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Zeit verpendeln – es gibt nichts Schöneres

Pendler Verkehr Arbeitspendler [Quelle: Unsplash.com, Franz Spitaler]

Quelle: Unsplash.com, Franz Spitaler

Staus ruinieren das Nervenkostüm? In Wahrheit sind Autobahnen Transitzonen, in denen wir zur Besinnung kommen.

Zu den größten Merkwürdigkeiten eines jeden Wochentagmorgens gehören Pendler, die seelenruhig in verspäteten Regionalzügen und kilometerlangen Autobahnstaus festsitzen. Denn glaubt man Gesundheitsexperten, müssten sich die meisten dieser Menschen auf dem Weg zum Arzt befinden. Jeder Vierte hat schlecht geschlafen, meldet das Robert-Koch-Institut, jeder weitere Vierte leidet regelmäßig an Kopfschmerzen, heißt es in einer Studie. 5,3 Millionen Deutsche erkranken jedes Jahr an einer Depression, acht Millionen lassen sich wegen Diabetes behandeln. Im Übrigen führen sich 86 Prozent der Frauen zu wenig Folsäure zu, während 74 Prozent der Deutschen "Rücken haben" und 13 Millionen am Reizdarm-Syndrom laborieren.

Besonders besorgniserregend ist, dass viele Pendler ihre gesundheitlichen Schäden ganz offenbar ignorieren und statt auf dem Weg zum Arzt auf dem Weg zur Arbeit sind. Wie die WirtschaftsWoche erfuhr, prüfen die Ministerinnen Manuela Schwesig und Andrea Nahles, ob sie das bloß verantwortungslos oder doch schon skandalös finden sollen.

Ich meine: Wer vom deutschen Beschäftigungswunder spricht, darf von seinen Schattenseiten nicht schweigen. Daher bin ich dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung in Bonn außerordentlich dankbar, dass es vergangene Woche Alarm schlug: 60 Prozent der deutschen Berufstätigen sind Pendler und als solche besonders anfällig für stressinduzierte seelische Defekte und ein ruiniertes Nervenkostüm! Schon ein halbstündiges Einpendeln am Morgen habe einen "negativen Einfluss auf das Gesundheitsempfinden", sagt ein Experte. Ein anderer warnt, dass ein überraschender Stau den gleichen Stresspegel erzeuge, den ein Kampfpilot im Einsatz erlebe. Und ein Dritter meint, dass Pendler sich "von ihrem sozialen Umfeld zu entfremden" drohen.

Das allerdings halte ich eher für einen Segen denn für ein Risiko.

Denn in Wahrheit sind Pendlerstunden die wertvollsten Stunden des Tages, weil wir in ihnen vom "sozialen Umfeld" entlastet sind. Nur während des Pendelns kommt der moderne Arbeitnehmer unbehelligt zu sich. Pendlerstunden sind Schwellenstunden, weil sie die Zeit bezeichnen, in der sich das Privat-Ich morgens in ein Arbeits-Ich verwandelt und das Arbeits-Ich abends zurück in ein Privat-Ich. Entsprechend sind Regionalzüge und Autobahnen vor allem als kraftspendende Transitzonen aufzufassen, in denen alle Ansprüche des Chefs und des Lebenspartners, alle Quengeleien der Kollegen und Kinder aufs Glücklichste suspendiert sind.

Es ist daher auch nicht übertrieben, das Cockpit eines Mercedes als modernen Altarraum zu deuten und den Siemens-Waggon als Kirchenschiff des 21. Jahrhunderts. Seit wir uns nicht mehr umfangen lassen von Marienandacht und Weihrauch, seit wir der Welt nicht mehr träumend abhandenkommen wollen im Gemurmel des Rosenkranzes, erleben wir in Bummelbahn und Stau den heiligen Stillstand, den kinetischen Karfreitagszauber, der uns alltäglich zur Besinnung bringt. Am Ende werden Pendler nicht krank, weil sie tändelnd Zeit verlieren. Sondern weil ihnen schmerzhaft bewusst ist, dass sie eigentlich noch viel mehr Zeit herrlich verpendeln sollten.  

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