall. "Für mich gab es danach nur zwei Optionen: mit einer halben Stelle zurückzukommen oder aufzugeben", sagt er. Sein Chef betont, die damals gefundene Lösung sei auch ein guter Weg, um erfahrene Mitarbeiter zu halten. Außerdem sei es wichtig, Transparenz zu schaffen, warum ein Mitarbeiter diesen Weg geht. Dass Schöcke auch manchmal mehr als 20 Stunden pro Woche tätig ist, gibt er unumwunden zu. Er besuche auch Workshops, da könne man nicht nach ein paar Stunden einfach gehen. Der Personalleiter von Marquardt räumt zudem ein, dass mit Teilzeitarbeit im Ausland sehr viel lockerer umgegangen wird.

Nach einer im Januar vorgestellten Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung können flexible Arbeitszeiten die Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt verstärken. Das sei dann der Fall, wenn diese Beschäftigungsformen überwiegend nur von Frauen genutzt werden. Bundesweit 80,8 Prozent der Teilzeitbeschäftigten waren 2015 Frauen. Wie die Autorin der Studie, Yvonne Lott, erläutert, tun sich deutsche Unternehmen mit Teilzeitarbeit auf Leitungspositionen immer noch sehr schwer: "Der Anteil der Teilzeitbeschäftigten mit Management- oder weitergehenden Führungsaufgaben lag zuletzt bei 11 Prozent", klagt sie, "bei herausgehobenen Führungsposten waren es nur 6,5 Prozent." Dass es der Karriere schadet, die Arbeitszeit wegen der Kinderbetreuung zu verringern, erlebten aber auch Männer, wenn sie mehr als zwei Monate Elternzeit nähmen.

Führungspositionen lassen sich auch teilen

Markus Weber von der Personalberatung Dr. Maier + Partner merkt an, dass die gesamte Thematik auf Management-Ebene durchaus kritisch betrachtet wird. Für viele sei das immer noch ein Karrierekiller. Deshalb steigen auch nicht viele in so ein Modell ein. "Es gibt auch nicht viele Unternehmen, die diese Modelle praktizieren, vor allem nicht in der Kombination, dass sich zwei Führungskräfte eine Führungsposition teilen und beide in Teilzeit arbeiten." Gesellschaftlich sei das immer noch nicht anerkannt – vor allem nicht bei Männern. Das habe viel mit überkommenen, tradierten Rollenbildern zu tun, die immer noch vorherrschen.

Für jene Betroffenen, die den Schritt trotzdem gewagt hätten, gibt es nach Auffassung des Beraters dann besondere Anforderungen: "Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation: sowohl zwischen den Führungskräften untereinander als auch mit davon betroffenen Mitarbeitern." In diesem Personenkreis seien aufwendige Abstimmungsprozesse nötig. In einer Welt, in der jedoch schnelle Entscheidungen gefordert seien, führe das mitunter zu Reibungen. Dann sei ein hohes Maß an Konfliktlösungsfähigkeit gefordert, und man brauche viel Integrationskraft von Führungskräften, "da mehr auf das Einende als auf das Trennende zu achten ist", sagt Weber.

Nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sind es vor allem Großbetriebe, die Führung in Teilzeit ermöglichen. Eine gängige Erklärung dafür sei, dass die Verantwortung in kleinen Betrieben weniger leicht auf mehrere Schultern zu verteilen sei. Susanne Wanger vom IAB verweist darauf, dass vor allem Männer und hochqualifizierte Beschäftigte auf ein mangelndes Verständnis von Seiten der Arbeitgeber stoßen, wenn sie die Arbeitszeit reduzieren möchten. "Es würden sich grundsätzlich viele Männer kürzere Arbeitszeiten wünschen, doch halten sie eine solche Reduzierung häufig nicht für umsetzbar. Als Gründe werden ein hohes Arbeitspensum und eine rigide Arbeitsorganisation genannt, die ein vom klassischen Vollzeitmodell abweichendes Arbeitszeitmodell nicht möglich machen", sagt sie.

Teilzeit in Führungspositionen bringt laut IAB-Expertin durchaus Vorteile für die Arbeitgeber. So biete etwa Jobsharing die Möglichkeit, selbst Führungsfunktionen so zu teilen, dass sogar zwei Manager einen Arbeitsplatz besetzen. "Damit kann auch verhindert werden, dass wertvolles Wissen bei einem zeitweisen Arbeitsausfall oder beim Weggang einer Führungskraft aus dem Unternehmen verlorengeht." Eine größere Verbreitung von Teilzeit-Managern könne die Akzeptanz für dieses Arbeitsmodell auf allen betrieblichen Ebenen erhöhen und so die gleichmäßigere Verteilung von Führungspositionen und Arbeitszeiten für beide Geschlechter beschleunigen, ist Wanger überzeugt.

Verantwortung abgeben ist wichtig

"Viele Arbeitgeber schätzen Teilzeitarbeit unter ertragsrelevanten Aspekten sehr vorteilhaft ein, da sie die Flexibilität und Produktivität der Betriebe fördert", heißt es in der Branche. Beim Autozulieferer Robert Bosch sind solche Modelle auch im Top-Management machbar. So arbeitet der 53 Jahre alte Peter Meyer, der im globalen Einkauf der Kraftfahrzeug-Sparte arbeitet und somit für 310 Mitarbeiter in zehn Ländern verantwortlich ist, seit vergangenem Juni nur noch vier Tage in der Woche. "Inzwischen haben sich meine Mitarbeiter darauf eingestellt, dass ich am Freitag nicht erreichbar bin", berichtet Meyer. Er achtet darauf, seinen freien Tag jede Woche zu nehmen. "Bei den weiblichen Kollegen ist mein Modell gut angekommen. Die männlichen Kollegen haben zunächst etwas zurückhaltend reagiert."

Seine mutige Entscheidung begründet der Manager mit privaten Umständen. Er wolle sich stärker um seinen pubertierenden Sohn kümmern. "Darüber hinaus benötigen meine Schwiegereltern verstärkt Hilfe." Das alles bei einer Vollzeit-Stelle parallel zu machen ging laut Meyer nicht mehr: "Ich habe das knapp ein Jahr versucht. Da hatte ich dann keine Erholungsphasen mehr."

Der Bosch-Manager, der jedes Jahr sechs bis sieben Wochen im Ausland unterwegs ist, betont: "Es ist wichtig, Verantwortung abzugeben." Das ist ein entscheidender Faktor, damit so ein Schritt auch wirklich gelingt. Bei dem Autohersteller Daimler arbeiten über 11.000 Mitarbeiter in diversen Teilzeitmodellen, davon mehr als 4000 Männer. Und gegenwärtig haben 4,4 Prozent aller Führungskräfte ihre Arbeitszeit dort reduziert.

Die Möglichkeit, in Teilzeit zu arbeiten, ist bei Daimler seit 2001 fest in einer Betriebsvereinbarung verankert. Dabei gibt es, wie bei anderen deutschen Unternehmen auch, eine breite Palette an Arbeitszeitmodellen. Das geht vom Teilen eines Arbeitsplatzes bis hin zur Arbeit in Block-Teilzeit. Zudem gibt es die Möglichkeit, dies mit mobilem Arbeiten zu kombinieren, um eine noch größere Flexibilität im Unternehmen zu erreichen.

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