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Selbstsüchtige Nichtskönner

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unsplash.com Andrew Branch

Zuhause, Familie, Ruhe. Wohlige Begriffe, die die Waagschale nach der Arbeit wieder in ein gesundes Gleichgewicht bringen. Quatsch, sagt Tillmann Prüfer. Das eigene Zuhause stellt einen Betrieb dar, der einen zuverlässig in den Burn-out treibt.

Es wird viel über Work-Life-Balance gesprochen. Wie viel Zeit man im Büro und wie viel man zu Hause verbringt. Dabei wird stets davon ausgegangen, dass "Life" der Ausgleich für "Work" ist. Die amerikanische Sozialwissenschaftlerin Arlie Russell Hochschild hingegen hat herausgefunden, dass insbesondere Frauen gerne ins Büro gehen, weil es dort entspannend ist. Jedenfalls im Vergleich zur Kindererziehung. Im Büro gibt es Regeln. Es gibt einen Anfang der Arbeit und ein Ende. Es gibt Ziele, die irgendjemand definiert hat und die in irgendeiner Weise zumindest theoretisch auch nachvollziehbar und erreichbar sind.

Das eigene Zuhause hingegen stellt einen Betrieb dar, der einen zuverlässig in den Burn-out treibt. Man hat einige Mitarbeiter, die aber in den allerseltensten Fällen das tun, was man von ihnen erwartet. Man leitet ein Team von Kindern, also potenziellen Querschlägern, die den ganzen Tag herumschreien, heulen, sich auf den Boden werfen oder auch einfach in den Tag hinein träumen. Man ist leider für alles verantwortlich, was diese Menschen so verbocken, und hat als einzige Sanktionsmöglichkeit das Smartphoneverbot.

Man muss diese Mitarbeiter den ganzen Tag zu verschiedensten Dingen antreiben. Trotzdem nehmen sie einem keine Arbeit ab, sondern machen welche. Sie verschmutzen Kleidungsstücke, Böden, Geschirr und Bäder. Sie müssen ernährt werden und sogar gewaschen. Zum Zeitpunkt, in dem sie ins Unternehmen eintreten, können sie erst einmal nichts außer schreien und stinken. Alles andere muss man ihnen beibringen.

Schaffen diese Mitarbeiter es nicht, die Mindeststandards zu erfüllen, kann man sie nicht feuern. Man muss sich dann erklären lassen, man sei ein schlechter Vorgesetzter. Es gibt keine Überstunden, weil es keinen Feierabend gibt und kein Wochenende. Sobald man geschafft hat, aus diesen selbstsüchtigen Nichtskönnern anständige Betriebszugehörige zu formen, verlassen sie das Unternehmen. Falls sie jedoch einfach unfähige Versager bleiben, hat man sie ein Leben lang am Hals. Natürlich ist der Erziehungsjob nicht einfach nur unbezahlt. Man muss dafür auch noch kräftig löhnen. Jedes Kind kostet, bis es das Haus verlässt, etwa 130.000 Euro. Man bekommt dafür nicht einmal eine Ehrenmedaille – im Gegenteil: Es wird von einem erwartet, dass genau dieser Job einen glücklich macht.

Ich bin mir sicher, dass zu Zeiten, als fast ausschließlich Männer die Erwerbsarbeit geleistet haben, sie nur deswegen erst spät aus dem Betrieb nach Hause kamen, damit sie erst auf die Kinder trafen, wenn die kurz vor dem Einschlafen waren. Wahrscheinlich haben sich Männer nur deswegen Jahrzehnte gegen die Erwerbstätigkeit von Frauen gewehrt, weil sie fürchteten, im Gegenzug müssten Väter dann mehr zu Hause sein.

Ich habe neulich über das Syndrom der "EmptyNest-Depression" gelesen. Die tritt oft ein, wenn das letzte Kind das Haus verlassen hat. Forschungen zeigen, dass Mütter darunter überraschenderweise viel weniger leiden als die Väter. Ich ahne, warum. Die Frauen sind einerseits traurig, dass ihre Kinder nicht mehr da sind. Andererseits freuen sie sich einfach total auf ihren Ruhestand.

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Was für eine traurige Sichtweise. Mir tut der Autor Leid, mit dieser Einstellung hätte ich wohl auch keine große Lust, mich für die Familie zu engagieren. Bildungslücken zu frühkindlicher Bildung empfehle ich mit dem wissenschaftlichen, exzellent recherchierten Buch "Kleine Philosophen" von Alison Gopnik zu füllen. Wer erwartet, dass Familie entweder einem Urlaub gleichkommt oder abläuft wie ein gut geschmierter Dax Konzern, wird leider enttäuscht. Allen anderen wünsche ich erfüllende (und auch anstrengende) Jahre mit der schönsten Aufgabe der Welt.

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