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"Ein Showstopper ist nicht in Sicht"

Studentin Studienwahl Frau Laptop (Quelle: sxc.hu, Autor: juliaf)

Quelle: freeimages.com, juliaf

Zum Wintersemester 2011/2012 soll endlich das dialogorientierte Serviceverfahren für die Studienplatzvergabe starten. Unter Hochdruck wird jetzt am letzten Schliff der neuen Supersoftware getüftelt. Micha Teuscher, Vorsitzender der Stiftung für Hochschulzulassung, erklärt, wieso das jahrelange Chaos der Studienplatzvergabe ein Ende hat.

duz: Herr Prof. Dr. Teuscher, haben Sie ihren Wunschstudienplatz in Wirtschaftswissenschaften auf Anhieb bekommen?

Teuscher: Ja. Ich musste mich damals lokal bewerben, es gab auch einen Numerus Clausus. Aber es hat alles gepasst. Ich war gut genug.

duz: Wer heute ein zulassungsbeschränktes Fach studieren will, muss dagegen eine nervenaufreibende Bewerbungsprozedur ohne Erfolgsgarantie bewältigen.

Teuscher: Ja, zumindest wenn es sich um einen dezentral zulassungsbeschränkten Studiengang handelt. Es ist schwierig, den Überblick zu behalten, weil Studienplätze oft zehnfach überzeichnet sind und wegen der Mehrfachbewerbung der Studienanwärter nicht klar ist, inwieweit es wirklich ein Knappheitsproblem in einem bestimmten Studienfach gibt oder ob es sich eigentlich um ein Verteilungsproblem bundesweit handelt. Aber ab dem Wintersemester 2011/2012 wird das neue dialogorientierte Verfahren die Frage der Verteilung lösen.

duz: Dann wird alles besser?

Teuscher: Kernpunkt des dialogorientierten Verfahrens ist der Mehrfachabgleich. Ein Studienbewerber kann dann bis zu zwölf Bewerbungen online einreichen. Wenn er oder sie gut genug ist, also ein gutes Abitur hat und auch die hochschulindividuellen Immatrikulationsvorstellungen erfüllt, dann kann es sein, dass er tatsächlich zwölf Studienplatzangebote bekommt. In der Vergangenheit hätte der Bewerber sich für eine Hochschule entschieden. Die anderen elf Hochschulen, die ihm ebenfalls ein Angebot gemacht haben, mussten dann Nachrückverfahren starten. Dabei ging viel Zeit verloren, bis jeweils alle elf Studienplätze endgültig mit anderen Bewerbern besetzt waren. Im neuen Verfahren fällt der Bewerber automatisch aus allen anderen elf Angeboten raus, sobald er sich für eine Hochschule entschieden hat. Dadurch werden im System sofort weitere Bewerber zugelassen und erhalten eine Studienmöglichkeit. Das heißt, alle sparen enorm viel Zeit.

duz: Wieviele Studienplätze sollen über das neue Verfahren besetzt werden?

Teuscher: Im nächsten Wintersemester 2011/2012 könnten es bis zu 250.000 Studienplätze sein in allen lokal zulassungsbeschränkten Fächern wie Soziale Arbeit, Gesundheitswissenschaften, Betriebswirtschaftslehre, Architektur, künstlerische Fächer, Psychologie – um nur einige zu nennen. Also Fächer, die dezentral vergeben werden und bei denen Bewerber wegen des Numerus Clausus sich an mehreren Studienorten gleichzeitig bewerben, um ihre Chancen zu erhöhen.

duz: Ist jede Hochschule verpflichtet, an dem neuen Verfahren teilzunehmen?

Teuscher: Das wird in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich gehandhabt. Zum Beispiel steht es in Mecklenburg-Vorpommern und in Niedersachsen in der Zielvereinbarung. Es kommt in den nächsten Monaten darauf an, dass die Länder die Frage klären, wie sie mit ihren Hochschulen zum dialogorientierten Verfahren stehen. Das Bild ist noch uneinheitlich. Für die Stiftung für Hochschulzulassung wäre es wünschenswert, möglichst alle Hochschulen mit an Bord zu holen.

duz: Die Hochschulen streben nach Autonomie und suchen sich ihre Studenten gerne selber aus. