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Deutschland fällt zurück

Studium Notizblock Arbeitsplatz (Quelle: sxc.hu/stefanG81)

Studium Notizblock Arbeitsplatz (Quelle: sxc.hu/stefanG81)

Der Bedarf an Top-Ausgebildeten wächst in der Bundesrepublik dramatisch. Doch die Hochschulen können die Nachfrage nicht befriedigen.

 Im Krisenjahr 2009 mahnt die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) erst recht: Deutschland bildet zu wenig Akademiker aus und fällt damit im internationalen Vergleich Schritt für Schritt hinter andere Nationen zurück, die wesentlich mehr in die Hochschulbildung investieren. Die zaghafte Verteidigungsrede der nationalen Matadore lautet: Die OECD übersieht wie gewöhnlich "das Flaggschiff" der deutschen Bildung, die vielen gut ausgebildeten Facharbeiter.
 
 Doch Barbara Ischinger, Bildungsdirektorin der OECD, lässt sich davon nicht beeindrucken: "Wenn Deutschland gestärkt aus dieser Wirtschaftskrise hervorgehen will, dann ist jetzt der Zeitpunkt, in Bildung und höhere Qualifikation zu investieren", sagte sie bei der Präsentation des diesjährigen Bildungsvergleichs in den 30 OECD-Ländern. Der Zeitpunkt sei günstig: Solange Jobs krisenbedingt rarer sind als in den Boomjahren und die Einkommen niedrig, könne man junge Menschen umso leichter überzeugen, Zeit und Geld in ein Studium zu investieren.
 
 Ischinger lobte zwar auch Fortschritte, die die "Bildungsrepublik Deutschland" vorweisen kann: Mittlerweile schließen immerhin 23 Prozent eines Jahrgangs ein Hoch- oder Fachhochschul-
 studium ab - Mitte der neunziger Jahre waren es nur 14 Prozent. Doch das "Aber" folgte sogleich: OECD-weit ist die Quote in derselben Zeit von 18 auf 36 Prozent gestiegen.
 
 Deutliche Folge der Akademikerknappheit made in Germany sind aus Sicht der OECD die gestiegenen Einkommensvorteile der Akademiker gegenüber den Facharbeitern. Der Abstand habe sich innerhalb weniger Jahre verdoppelt. Hinzu komme das deutlich geringere Risiko von Akademikern, arbeitslos zu werden.
 
 Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hingegen verweist auf die 84 Prozent der Deutschen, die mindestens die Hochschulreife erworben oder eine Berufsausbildung absolviert haben - im OECD-Schnitt sind es nur 70 Prozent. Das sei einer der Gründe, "warum Deutschland nach wie vor so gut dasteht", sagte sie. Doch Bildungsdirektorin Ischinger setzt einen anderen Akzent: "Künftig werden im Berufsleben zunehmend allgemeine Kompetenzen wie Flexibilität und Kreativität wichtig sein - die spezialisierte Ausbildung stößt an ihre Grenzen."
 
 Darüber hinaus zeige der OECD-Vergleich, dass der Bedarf an hochqualifiziertem Personal gerade in Deutschland rapide wachse: So besetzten die Unternehmen zuletzt knapp 80 Prozent aller Jobs für hochqualifizierte Berufseinsteiger auch tatsächlich mit Hochschulabsolventen, Meistern oder Technikern. Dieser Wert ist gegenüber den Vorjahren deutlich gestiegen. Dass der Bedarf gleichwohl noch nicht gedeckt ist, zeigt der Blick auf die niedriger qualifizierten Berufsanfänger: Auch ihre Chancen, einen Job für Hochqualifizierte zu bekommen, sind deutlich gestiegen - trotz fehlender akademischer Ausbildung, Meister- oder Technikerbrief. Fazit der OECD: Die Nachfrage nach Top-Ausgebildeten wächst in Deutschland deutlich schneller als das Angebot.
 
 Deshalb haben die deutschen Bildungsminister sich schon vor einiger Zeit vorgenommen, die Akademikerquote bis 2015 von zuletzt 23 auf 40 Prozent zu erhöhen. Hoffnung macht ihnen, dass diese Zielmarke 2008 bei den Studienanfängern schon fast erreicht wurde. Die OECD gibt allerdings zu bedenken, dass daraus noch kein Trend abgeleitet werden kann. Der Grund: In den drei Vorjahren war die Anfängerquote sogar noch gesunken.
 
 Immerhin verlassen in Deutschland vergleichsweise wenig junge Leute die Hochschule ohne Abschluss. Den deutschen Kultusministern ist die Abbrecherquote von 23 Prozent dennoch viel zu hoch, sie soll deutlich verringert werden. Dabei setzen die Bildungspolitiker vor allem auf die neuen Bachelorstudiengänge. Das Kalkül: Dauert ein Studium nur sechs bis sieben Semester, fällt es auch leichter, die Ausbildung durchzuhalten. Außerdem sollen viel mehr Praktiker an die Hochschulen gelockt werden, bekräftigte Mecklenburg-Vorpommerns Kultusminister und KMK-Präsident Henry Tesch (CDU). Künftig haben Meister und Techniker unbegrenzten Hochschulzugang, Facharbeiter können nach drei Jahren Praxis ein fachverwandtes Studium beginnen. Doch diese Regelung gilt noch nicht bundesweit - und ist auch kaum bekannt.
 
 Bleibt die Frage nach dem Geld: Deutschland steckt laut OECD 4,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in die Bildung. Das ist innerhalb der OECD-Länder ein durchschnittlicher Wert - noch. Denn während die Mehrheit der OECD-Länder, gemessen am BIP, in den letzten Jahren massiv in Bildung investiert hat, veränderten sich die Ausgaben in Deutschland kaum.

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