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Von Soros bis Gaddafi

Seiltänzer (flickr, jackincity)

Seiltänzer (flickr, jackincity)

Immer mehr VWL-Fakultäten sammeln Geld bei reichen Gönnern - doch Spenden können auch die Reputation gefährden.

 Harte Arbeit ist Ernst Fehr eigentlich gewohnt. Oft quält sich der Züricher VWL-Professor mehrere Jahre mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten herum. Gnadenlos krempelt er sie um. Dreimal, viermal, fünfmal. "Irgendwann hat man es einfach nur noch satt", sagt Fehr. "Doch man muss die Kraft entwickeln, diesen Reflex zu unterdrücken und so lange an dem Aufsatz zu arbeiten, bis er richtig gut ist." Auch diese Zähigkeit hat Fehr zu einem der weltweit erfolgreichsten deutschsprachigen Volkswirte gemacht.
 
 Derzeit wird seine Ausdauer auf eine besonders harte Probe gestellt: Fehr sucht nach privaten Spendern für die Uni - "ein extrem mühsamer Prozess", sagt er. Noch laufen die Gespräche mit potenziellen Geldgebern, rund sechs Millionen Euro sind quasi zugesagt. Fließen soll das Geld an die "Excellence Foundation Zurich", die in den nächsten Monaten offiziell gegründet wird und die VWL-Fakultät der Uni "zu einer Weltklasse-Institution" (Fehr) machen soll.
 

Geldgeber sorgfältig aussuchen

 Fehr und die Uni Zürich befinden sich in guter Gesellschaft: Ob in Chicago oder Bonn, London oder Düsseldorf - überall versuchen volkswirtschaftliche Fakultäten, ihre Forschung mit privaten Geldern zu finanzieren. Für die Hochschulen ist das Buhlen um Spender ein Drahtseilakt - Reputation und Unabhängigkeit können im Zweifel auf dem Spiel stehen. Doch Fehr, der die Namen seiner Geldgeber noch nicht verrät, ist überzeugt: "Es geht nicht ohne Gelder aus privaten Quellen, wenn man im internationalen Wettbewerb mithalten will."
 
 Das jüngste Beispiel ist die Frankfurter Goethe-Universität: Ende März hat die Hochschule für das House of Finance eine Stiftung gegründet. Das Stiftungskapital summiert sich auf 21 Millionen Euro. Es stammt von Banken, Finanzdienstleistern und Versicherungsverbänden. Die neue Stiftung ist die zweitgrößte der Uni. Nur die 2007 gegründete Kassel-Stiftung, die 32 Millionen Euro verwaltet, hat mehr Geld.
 
 Derzeit gibt es im House of Finance rund 30 Lehrstühle mit 200 Wissenschaftlern. Das Jahresbudget liegt bei 14 Millionen Euro, davon stammen zwei Millionen Euro aus privaten Quellen.
 
 Bis 2017 soll der Anteil aus privaten Geldquellen auf mindestens ein Viertel steigen. Mit den neuen Einnahmen will das House of Finance Weiterbildungsangebote aufbauen, aber auch unabhängige Grundlagenforschung bezahlen, aus der Politikberatung entstehen soll. Unter anderem will die Uni auch neue Professoren mit dem Geld bezahlen.
 
 Eine der größten privaten Spenden für volkswirtschaftliche Forschung in Deutschland ging im Jahr 2008 an die Universität Düsseldorf: Die Unternehmerfamilie Schwarz-Schütte gab 40 Millionen Euro für den Aufbau eines Forschungszentrums für Wettbewerbstheorie und -politik. Inzwischen beschäftigt das "Düsseldorf Institute for Competition Economics" (DICE) sechs Professoren.
 
 Die Schwarz-Schütte-Spende stellt sogar Hedge-Fonds-Milliardär George Soros in den Schatten: Der machte vor zwei Jahren 35 Millionen Euro (50 Millionen Dollar) für das Institute of New Economic Thinking locker. Die Deutsche-Post-Stiftung finanziert seit 1998 das Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA). Über die Höhe der Förderung schweigt das IZA.
 
 Die klamme öffentliche Hand fördert Zuwendungen der Privatwirtschaft systematisch. In Frankfurt stockt die Landesregierung zum Beispiel Spenden, die für Forschung und Entwicklung bestimmt sind, aus eigenen Mitteln um ein Drittel auf.
 
 Für Unis und Institute hat die neue Finanzierungsmethode eine Kehrseite: Denn anders als der Staat haben private Geldgeber zumindest indirekt meist eigene ökonomische Interessen im Sinn. Wissenschaftliche Forschung kann instrumentalisiert werden.
 
 "Privatwirtschaftliche und wissenschaftliche Interessen dürfen auf keinen Fall vermischt werden", warnt der Vizepräsident der Frankfurter Universität, Rainer Klump. Die Gefahr, dass die Inhaber von Stiftungslehrstühlen zum Spielball ihrer Geldgeber werden könnten, sieht der Ökonom nicht: "Schließlich sind auch sie Beamte und damit absolut unabhängig."Trotz der gesetzlichen Garantie der Freiheit von Forschung und Lehre könne es aber Probleme geben, räumt Justus Haucap, Chef der Monopolkommission und Direktor des DICE, ein.
 
 "Ich kann mir vorstellen, dass man sich in der Praxis dem Geldgeber subtil verpflichtet fühlt." Viel hänge vom Spender ab. Beim DICE seien keine Probleme aufgetreten. "Das liegt in der Stifterfamilie begründet, die zwar sehen will, was mit dem Geld passiert, aber auf unsere Forschung null Einfluss nimmt."
 
 Fakt ist: Die Hochschulen müssen sich ihre Geldgeber sorgfältig aussuchen - und brauchen klare Regeln dafür. So hat die Uni Frankfurt in einem Fall einem Spender schon nach dem ersten Gespräch abgesagt. "Das Unternehmen wollte im Grunde seine Forschungsabteilung auslagern", sagt Uni-Vizepräsident Klump.
 
 Dass Geld von den falschen Spendern erheblichen Schaden für die Reputation von Universitäten anrichten kann, erlebte jüngst die London School of Economics (LSE). Die Elite-Uni hatte eine Spende über 1,8 Millionen Euro von einer Stiftung eines Gaddafi-Sohns angenommen, ebenso wie einen mit 2,5 Millionen Euro dotierten Ausbildungsauftrag vom libyschen Regime.
 
 LSE-Direktor Howard Davies hatte sich 2009 gegen massive interne Widerstände dafür starkgemacht, das Geld von Gaddafi nicht auszuschlagen. Nach dem brutalen Vorgehen der libyschen Regierung trat Davies deswegen Anfang März zurück. Die Beziehungen zu Gaddafi hätten dem Ansehen der LSE geschadet, räumte Davies zerknirscht ein. "Ich bin verantwortlich für die Reputation der Schule, und die hat gelitten."

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