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Kanalschwimmer gesucht: Die Psychologie der optimalen Erfahrung

Fluss Wald [Quelle: pixabay.com, Autor: Katrin Baustmann]

Quelle: pixabay.com, Katrin Baustmann

Lange Strecken laufen oder knifflige Rätsel lösen. Alles Tätigkeiten, die mit einer gewissen Anstrengung verbunden sind. Um in den flow-Zustand zu kommen, ist das sogar nötig. Aber wenn man ihn erreicht, macht man die optimale Erfahrung.

Wie kommt es eigentlich, dass Menschen nach körperlich oder geistig anstrengenden Tätigkeiten "süchtig" werden?

Hier nur wenige Beispiele aus einer beliebig verlängerbaren Liste: auf hohe Berge steigen; Schach spielen; lange Strecken laufen; Bücher schreiben; Herzen transplantieren; Computeranwendungen programmieren; Flaschenschiffe bauen; Algebra-Aufgaben lösen (ja, auch das lieben manche…); fremde Sprachen sprechen; usw.

Folgt man der Erklärung des ungarisch-amerikanischen Psychologen Mihály Csíkszentmihályi (die Aussprache kann ich mir inzwischen halbwegs merken, bei der Schreibung muss ich immer wieder nachschlagen), kommt das teils leidenschaftliche Interesse an solchen körperlich oder geistig anstrengenden Tätigkeiten daher, dass man mit ihnen besonders leicht "optimale Erfahrungen" machen kann. Optimal sind diese Erfahrungen insofern, als sie zu einem wachen, konzentrierten, auf spielerische Weise fokussierten Zustand führen, in dem die Zeit zu verfliegen scheint. Wer den Zustand kennt, erlebt ihn als besonders erfüllend und sucht ihn immer wieder – daher die "Sucht". Csíkszentmihályi nennt das Phänomen flow. Wie er in jahrzehntelanger Forschung belegt hat, decken Tätigkeiten, bei denen flow entsteht, die gesamte Bandbreite unseres Daseins ab. Sie verfügen jedoch über einige typische Merkmale, die alle gemeinsam oder nur einzeln zutreffen können.

 

Tätigkeiten, die uns in den flow bringen, …

  •     sind körperlich und/oder geistig anspruchsvoll
  •     werden zunehmend komplex
  •     über- oder unterfordern uns nicht

 

Was aber bedeutet "komplex"? Es liegt auf der Hand, dass Tätigkeiten nie an sich komplex sind, sondern dass Komplexität immer in Bezug zu unseren aktuellen Fähigkeiten zu bestimmen ist. Man denke nur an alltägliche Handlungen wie Gehen oder Sprechen. Für Kleinkinder enorme Herausforderungen: Sie müssen ihnen mehrere Jahre ihres Lebens widmen, um sie zu meistern. Wenn sie aber so weit sind, gibt es kaum etwas Banaleres. Auch als Jugendliche und Erwachsene stehen wir immer wieder vor Anforderungen, die uns zunächst unüberwindbar scheinen – z.B. wenn wir als Anfänger im Französischkurs jemanden fließend in dieser Sprache sprechen hören. Nach ein paar Jahren fällt uns genau dies jedoch genauso leicht wie, sagen wir, ein Spaziergang um den Block oder ein Small Talk in unserer Muttersprache.

Überforderung führt zu Angst und Frust, Unterforderung führt zu Langeweile. Entscheidend für den flow-Zustand ist daher das richtige Verhältnis zwischen unseren Fähigkeiten und der Komplexität der Aufgabe, der wir uns widmen. Da unsere Fähigkeiten allmählich wachsen, sollten wir also auch die Komplexität unserer Tätigkeiten allmählich steigern: indem wir mit stärkeren Gegnern Schach spielen, steilere Wände hochklettern oder kniffligere Computerprobleme lösen. Dieses ausgewogene, sich aber kontinuierlich verschiebende Verhältnis nennt Csíkszentmihályi den flow-Kanal.

Wozu das alles? Eine Pointe der flow-Psychologie liegt darin, dass diese Frage im Grunde falsch gestellt ist. Der Zweck liegt eben nicht oder nicht vorwiegend außerhalb der Tätigkeit – im Erringen eines Großmeistertitels, in den Medienberichten über die Erstbesteigung eines Berges oder in der guten Bezahlung, die ein Job als Computerexperte einbringen kann. Vielmehr liegt das "Wozu" in der Tätigkeit selbst. Eine Wirkung haben solche "autotelischen" Tätigkeiten trotzdem. Manche nennen diese Wirkung einfach Glück.

© Jochen Plikat (zur Original-Version des Artikels)

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