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Bin das wirklich ich?

Schach (Quelle: freeimages.com, Autor: dtiriba)

Quelle: freeimages.com, dtiriba

Der Druck, einen perfekten Lebenslauf zu schreiben, ist groß. Warum man sich dennoch nicht verrückt machen sollte.

Den Rücken gerade. Das Kinn höher. Die Zähne zeigen – aber bitte freundlich! Wer sich bewirbt, kennt das: Schon beim Fotografen muss man sich fremden Erwartungen anpassen. Das Foto soll den zukünftigen Chef davon überzeugen, dass man ein interessanter Kandidat ist. Es soll perfekt sein. Also lächelt man, bis die Mimik versteinert. Und fühlt sich, als hätte man sich eine Maske über das Gesicht gestülpt.

So ähnlich ist es mit dem Dokument, auf dem das Foto klebt: der Lebenslauf, mit dem Persönlichkeiten vergleichbar gemacht werden sollen. Ein guter Abschluss, Auslandssemester, Praktika, Ehrenamt – das ist die Liste der Stationen, die zu einem optimalen Werdegang gehören. Was als optimal gilt, bestimmen die Personalchefs, die neue Stellen besetzen, die Unis, die Masterplätze vergeben, die Stiftungen, die Stipendien ausschreiben.

Wer diesem Druck gerecht werden will, muss sein Leben nach dem Lebenslauf ausrichten: ein Praktikum machen, weil das noch fehlt. Eine Sprache lernen, weil das auf dem Papier gut aussieht. Aus "Ich mache das für mich" wird "Ich mache das für den Lebenslauf". Aber: Gibt es den perfekten Lebenslauf überhaupt? Woher kommt der Druck, dem sich viele Bewerber ausgesetzt fühlen? Und wie kann man ihm entgehen? Um das zu verstehen, haben wir uns auf eine kleine Reise gemacht. Wir haben Menschen getroffen, die sich auskennen mit Lebensläufen. Julia Rohleder zum Beispiel.

Erste Station: Die Firma

Julia Rohleder hat den Händedruck einer Personalchefin: schön fest. Bloß kommt sie immer seltener dazu, den anzuwenden. "Inzwischen machen wir viele Bewerbungsgespräche per Skype", sagt Rohleder. Seit acht Jahren arbeitet die 31-Jährige beim Versandhaus Otto, wo sie unter anderem für die Auswahl von jungen Führungskräften zuständig ist. Mehr als 4.200 Mitarbeiter sind hier angestellt, ständig kommen neue Bewerbungen. Trotzdem ist der Schreibtisch von Julia Rohleder leer: ein Monitor. Eine Tastatur. Eine Lampe, von der ein silberfarbenes Herz baumelt und im Licht der Leuchtstoffröhren schimmert. Wo sind die Postfächer, in denen sich die Bewerbungsmappen stapeln? "Die gibt’s nicht", sagt Julia Rohleder, "der gedruckte Lebenslauf stirbt langsam aus." Otto hat komplett auf digitale Bewerbungen umgestellt – wie die meisten Großunternehmen.

Es gibt Firmen, die wollen gar keinen Lebenslauf mehr sehen, weil alle Angaben in Onlinemasken eingetippt werden. In diese Masken muss jedes Leben passen. Wenn man in einem Menü beim Stichwort "Auslandserfahrung" sein Häkchen nur bei "weniger als 6 Monate" setzen kann oder aus einer Liste mit 20 Computerprogrammen diejenigen auswählen soll, die man beherrscht, hat man schnell den Verdacht, dass es andere gibt, die besser abschneiden. Und dass es nicht um Menschen, sondern um die maximale – und maximal unpersönliche – Vergleichbarkeit von Daten geht. "Das hätte mich als Bewerberin abgeschreckt", sagt Julia Rohleder, "schließlich macht man sich doch die Mühe, den Lebenslauf schön zu gestalten, um etwas von sich mitzuteilen." Bei Otto gibt es deshalb ein gemischtes Verfahren: In Masken trägt man seine Daten ein, Name, Geburtsdatum, Gehaltsvorstellungen. Dann lädt man einen klassischen Lebenslauf hoch, als PDF oder als Word-Datei. Nur Papierbewerbungen fasst Julia Rohleder nicht mehr an. Wer sich postalisch bewirbt, dessen Mappe wird eingescannt und das Original zurückgeschickt, bevor die Personalabteilung die Bewerbung bearbeitet.

