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"Auch in Start-ups muss jemand die Toilette putzen"

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Machen Tischkicker und Gratis-Lunch glücklich? Eine Psychologin erklärt, was Menschen vermissen, die in Start-ups arbeiten. Und warum Gründer das oft nicht verstehen.

Frau Breugst, die Autorin Mathilde Ramadier hat in fünf Jahren für zwölf Berliner Start-ups gearbeitet – und ihre Bilanz ist vernichtend. Das typische Start-up scheint demnach auf von Gratis-Obst und Tischtennisplatte versüßte Ausbeutung zu setzen. Wie typisch sind diese Erfahrungen?

Die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Studien zeigen, dass Mitarbeiter in Start-ups durchschnittlich mindestens so zufrieden sind wie Mitarbeiter in etablierten Unternehmen. Aber was steckt hinter so einem Mittelwert? Es ist zum Beispiel möglich, dass es einerseits sehr miese und andererseits sehr gute Jobs in Start-ups gibt. Eine andere mögliche Interpretation wäre, dass die Jobs in etablierten Unternehmen auch nicht besonders angenehm sind, also einfach alle Menschen im Schnitt eher unzufrieden sind mit ihrer Arbeit. Es ist ja nun mal so: Wir verkaufen gegen Geld unsere Arbeitskraft.

Wie wird die Zufriedenheit bei der Arbeit erforscht?

Die meisten Studien basieren darauf, dass man Mitarbeiter einen Fragebogen ausfüllen lässt: Auf einer Skala von 1 bis 5, wie zufrieden sind Sie mit Ihren Arbeitsbedingungen, Ihrer Arbeitszeit, den Gestaltungsfreiräumen und so weiter. Daneben gibt es ethnografische Untersuchungen, um die Arbeitskultur zu erfassen. Sie kennen doch bestimmt die Studien von Wissenschaftlern, die unter Affen leben? Im Prinzip das Gleiche wird in Unternehmen gemacht. Die Wissenschaftler verbringen einige Zeit in einer Firma, übernehmen reguläre Aufgaben, nehmen an Meetings teil, verbringen die Pausen mit dem Team und erleben so den Arbeitsalltag und das Klima intensiv mit.

Wie unterscheidet sich die Arbeitskultur in Start-ups von der Arbeitskultur in anderen Unternehmen?

In Start-ups wird ganz bewusst ein anderer Lifestyle gepflegt; es wird versucht, einen Hype um die Firma zu kreieren: Wir sind anders, wir sind jung, hip und cool! Wir arbeiten im T-Shirt, haben eine Tischtennisplatte und immer ein gekühltes Getränk für euch. Gleichzeitig unterscheiden sich die eigentlichen Tätigkeiten aber gar nicht so sehr von denen in anderen Unternehmen.

Am Ende muss man trotzdem arbeiten.

Ja, und das kann eben stupide sein, es fallen Routineaufgaben an. Oder wie es ein Gründer mal ausgedrückt hat: Auch in Start-ups muss jemand die Toilette putzen. Es gibt in Start-ups oft eine gewisse Diskrepanz zwischen dem, was kommuniziert wird, und dem tatsächlichen Arbeitsalltag. Das produziert mitunter Enttäuschungen.

Ist diese Enttäuschung der Hauptgrund für den Frust mancher Start-Up-Mitarbeiter?

Nicht erfüllte Erwartungen sind ein Problem, aber das größere Problem ist die Unsicherheit, die mit der Arbeit in einem Start-up einhergeht. Man weiß einfach nicht, ob ein neues Produkt gut ankommt. Ob die Technologie in der Praxis so funktioniert, wie man sich das vorgestellt hat. Dadurch entsteht eine fundamentale Unsicherheit. Man liest immer von Entlassungswellen in größeren Firmen, aber alles in allem ist ein Arbeitsplatz dort vergleichsweise sicher. Es gibt Rücklagen, die ein schlechtes Geschäftsjahr abfedern können. In Start-ups drohen direkt betriebsbedingte Kündigungen, wenn es schlecht läuft. Und wenn man nicht weiß, ob es die Firma in ein paar Monaten noch gibt, entsteht ein anderes Arbeitsklima. Es geht ums Überleben. Aber auch wer in der schönen neuen Start-up-Welt arbeitet, will Sicherheit, Mitarbeiter noch mal mehr als Gründer. Deswegen gründen sie selbst ja nicht.

Gründer kommen allerdings oft aus abgesicherten Verhältnissen und fallen dann nicht allzu hart.

Ja, wobei Gründer häufig viel investieren müssen, ihre Reserven aufbrauchen und es auch emotional sehr belastend ist, zu scheitern. Gründer tendieren allerdings dazu, überoptimistisch zu sein. Sie wissen zwar, dass die meisten Gründer scheitern, aber sind trotzdem überzeugt, dass sie selbst es schaffen werden. Mitarbeiter ticken anders, sie leiden stärker unter Unsicherheit – was Gründer wegen ihrer verzerrten Risikowahrnehmung oft nicht verstehen. Man muss den Gründern aber zugutehalten: Sie wollen nicht bewusst schlechte Arbeitsbedingungen schaffen, das will niemand. Man will, dass Leute gute Arbeit leisten, und weiß, dass sie dafür zufrieden sein müssen.

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