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Stress macht vergesslich

Kopfschmerzen (Quelle: freeimages, brainloc)

Quelle: freeimages, brainloc

Dauerstress im Job mindert die Gedächtnisleistung. Mit möglicherweise irreversiblen Folgen: Das Risiko, an Demenz zu erkranken, nimmt im Alter zu.

Dass Stress krank machen kann, ist längst bekannt. Aber nicht nur die Psyche leidet unter negativem Dauerstress, sondern auch der Körper. "Mehrere Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen einer hohen Stressbelastung und dem Erkranken an Demenz und Alzheimer", sagt der Stressforscher und Arbeitspsychologe Tim Hagemann. Möglicherweise wird eine beginnende Demenzerkrankung durch Stress sogar beschleunigt.

Generell wird Stress in gesunden Eustress und ungesunden Disstress unterschieden. Während ersterer die Leistungsfähigkeit sogar kurzfristig steigert, gut bewältigt werden kann und dabei Glückshormone ausgeschüttet werden, mindert letzterer die Gehirnleistung, belastet das Immunsystem und macht auf Dauer krank.

"Psychologisch entscheidend ist der wahrgenommene Handlungsspielraum, um eine Situation zu meistern. So sind beispielsweise Langzeitarbeitslose besonders gefährdet, psychisch und physisch an Stress zu erkranken, weil sie besonders häufig ihre Situation als nicht änderbar oder kontrollierbar ansehen", sagt Hagemann. Kann Stress psychisch nicht verkraftet werden, steigt das Risiko, an einer Depression zu erkranken. Und die kann wiederum eine beginnende Altersdemenz oder Alzheimererkrankung früher auslösen oder demenzähnliche Symptome mit sich bringen, so der Stressforscher.

Hinzu kommt, was biologisch im Körper abläuft. Stress bedeutet, dass sich der Körper auf eine akute Gefahrensituation einstellt. Im Körper werden Adrenalin, Noradrenalin und Corticoide ausgeschüttet, Herzfrequenz und die Durchblutung steigen, Glukose wird freigesetzt, die Magendarmtätigkeit eingeschränkt und die Blutgerinnung beschleunigt. Auch das Immunsystem fährt etwas herunter, um Energie zu sparen. Der Körper ist auf Aktivität, eine Flucht- oder Kampfsituation vorbereitet. Nur erfolgt diese in der modernen Arbeitswelt zumeist nicht.

Stresshormone greifen Nervenzellen an

Das Cortisol greift dann wichtige Gehirnzellen an. Die Stresshormone führen langfristig sogar zu physiologischen und anatomischen Veränderungen im Hirn. Vor allem im Hippocampus, einer Region im Hirn, die Teil des limbischen Systems ist, vor allen an der Gedächtnisbildung beteiligt und für das Kurzzeitgedächtnis und Konzentrationsfähigkeit verantwortlich ist. In dieser Hirnregion werden außerdem wichtige und unwichtige Sinneswahrnehmungen gefiltert. Kommt es hier zu einer Störung, hat das Auswirkungen. Gestresste werden vergesslich, wirken zertreut oder unruhig. Ein Tunnelblick entsteht – die Wahrnehmung ist eingeschränkt und nur auf die Stresssituation fokussiert.

 

"Dann greift man auf Routinen zurück. Man spult dann eingeübtes Verhalten ab. Bei der Bundeswehr wird dieser Effekt bewusst genutzt. Auch Brandschutzübungen zielen darauf ab, für akute Stresssituationen Verhaltensroutinen auszubilden", sagt Hagemann. Für normale Unternehmen, die leistungsstarke Mitarbeiter brauchen, ist das von Nachteil. Chronisch gestresste Mitarbeiter sind weniger leistungsfähig, weniger produktiv, weniger kreativ.

Hält der Stress über mehrere Monate an, kann es sogar zum Absterben von Nervenzellen im Hippocampus kommen, hat der niederländische Neurobiologe Ron de Kloet entdeckt. Anders als Körperzellen werden sie nämlich nicht nachgebildet. Wer sich Jahre lang viel Stress zumutet, wird dadurch also gewissermaßen dümmer. So ist auch der Zusammenhang zwischen demenzähnlichen Symptomen und Stress erklärbar. Hinzu kommt das bereits erwähnte Risiko einer Depression. Das hat besonders im Alter Folgen.

"Es kommt vor, dass eine stressbedingte Depression mit beginnender Demenz verwechselt wird – oder mit ihr einhergeht. Tübinger Wissenschaftler haben kürzlich herausgefunden, dass eine Depression das Risiko einer Alzheimer-Demenz um das Zwei- bis Dreifache erhöht", sagt Hagemann. Schon bei 60-Jährigen sind diese Effekte zu beobachten – einem Alter, in dem viele noch voll im Job stehen.

Neues lernen gegen Stress

Hinzu kommt, dass Stress den Altersprozess beschleunigt: Forscher fanden in Versuchen mit Ratten und Meerschweinchen heraus, dass die stressbedingten, neurobiologischen Veränderungen im Hirn dem normalen Alterungsprozess stark ähneln. Bei jungen Menschen sind zunächst "nur" die kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt, sie können aber gut wiederhergestellt werden, wenn die Belastung abnimmt. Bei Älteren hingegen zeigt sich ein bereits signifikanter Verlust von Nervenzellen, der nicht mehr rückgängig zu machen ist.

Allerdings gibt es auch Hoffnung: Die Neuroplastizität des Hirns – das ist die Fähigkeit von Synapsen, Nervenzellen und ganzen Hirnarealen sich zu verändern – ist bis ins hohe Alter gegeben. Selbst wer in mittleren und älteren Jahren viel Dauerstress ausgesetzt war, kann mit etwas Gedächtnistraining gegensteuern. Etwas neues zu lernen ist ein sehr wirkungsvolles Mittel gegen Stress.

Neue Sportarten lernen hilft Wunder

Das empfiehlt auch Arbeitspsychologe Tim Hagemann: "Kurzfristig ist körperliche Bewegung ein echtes Wundermittel zur Erholung. Wer eine neue Sportart lernt, sorgt gleich doppelt vor: Durch die körperliche Aktivität werden Adrenalin und Cortisol abgebaut. Gleichzeitig wird der Kopf abgelenkt. Man gewinnt Abstand und verliert den stressbedingten Tunnelblick."

Geeignet seien vor allem Sportarten, die man mit mehreren ausübt – Tanzen, Mannschafts- oder auch Kampfsport. Die soziale Interaktion mit anderen Menschen gibt Sicherheit und schützt vor Einsamkeit. Wer viele soziale Kontakte hat, wird nicht so leicht depressiv. Gut geeignet ist auch Yoga oder Thai Chi. Sportarten, die auch Ältere noch gut lernen können. Hier gehören Übungen zur Entspannung gleich mit dazu. Ganz so ausgefallen muss es aber gar nicht sein, sagt Hagemann. "Man erreicht ähnliche Effekte auch schon mit Spaziergängen mit der Familie oder guten Freunden."

© ZEIT ONLINE ( Zur Original-Version des Artikels)

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