Bei Rohleder kommen die Daten an, über eine Software, die aussieht wie das Computerspiel Minesweeper auf Windows 95: graue Flächen, scharfe Kanten, viel zu klicken. Auf den ersten Blick sieht sie die persönlichen Daten, mit einem Doppelklick öffnet sich der Lebenslauf. Rohleder sichtet die Bewerbungen, trifft eine Vorauswahl und gibt sie weiter an ihre Kollegen. Früher musste die Mappe mit der Hauspost verschickt werden und lag auf einem Schreibtisch, bis sie weitergeschickt wurde und auf einem anderen Schreibtisch landete. Heute genügt ein Klick, und die Bewerbung erreicht alle, die zuständig sind. Gibt es den perfekten Lebenslauf? "Ich liebe Lebensläufe, die nur eine Seite lang sind", sagt Julia Rohleder. "Ein Lebenslauf kann immer nur ein Teaser sein, der das Interesse wecken soll, einen Menschen kennenzulernen."

An jedem Lebenslauf, der bei Julia Rohleder ankommt, haben sie und ihre Kollegen ein bisschen mitgeschrieben: indem sie in Stellenanzeigen Ansprüche an ihre Bewerber formuliert haben. Doch nicht nur Unternehmen schreiben mit, indem sie die Erwartungen erhöhen. Am perfekten Lebenslauf feilen viele Menschen schon lange bevor sie sich zum ersten Mal auf einen Arbeitsplatz bewerben. Sie durchsuchen dafür den Stellenmarkt, sie schauen, was andere schreiben. Und sie lesen Ratgeber wie "Das Hesse/Schrader Bewerbungshandbuch".

Zweite Station: Der Ratgeber

"Lebenslauf", sagt Jürgen Hesse, "das Wort finde ich grob fahrlässig." Der Psychologe und Autor amüsiert sich darüber, was Personalchefs von Bewerbern fordern. Einen "lückenlosen Lebenslauf"? Wie albern! "Ihr Leben wird schon ohne Lücken verlaufen sein", sagt Hesse, "Sie wurden ja nicht zwischendurch tiefgefroren." Vor ein paar Jahren hat Jürgen Hesse, 61, aufgehört, an den Lebenslauf zu glauben. Davor war er ein ganz Großer in der Lebenslaufindustrie. Vielleicht sogar der Allergrößte, zusammen mit seinem Partner, Hans Christian Schrader. Seit 25 Jahren schreiben die beiden Studienfreunde Ratgeberbücher, mehr als 200 müssten es mittlerweile sein, sagt Jürgen Hesse. Wie kommt man dazu, so viele Ratgeber zu schreiben? "Unser erstes Buch wurde ein Bestseller", sagt er. "Dann sagte der Verlag: Schreibt, schreibt, schreibt!"

Der Markt für Bewerbungsratgeber ist groß. Jedes Jahr erscheinen Magazine (wie auch der ZEIT CAMPUS Ratgeber) und neue Bücher. Jürgen Hesse und Hans Christian Schrader haben davon nach eigenen Angaben mehr als fünf Millionen Exemplare verkauft. Das sind weniger als "Harry Potter" oder "Shades of Grey". Aber mehr als bei Schriftstellern wie Judith Hermann, Daniel Kehlmann und Charlotte Roche weggehen. Wenn die Zahl stimmt, dann zählt das Team Hesse/Schrader zu den erfolgreichsten deutschen Autoren der Nachkriegszeit. Neben dem Schreiben halten die beiden Vorträge, machen Workshops und sogar Fernberatung: Für 69 Euro plus 5 Euro Porto checkt ihre Firma Lebensläufe und gibt Feedback. Einen Tipp gibt es bei Jürgen Hesse kostenlos: Bloß nicht "Lebenslauf" drüberschreiben!

