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"Wer authentisch ist, produziert keine Worthülsen"

Kuscheltiere, Gespräch (Quelle: freeimages.com, Autor: selena_pag)

Quelle: freeimages.com, selena_pag

Die Sprache im Job ist unklar und künstlich, sagt der Rhetorikexperte Thilo Baum. Im Interview erklärt er, wie man sich einfach und deutlich ausdrücken kann.

ZEIT ONLINE: Herr Baum, was zeichnet gute Kommunikation aus?

Thilo Baum: Gute Sprache richtet sich an den Empfänger. Sie ist ziel- und ergebnisorientiert. Sie können beispielsweise eine geschäftliche E-Mail entweder so verfassen: "Wie vereinbart sende ich Ihnen unser Angebot." Oder eben so: "Wie vereinbart erhalten Sie unser Angebot."

ZEIT ONLINE: Das ist doch die gleiche Aussage.

Baum: Nicht ganz. Der Satz "Sie erhalten unser Angebot" richtet sich an die Perspektive des Empfängers. Dieser dürfte sich durch diesen Satz stärker angesprochen fühlen. In dem Satz "Ich sende Ihnen unser Angebot" machen Sie sich selbst zum Thema, das kann egozentrisch wirken. Wenn man verstanden werde möchte, sollte man sicherstellen, dass die Botschaft den Empfänger abholt.

ZEIT ONLINE: Welche Fehler werden am häufigsten gemacht?

Baum: Die meisten Menschen denken nicht nach, bevor sie sprechen. Wer klar und präzise formulieren möchte, muss vorher strukturiert denken. Die meisten Leute reden einfach drauf los, sprechen über das Warum, aber nicht über das Wozu.

ZEIT ONLINE: Was doch beinahe das Gleiche ist.

Baum: Es gibt einen entscheidenden Unterschied. Das Warum fragt nach der Vergangenheit, dem Grund, es ist kausal. Das Wozu hingegen ist final, es fragt nach dem Zweck, dem Ergebnis. Wenn ich möchte, dass meine Botschaft ankommt, ist es sinnvoll, vom Zweck zu sprechen. Klar und präzise. Die wichtigen Botschaften gehören in Hauptsätze, nicht in verschachtelte Nebensatzkonstruktionen.
 
Wenn es klare deutsche Wörter gibt, sollte man keine Fachbegriffe verwenden. Auch ein Arzt versteht das Wort Magenschleimhautentzündung. Warum dann also von Gastritis sprechen? So erhöht man die Chancen, besser verstanden zu werden. Viele reden von finanziellen Mitteln statt von Geld. Ich habe aber noch nie jemanden sagen hören: "Hast Du mal finanzielle Mittel für Zigaretten?".

ZEIT ONLINE: Sie kritisieren, dass die Sprache weichgespült ist?

Baum: Absolut! Die Sprache, die wir im Beruf verwenden, hat wenig mit unserem normalen Leben zu tun. Politik, Wirtschaft und Medien haben eine Sprachkultur entwickelt, die geprägt ist von Verschleierung. Es ist eine Sprache, die einseift und einfängt, selten konkret wird, meistens indirekt bleibt. Das ist schizophren. Die Welt der Angestellten erscheint mir oft wie ein Paralleluniversum, in der man sich mithilfe einer künstlichen Sprache verständigt.
 
Hören Sie mal hin, wie das Management eines Konzerns spricht. Führungskräfte können Klartext reden – die brauchen auch vor niemanden Angst zu haben. Auch auf den untersten Hierarchiestufen sprechen die Menschen normal. Doch alles dazwischen ist MBA-verseucht, jedenfalls, was die Sprache angeht. Das System der Duckmäuserei spiegelt sich in dieser künstlichen Business-Sprache wider.

ZEIT ONLINE: Können Sie ein Beispiel nennen?

