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"Nicht jeder Mensch ist für Arbeit geboren"

Uhr, Zeit, Zeitmanagement [Quelle: freeimages.com, Autor: NightLord_]

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Der Beruf ist prägend für die eigene Identität, sagt der Arbeitspsychologe Tim Hagemann. Aber wer keinen Sinn im Job findet, wird schnell als gescheitert abgestempelt.

ZEIT ONLINE: Herr Hagemann, sind Menschen, die sich zu ihrem Beruf auch berufen fühlen, glücklicher?

Tim Hagemann: Ja und nein. Sinn und Geld tragen zur Zufriedenheit bei. Befragt nach ihrer ideellen Erfüllung fühlen sich Menschen, die in ihrer Tätigkeit einen Sinn sehen, glücklicher als Menschen, deren Job dem reinen Broterwerb dient. Anders herum kompensiert ein hohes Einkommen eine nicht erfüllende Tätigkeit. So sind beispielsweise Facharbeiter in der Autoproduktion durchaus zufrieden mit ihrem Job, weil sie ein hohes Einkommen erzielen.

ZEIT ONLINE: Dennoch würden wohl die wenigsten Arbeiter sagen, der Sinn ihres Lebens sei es, Autos zu bauen. Während man einem Arzt durchaus zugesteht, dass er seinen Lebenssinn im Retten von Menschenleben sieht. Wann setzt die Suche nach dem Lebenssinn entwicklungspsychologisch ein?

Hagemann: Schon kleine Kinder stellen diese Fragen. Massiv treten sie aber erst in der Pubertät auf. In dieser Entwicklungsphase lösen sich Kinder von den Lebensentwürfen der Eltern und suchen nach eigenen. Diese Phase fällt mit der ersten beruflichen Orientierung in der Schule zusammen.

Manche Teenager entscheiden sich zwar in dieser Zeit bewusst dazu, dem Lebensentwurf der Eltern zu folgen. Insbesondere bei Unternehmerkindern kann man das beobachten. Viele Jugendliche suchen aber nach einem Beruf, der im Widerspruch zur Laufbahn der Eltern steht. Musiker, Künstler, Tänzer rangieren als Traumberufe bei Pubertierenden ganz oben.

Diese Berufe werden in den Medien glanzvoll dargestellt, und sie stellen oft einen Gegenentwurf zum Leben ihrer Eltern dar. Mit dem Schulabschluss rückt aber eine andere Frage in den Vordergrund: Welche Tätigkeit wird als sinnvoll erachtet und wie passt sie zur eigenen Identität?

ZEIT ONLINE: Viele junge Menschen wissen nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen und welchen Beruf sie ergreifen sollen.

Hagemann: Junge Menschen können heute unter vielfältigen Lebensentwürfen wählen. Blicken wir mal auf die fünfziger Jahre zurück: Nach dem Weltkrieg hatten die Menschen ein großes Bedürfnis nach Sicherheit. Entsprechend waren bürgerliche Berufe hoch angesehen, die ein sicheres Auskommen und ein angepasstes Leben versprachen.

Dann kamen die 68er, die nach Selbstverwirklichung strebten. In den siebziger Jahren entstanden neue kreative und soziale Berufsbilder. Ob Werbung und Medien, Sozialpädagogik – auf einmal ging es um ideelle Selbstverwirklichung. Parallel dazu sorgte die Emanzipation für neue Lebensentwürfe. Frauen mussten sich nicht mehr mit der Rolle als Hausfrau und Mutter begnügen.

Mit den Wahlmöglichkeiten stieg jedoch die Erwartungshaltung, etwas aus dem eigenen Leben zu machen. Es ging nicht mehr nur darum, einen Beruf zu ergreifen, sondern etwas Sinnvolles zu tun und gleichzeitig materiell abgesichert zu sein. Diese Entscheidung wird in einer digitalen, hoch komplexen, flexibilisierten und globalisierten Welt immer schwieriger. Keine Wahl zu treffen, ist auch eine Verweigerung, ein Protest – und ein Zeichen der Überforderung.

ZEIT ONLINE: Nun ist der Sinn des Lebens ja nicht allein vom Job abhängig.

Hagemann: Der Beruf hat einen hohen Stellenwert. Er ist prägend für die eigene Identität und weist auch unsere gesellschaftliche Stellung zu. Wenn man jemanden neu kennenlernt, ist eine der ersten Fragen: Was machen Sie beruflich? Man kann sich dem kaum entziehen.

ZEIT ONLINE: Dennoch gibt es andere Werte, die ein Leben sinnvoll machen. Familie, Freunde, gesellschaftliches Engagement beispielsweise.