"Wir müssen aufhören, so zu tun, als wäre das eine angemessene Bezeichnung", sagt Jürgen Hesse. "Wenn ich über den Verlauf meines Lebens seit der Geburt schreiben müsste, wäre ich auch total verunsichert." Besser sei "Beruflicher Werdegang". Oder "Profil". Oder "C. V.", obwohl das ausgeschrieben als "Curriculum Vitae" auch Lebenslauf heißt, bloß auf Lateinisch, wie Hesse einräumt. Jedes dieser Worte nehme dem Bewerber den Druck, sein ganzes Wesen auf wenigen Seiten zusammenzufassen. Und den Irrglauben, dass jeder nur einen Lebenslauf hat. Um das zu erklären, erzählt Jürgen Hesse das Gleichnis vom ehrgeizigen Karnevalisten.

Das geht so: Ein Karnevalist wird an einem Tag auf drei verschiedene Kostümpartys eingeladen. Er kann unmöglich im selben Kostüm auf alle drei Partys gehen, das ist gegen die Karnevalistenehre. Was macht er also? Mal als Bär gehen, mal als Mönch und mal als Häuptling Winnetou? "Besser ist", sagt Hesse, "er überlegt sich, welche Tiere ein ähnliches Fell wie der Bär haben." Denn wenn der Karnevalist in sein braunes Fell schlüpft und einen Honigtopf in der Hand hält, erklärt Hesse, wird ihn jeder für einen Bären halten. Wenn er den Honigtopf gegen einen Knochen austauscht, sieht er aus wie ein Hund. Und mit einer Banane in der Hand wie ein Affe. So kann der ehrgeizige Karnevalist auf alle Partys in unterschiedlichen Kostümen gehen, ohne sich jedes Mal komplett neu erfinden zu müssen.

"Das braune Fell ist die Kernkompetenz", sagt Jürgen Hesse, "und die Gegenstände sind die Eigenschaften, die man je nach Stellenprofil hervorhebt." Wer zum Beispiel Betriebswirtschaftslehre studiert hat, kann damit Geschäftsführer werden (Bär), aber auch Bereichsleiter im Rechnungswesen (Hund) oder im Marketing (Affe). Nach über 200 Ratgeberbüchern lautet der Rat von Jürgen Hesse also, den Lebenslauf nicht zu wichtig zu nehmen. Folgt man Hesses Idee, dann ist der Lebenslauf kein Dokument, das eine Person zeigt, wie sie ist. Stattdessen ist er wie ein Kostüm – und jeder sollte davon mehrere haben. "Den einen Lebenslauf, der garantiert zu jedem Traumjob passt, gibt es nicht", sagt Hesse. Er empfiehlt, für jede neue Bewerbung einen neuen Lebenslauf zu schreiben und die Erfahrungen zu betonen, die besonders gut zum Stellenprofil passen. Die Eckdaten bleiben gleich, aber die Akzente verschieben sich. Klingt wie eine gute Idee. Wären da nicht Yee Wah Tsoi und ihre Kollegen von Xing.

Dritte Station: Das Internet

Schwarzer Pulli, schwarzer Blazer, die Fingernägel perfekt gefeilt: Yee Wah Tsoi sieht aus, als käme sie von einem Bewerbungsgespräch. Damit ist sie ziemlich allein im Hamburger Xing-Büro. Die meisten ihrer Kollegen tragen Turnschuhe und Jeans, sie sehen aus, als kämen sie aus dem Hörsaal. Im Großraumbüro hängt ein SpongeBob-Poster mit dem Aufdruck: "I Hate Mondays". Und ein Schild am Notausgang bittet: Im Falle eines Feuers sofort das Gebäude verlassen und erst danach darüber twittern! Hinter den Kulissen werden bei Xing der Nerd-Humor und die lässigen Umgangsformen eines Internet-Start-ups gepflegt, Kickertisch inklusive.

