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"Unternehmen und Bewerber funken aneinander vorbei"

Meta-Suchmaschinen (Autor: Brian Jackson, Quelle: Fotolia.com)

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Firmen und Bewerber nutzen Soziale Netzwerke zur Stellensuche. Warum sie sich trotzdem nicht treffen, erklärt Thorsten Petry, Professor für Personalmanagement, im Interview.

ZEIT ONLINE: Herr Petry, Sie haben in einer Studie untersucht, wie Unternehmen und Jobsuchende soziale Medien nutzen. Was ist dabei herausgekommen?

Thorsten Petry: Unter anderem, dass die Firmen und die Kandidaten im Netz unterschiedliche Kanäle nutzen – und zum Teil aneinander vorbei funken. Die Unternehmen nutzen soziale Medien heute öfter als früher. 71 Prozent der von uns befragten Unternehmen machen davon bereits Gebrauch. Bei den Bewerbern sind es sogar 98 Prozent. Die Zahlen dürften etwas zu hoch liegen, weil wir die Fragen im Internet gestellt haben, und dementsprechend netzaffine Firmen und Kandidaten teilgenommen haben dürften. Trotzdem sind die Daten aussagekräftig. Derzeit scheint ein Hauptproblem darin zu liegen, dass die Unternehmen vor allem Facebook, Xing und Twitter nutzen, die Kandidaten hingegen Twitter eher vernachlässigen und Facebook überwiegend privat nutzen. Die wollen dort nicht von Firmen kontaktiert werden, sondern mit ihren Freunden Privates teilen.

ZEIT ONLINE: Das heißt im Umkehrschluss, die Firmen haben die falsche Strategie, wenn sie nach Talenten suchen?

Petry: Die sozialen Medien sind noch eine Spielwiese – für die Unternehmen und die Kandidaten. Es fehlt bislang meist noch an ausgefeilten und bewährten Strategien.

ZEIT ONLINE: Welche Ziele verfolgen die Unternehmen in den sozialen Netzwerken?

Petry: Es gibt eine Reihe unterschiedlicher Ziele. Im Fokus unserer Untersuchung standen die Ziele im Bereich Personalsuche: Die Unternehmen wollen ihre Bekanntheit steigern und sich als Arbeitgebermarke positionieren, um interessante Mitarbeiter zu finden. Wenn Unternehmen dafür soziale Medien benutzen, bezeichnet man das als Social Employer Branding beziehungsweise Social Media Recruiting. Dabei werden neue Talente über soziale Kontakte – beispielsweise von den eigenen Mitarbeitern – gewonnen. Allerdings nutzen die Unternehmen das Potenzial, das in den Netzwerken der eigenen Mitarbeiter schlummert, noch viel zu wenig.

ZEIT ONLINE: Wollen die Mitarbeiter das denn? Immerhin geht es hierbei auch um ihre privaten Kontakte.

Petry: Es ist doch schon jetzt üblich, neues Personal über eigene Mitarbeiter zu finden. Das Internet ist nur ein neuer Kanal. Fast jeder kennt doch die Situation, dass man eher interessiert ist, wenn ein guter Freund von einer attraktiven Stelle in seiner Firma berichtet, als wenn der Headhunter anruft oder das Unternehmen eine Anzeige in einer Zeitung schaltet. Insbesondere gefragte High Potentials nehmen diese doch gar nicht wahr.

Für kleine und mittlere Unternehmen liegt hier eine Chance. Sie leiden oft darunter, nicht bekannt genug zu sein. Das lässt sich auch durch eine Facebook-Seite nicht einfach ändern. Die Wahrscheinlichkeit, jemanden zu finden, der zum Unternehmen und zur Region passt, dürfte dagegen hoch sein, wenn man über die eigenen Mitarbeiter sucht oder suchen lässt. Natürlich funktioniert so ein Recruiting nur, wenn die eigenen Mitarbeiter aktiv und freiwillig auf offene Stellen in ihren Profilen hinweisen.

ZEIT ONLINE: Wer steuert die Aktivitäten der Firmen überhaupt?

Petry: Die Social Media Aktivitäten sind leider häufig gar nicht abgestimmt. Weder untereinander noch mit der Kommunikationspolitik des Unternehmens. Es kommuniziert viel zu häufig jeder, was er will. Es fehlt oft eine klare Verantwortung.

Es bringt auch nichts, einfach wahllos Firmenprofile in sozialen Netzwerken anzulegen, wenn sie nicht mit Leben gefüllt werden. Hier gilt die Regel, lieber weniger Profile zu haben, auf denen etwas passiert. Inhaltlich interessiert viele der von uns befragten Kandidaten, wie die Vision, Mission und Strategien der Unternehmen aussehen, was dies konkret bedeutet und wie sich das auf die Arbeit im Unternehmen auswirkt. Darüber äußern sich die Unternehmen in sozialen Medien aber selten. Sinnvoll wäre es auch, häufiger die eigenen Mitarbeiter darüber berichten zu lassen, wie es wirklich ist, für das Unternehmen zu arbeiten. In sozialen Netzwerken erwarten die Nutzer Gefühle, Privates, Erlebnisse. Zum Beispiel die Erfahrungen, die jemand im Trainee-Programm gemacht hat. Aber solche Berichte dürfen nicht wie in einem Unternehmenshochglanzmagazin daherkommen. Sie müssen authentisch rüberkommen.

ZEIT ONLINE: Sie haben die Bewerber in vier Gruppen geteilt.

Petry: Ja, wir wollten Studierende, junge Arbeitnehmer mit bis zu drei Jahren Berufserfahrung, Berufserfahrene mit mehr als drei Jahren Erfahrung sowie High Potentials gegenüberstellen. Die Ergebnisse waren nicht unbedingt überraschend: Während bei den Studierenden und auch den jungen Arbeitnehmern Facebook, die VZ-Netzwerke und YouTube mit überwiegend privater Nutzung dominieren, nutzen Berufserfahrene soziale Medien eher für die Karriere. Xing und das internationale Pendant LinkedIn sind bei ihnen besonders gefragt.

Interessant ist, dass die Unternehmen YouTube als Kanal zum Recruiting noch gar nicht richtig entdeckt haben. Twitter dagegen wird von den Firmen weitaus stärker genutzt als von allen Kandidatengruppen. Von daher sollten die Unternehmen die Auswahl der genutzten sozialen Medien noch mal überdenken.

ZEIT ONLINE: Sie haben auch abgefragt, wie erfolgreich die Talentsuche im Netz ist.

Petry: Immerhin die Hälfte der befragten Unternehmen gibt an, messbare Erfolge erzielt zu haben. Aber nur 21 Prozent können bestätigen, über soziale Medien erfolgreich Personal rekrutiert zu haben. Fragt man die Kandidaten, dann sind die Erfolge noch geringer. Nur bei neun Prozent hat ein Unternehmen durch Social Media Aktivitäten an Arbeitgeberattraktivität gewonnen.

ZEIT ONLINE: Die Personalsuche in sozialen Medien ist womöglich nur ein Hype?

Petry: Nein. Das glaubt nicht einmal ein Prozent der befragten Firmen. Social Media ist ein weiterer Kanal. Jobanzeigen in Zeitungen, Stellenbörsen und Headhunter wird es aber auch weiterhin geben. Zentral bleibt auch die Karriereseite des Unternehmens im Internet. Social Media bietet jedoch enormes Potenzial. In Zukunft wird es noch mehr Unternehmensberatungen geben, die sich darauf spezialisieren, den Unternehmen beim Heben dieser Potenziale mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Die Fragen stellte Tina Groll.

 © ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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