Baum: Ständig wird von Synergieeffekten gesprochen. Ich weiß überhaupt nicht, was das heißen soll. Der Effekt besteht doch gerade in der Synergie, also sagen wir doch einfach Synergie. Konkurrenten sind plötzlich Mitbewerber. Mitarbeiter werden nicht mehr gefeuert, sondern freigesetzt. Projekte mutieren zu Projektvorhaben, obwohl das "Vorhaben" im "Projekt" enthalten ist. Für viele bedeutet Rhetorik, unentwegt auf Sendung zu sein und sich selbst zu inszenieren.
 
Es gibt zahllose Seminare, die den Leuten alles Mögliche beibringen – aber nicht, sich klar auszudrücken. In einem entsprechenden Werbetext heißt es: "Im Seminar werden die Teilnehmer ihr individuelles Ausdrucksverhalten optimieren." Hallo? Was bitte soll uns "individuelles Ausdrucksverhalten" sagen? Verhalten besteht doch im Ausdruck. Individuell ist es ohnehin. Und wollen wir unseren Ausdruck im Ernst optimieren? Das ist grässliches Geschwurbel ohne jegliche Substanz.

ZEIT ONLINE: Die meisten Rhetorikseminare vermitteln also Blödsinn?

Baum: Viele leider ja. Ich wette, Sie kennen auch solche Kollegen, die so ein Training mitgemacht haben. Die kehren zurück und verhalten sich völlig affektiert. Statt von Sprache handelte das Seminar von Verhalten. Wie stehe ich da, wo sind meine Hände? Hat für mich alles nichts mit Rhetorik zu tun, denn Rhetorik ist die Kunst der Rede.
 
Ich nenne das Gestiktheater. Am Ende grinsen die Leute blöd, weil man ihnen sagt, sie sollten lächeln, laufen verkrampft aufrecht, damit sie angeblich selbstbewusst wirken. Und so wirken sie dann wie Psychopathen mit Kontrollzwang, die merkwürdige Gruppenspielchen spielen. Mit der viel gepriesenen Authentizität hat das nichts zu tun. Wenn jemand etwas zu sagen hat, dann ist es egal, ob er dabei die Hand in der Hosentasche hat. Dann achte ich nicht darauf, weil ich dem Sprechenden an den Lippen hänge und zuhöre! Ich behaupte auch: Wer authentisch ist, produziert keine Worthülsen.

ZEIT ONLINE: Trotzdem werden ja Menschen, die etwas zu sagen haben, oft nicht verstanden. Was machen die falsch?

Baum: Dieses Schicksal haben vor allem Experten, die vergessen, dass sie Spezialisten sind. Manche sind ja auch im Laufe der Zeit zu wahren Egozentrikern geworden, weil sie ihr Fachwissen bei anderen als Allgemeinwissen voraussetzen. Darum haben die klügsten Wissenschaftler oft nur ein sehr kleines Publikum.
 
Die Kommunikation mit Fachidioten macht wenig Spaß. Auch hier ist die Empathie entscheidend: Die Experten müssen sich in die Lage ihres Publikums versetzen, seine Perspektive verstehen – dann sprechen sie automatisch weniger verschwurbelt.

ZEIT ONLINE: Fördert eine klare Sprache auch strukturiertes Denken?

Baum: Ich bin kein Entwicklungspsychologe, nehme aber an, dass es ein Wechselspiel ist. Wer strukturiert denken kann, wird sich auch präzise ausdrücken. Wer auf eine präzise Sprache achtet, denkt auch strukturierter.

ZEIT ONLINE: Woran erkennt man einen guten Rhetoriktrainer?

Baum: Er lässt diesen Verhaltensquatsch weg. Natürlich hat ein spannender Vortrag auch etwas mit Dramaturgie zu tun, mit Gestik, mit Haltung. Aber das ist die Kür nach der Pflicht. Zunächst geht es darum, präzise zu formulieren. Und da ist es entscheidend, dass Sie den Kopf einschalten.
 
Denken Sie darüber nach, was Sie sagen und wie Sie es sagen. Und lesen Sie Deutsch für Profis von Wolf Schneider. Da steht alles drin, was man wissen muss, um verständlich sprechen zu können. Auf den Punkt zu kommen ist wirklich keine Hexerei.

 © ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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