Pressesprecherin Yee Wah Tsoi, 30, steht für den offiziellen Look des Unternehmens: Xing ist kein soziales, sondern ein "professionelles" Netzwerk – wer sich anmeldet, wird gebeten, seinen Lebenslauf einzutragen. Rund 13 Millionen Menschen haben das getan und zeigen sich auf Xing von ihrer besten Seite, falls sie mal ein Personalchef googelt.

Das lohnt sich, zumindest für Xing: 73 Millionen Euro Umsatz verzeichnete das Unternehmen im Jahr 2012. Wie kann man so viel Geld machen mit einer Website, auf der Leute ihre Lebensläufe veröffentlichen? "Wenn eine Firma qualifizierte Mitarbeiter sucht, musste sie früher einen Headhunter beauftragen", sagt Tsoi. "Bei uns können die Personalchefs selbst suchen und Kosten sparen." Wer einen Ingenieur mit Schwerpunkt Gebäudetechnik und CAD-Kenntnissen braucht, bekommt bei Xing die Lebensläufe aller Mitglieder angezeigt, die diese Schlagwörter in ihr Profil geschrieben haben. Diese Suchfunktion ist kostenpflichtig, so verdient Xing Geld. Für Bewerber lohnt es sich auch, sie können gefunden werden. Zugleich bekommen sie aber vor Augen geführt, dass viele andere genauso qualifiziert sind wie sie. Bei Facebook will jeder die besten Urlaubsbilder posten, bei Xing den besten Lebenslauf. "Xing steht für Transparenz", sagt Tsoi.

Genau das ist der Haken: Anders als es der Ratgeberautor Jürgen Hesse empfiehlt, hat jeder Nutzer exakt einen Lebenslauf, der für jeden Personalchef gleich aussieht. Bei Xing wimmelt es von Bären, Hunden, Affen. Und von ehrgeizigen Karnevalisten, die unter dem einen Arm einen Honigtopf tragen und unter dem anderen einen Knochen und eine Bananenstaude. Braunfellige Multifunktionstiere, die immer in die Rolle schlüpfen, die für einen Job gerade gebraucht wird, sind durch Xing vom Aussterben bedroht.

Was für Xing im Kleinen gilt, gilt für das gesamte Internet. "Digitale Suchtechnologien werden raffinierter", sagt Jennifer Golbeck, "es wäre naiv zu glauben, dass sie von Arbeitgebern nicht genutzt werden." Golbeck ist Informatikerin an der Universität Maryland in den Vereinigten Staaten. Sie erforscht, was Studenten und Bewerber im Internet von sich preisgeben – auf Seiten wie Xing oder dessen internationalem Konkurrenten LinkedIn, aber auch bei Facebook und Twitter.

Eine ihrer Studien zeigt, dass es laxe Privatsphäreneinstellungen bei Facebook erlauben, Rückschlüsse auf die Persönlichkeit eines Bewerbers zu ziehen, die ein Lebenslauf allein nicht zulässt. Wie viele Bands oder Bücher man "liked", was man in der "Über mich"-Spalte schreibt, wie viele Freunde man hat und wie gut die vernetzt sind, zeige demnach, ob man eher introvertiert oder extrovertiert sei, eher umgänglich oder neurotisch. Auch eine automatische Auswertung der Sprache von Twitter-Meldungen verrate solche Charaktereigenschaften. "Das sind Informationen, die Personalchefs interessieren", sagt Golbeck. "Und bei gut bezahlten Jobs werden sie alle Ressourcen nutzen, die ihnen zur Verfügung stehen, um zu prüfen, ob ein Bewerber passt." Ihre Facebook-Studie wurde von der US-Armee finanziert – einem der größten Arbeitgeber der Welt. Jennifer Golbeck empfiehlt strenge Privatsphäreneinstellungen. Aber sie plädiert nicht für Unsichtbarkeit im Netz. Man muss ihren Namen bloß googeln und findet: ihre eigene Website mit Kontaktdaten und Porträtfoto. Ihr Profil bei LinkedIn, ihre Botschaften bei Twitter. Und ein PDF mit ihrem Lebenslauf, der 25 Seiten lang ist – typisch Wissenschaftler. "Der perfekte Lebenslauf", sagt Jennifer Golbeck, "ist ein Lebenslauf, dessen Inhalt ich unter Kontrolle habe."