Hagemann: Auch hier herrscht ein Erwartungsdruck. Unsere Leistungsgesellschaft definiert ein glückliches Leben als eines, in dem ein erfüllender Job Wohlstand und Ansehen einbringt, zugleich braucht es noch einen Traumpartner, eine Traumwohnung, Traumkinder und einen Traumfreundeskreis. Menschen, die sich diesem gängigen Idealbild verweigern, müssen ein großes Selbstwertgefühl haben.

Stellen wir uns eine junge Akademikerin vor, die statt einer Laufbahn als Ärztin, statt Ehe und Kindern, einfach lieber in einer WG wohnt und als Kellnerin jobbt. Sie wird diesen Lebensentwurf verteidigen müssen, und sie wird aller Wahrscheinlichkeit nach als beruflich gescheitert abgestempelt.

ZEIT ONLINE: Beruflich zu scheitern bedeutet gesellschaftliche Abwertung?

Hagemann: Ja, und dabei erfolgt die Definition von außen. Es gibt Menschen, die in ihren Jobs todunglücklich sind. Nehmen wir den Manager, der sich fremdbestimmt fühlt und der heilfroh ist, dass er im Zuge einer Firmenfusion seinen Job verliert und endlich seinen Traum vom Aussteigen wahr machen kann. Er geht vielleicht nach Neuseeland, lebt dort in einer kleinen Ein-Zimmerwohnung und verdient seinen Lebensunterhalt mit einfachen Handwerkstätigkeiten.

Beruflich gilt er jedoch als gescheitert, gesellschaftliche Anerkennung gibt es für seinen neuen Lebensentwurf kaum. Gerade deswegen leiden so viele Menschen nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes oder wenn sie als Selbständige gescheitert sind. Beruflicher Misserfolg ist ein Stigma. Das ist übrigens typisch deutsch.

In den USA sind die gesellschaftlichen und strukturellen Rahmenbedingungen anders. Da fängt man nach einer Pleite wieder von vorn an und kann relativ problemlos einen ganz neuen Beruf ausüben. Die Gesellschaft honoriert das.

ZEIT ONLINE: Hängt der hohe Stellenwert der Arbeit auch mit dem Bedeutungsverlust von Religion und Spiritualität zusammen?

Hagemann: Da besteht sicherlich ein Zusammenhang. Die gesellschaftlichen Werte haben sich stark gewandelt. Früher hatte vor allem die Kirche die Hoheit, den Sinn des Lebens zu erklären. Heute ist an ihre Stelle eine Vielzahl von Möglichkeiten getreten. Verschärfend kommt hinzu, dass es immer weniger Nischen in der Arbeitswelt gibt.

ZEIT ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Hagemann: Ich gehe davon aus, dass nicht jeder Mensch für die Arbeit geboren ist – zumindest nicht für unsere moderne Arbeitswelt. Schauen Sie sich die Biografien von Langzeitarbeitslosen an. Das sind Menschen, die entweder nie auf dem Arbeitsmarkt Fuß gefasst haben oder die irgendwann rausgefallen sind. Für sie scheint es keinen Platz mehr zu geben.

Früher war das anders. Ich nenne einmal ein Beispiel aus dem akademischen Bereich: Für jene, die sehr lange wissenschaftliche Mitarbeiter waren, aber es nie zu einer Professur schafften, gab es früher trotzdem Anstellungen sogar auf Lebenszeit. Man hat diesen Menschen Freiraum gegeben und sie auch aus sozialen Gründen mitgetragen. Diese Stellen wurden wegrationalisiert.

Solche Nischenjob gab es früher auf allen Ebenen, auch in der freien Wirtschaft. Jetzt haben wir unvermittelbare Langzeitarbeitslose, die gesellschaftlich stigmatisiert sind.

ZEIT ONLINE: Aber am Ende definiert doch jeder für sich selbst, ob das eigene Leben sinnvoll ist.

Hagemann: Ja – darum sind ja auch andere Säulen neben der Arbeit so wichtig für ein glückliches und gesundes Leben. Freunde, Familie, Hobbys. Das Einkommen spielt übrigens nur eine untergeordnete Rolle.

Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat in einer Auswertung von mehr als 450.000 Datensätzen herausgefunden, dass die Lebenszufriedenheit von Menschen ab einem Haushaltseinkommen von cirka 60.000 Euro im Jahr nicht mehr mit dem Einkommen korreliert. Die Lebensqualität steigt nur bis zu dieser Marke. Mehr Geld macht also nicht glücklicher.

 © ZEIT ONLINE ( Zur Original-Version des Artikels)

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