Schaut man sich die Studien an, mit denen Golbeck und andere Wissenschaftler das Phänomen Lebenslauf zu beschreiben versuchen, dann wird aus dem Curriculum Vitae nichts weiter als eine Sammlung von Daten, die Rückschlüsse auf die Eignung eines Bewerbers zulassen sollen. So gesehen, schreiben alle Internetnutzer mit jedem Status-Update auf Facebook, jedem Tweet und jeder Information, die sie über sich veröffentlichen, am eigenen Lebenslauf, oft ohne es zu merken. Doch ganz egal, ob der Personalchef googelt oder nicht: Fast jedes Auswahlverfahren entscheidet sich im persönlichen Gespräch. Manchmal begegnet man dabei Menschen, die gar nicht viel älter sind als man selbst – und trotzdem Macht haben.

Vierte Station: Das Eliteprogramm

Wer eine "hoch qualifizierte und verantwortungsbewusste Persönlichkeit" werden will, muss an Henriette Hättich vorbei. Die 28-Jährige wählt bei der Friedrich-Ebert-Stiftung die Stipendiaten aus, "künftige Leistungs- und Verantwortungsträger" So zumindest heißt es auf der Website des Bildungsministeriums, das die Begabtenförderung der Stiftung finanziert. Die Friedrich-Ebert-Stiftung steht der SPD nahe, alle größeren Parteien in Deutschland haben solche Stiftungen, ebenso wie die Kirchen und Gewerkschaften. Sie sollen die Elite von morgen heranziehen, auch wenn Henriette Hättich eine sozialdemokratischere Sprache bevorzugt: "Wir möchten mündige Bürger fördern", sagt sie. "Es gibt nicht einen Standard, an dem wir alle messen, weil wir darauf Rücksicht nehmen, dass nicht alle Bewerber die gleichen Chancen hatten."

Trotzdem: Wer Geld von der Stiftung will, braucht einen Abi-Schnitt von 2,0 oder besser. Außerdem ist ehrenamtliches Engagement Pflicht, egal, ob man das schon lange macht oder erst für die Bewerbung damit angefangen hat. Das gilt bei der Friedrich-Ebert-Stiftung genauso wie bei der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung oder der Heinrich-Böll-Stiftung von den Grünen. Rund 25.400 Studenten bekamen im vergangenen Jahr ein Stipendium. Das entspricht zwar nur einem Prozent aller Studenten. Aber sie setzen die Standards für alle: Unis und Unternehmen orientieren sich daran. "Es kann sein, dass wir zur Angleichung der Lebensläufe beitragen, so selbstkritisch müssen wir sein", sagt Henriette Hättich, "wir haben ein Interesse daran, dass unsere Stipendiaten zielstrebig studieren und in der Regelstudienzeit bleiben." Die Stiftungen sind nicht die Einzigen, die eigentlich helfen wollen – dabei aber womöglich den Druck für alle erhöhen. Druck, der vielleicht gar nicht nötig ist, wenn man Vanessa Boysen glauben kann.

Fünfte Station: Der Coach

Als Vanessa Boysen klein war, hatten ihre Eltern einen Satz, um sie anzuspornen, um ihr ein bisschen Angst zu machen: "Kind, wenn du nicht fleißig bist, wirst du später Müllmann." Das war in den Achtzigern. Deutschland war damals noch geteilt, das Telefax galt als Zukunftstechnologie. Wer sich bewerben wollte, schrieb seinen Lebenslauf mit einer Schreibmaschine. Die Welt war übersichtlicher und die Zukunft vielleicht ein bisschen rosiger. "Meine Eltern haben noch den Zweiten Weltkrieg miterlebt", sagt Boysen, "es war völlig klar, dass ich es mal besser haben würde als sie."

Heute steht Vanessa Boysen, 38, vor Leuten, für die das nicht mehr so selbstverständlich ist. Boysen ist nicht Müllmann geworden, sondern zuerst Personalchefin bei einer Internetfirma und dann Bewerbungscoach. Statt anzuspornen, ist es vor allem ihre Aufgabe, Menschen die Angst zu nehmen. In einem Raum mit hohen Decken und einem weinroten Teppich steht Boysen vor einem Stuhlkreis im CareerCenter der Uni Hamburg. Trotz Semesterferien ist ihr Workshop ausgebucht. Das Thema: Bewerben in Zeiten des Web 2.0. Boysen sagt, das Netzwerken lohne sich, im Internet und in der echten Welt, solange man kein Schleimer sei, sondern mit Leuten Kontakt halte, deren Arbeit man tatsächlich interessant finde. Und sie sagt, es sei eine Chance, dass alles im Umbruch ist. "Wer versucht, mit einem perfekten Lebenslauf auf einen Traumjob zu zielen", sagt sie, "der übersieht, dass es manche Jobs heute noch gar nicht gibt, in denen wir morgen schon arbeiten könnten." Boysen konnte ihren Eltern früher nicht sagen: "Keine Sorge, Mama, ich mache was mit Internet – sobald es erfunden ist." Das größte Problem mit dem Druck, den perfekten Lebenslauf haben zu wollen, sei die Angst, gar keinen Job zu bekommen, sagt Vanessa Boysen. Und die sei für viele Studenten unbegründet. Boysen sagt, dass wegen des demografischen Wandels gut ausgebildete Absolventen bald ihren Chefs die Vorgaben machen – und dass immer wieder neue Berufe entstehen, für die es Ansprüche für so etwas wie den perfekten Lebenslauf noch gar nicht gibt. "Grundsätzlich kann man sagen, dass der Lebenslauf vor allem dann plötzlich egal ist, wenn es um einen neuen Beruf geht", sagt sie. "Zum Beispiel vor einiger Zeit der Social Media Consultant. Da sind dann Quereinsteiger höchst willkommen, zumindest so lange, bis sich das Gebiet professionalisiert hat."

Das ist noch nicht alles: "Wer sich als Softwareentwickler bewirbt, der kann ruhig Rechtschreibfehler in seinem Lebenslauf haben", sagt sie, "viel wichtiger ist, dass der Code fehlerfrei ist." Allerdings sind in vielen anderen Branchen die Bewerber noch immer in der Überzahl, müssen viele Kandidaten um wenige besonders attraktive Posten, Praktika und Stipendien konkurrieren.

Sechste Station: Zurück im Personalbüro

Hätten im Büro von Julia Rohleder, der Personalfrau bei Otto, nur die Bewerber eine Chance, die jeden Rat befolgen, dann würde ihre Software anzeigen: null Lebensläufe im System. Allen Tipps gerecht zu werden geht nicht – dafür sind sie viel zu widersprüchlich. Der perfekte Lebenslauf ist eine Fiktion.

"Schnell durchs Studium und rein in die Arbeitswelt? Da bin ich nicht unbedingt Fan von", sagt Rohleder. "Natürlich hätten wir gern einen stetigen Fluss von qualifizierten Leuten. Aber wenn diese nach anderthalb Jahren feststellen, dass sie eigentlich noch eine Weltreise machen wollten und uns dann wieder verlassen, sind wir auch nicht glücklich."

Ähnlich sehen es auch andere große Unternehmen: Unter vier Augen klagen die ersten Personalchefs bereits darüber, dass die Lebensläufe, die sie bekommen, nicht nur perfektionistischer werden, sondern auch ähnlicher. Wer sein Leben danach ausrichtet, den perfekten Lebenslauf zu haben, der schadet womöglich sich selbst. Weil er nicht tut, worauf er am meisten Lust hat. Und weil er am Ende unter all den perfekt genormten Bewerbern nicht mal mehr auffällt.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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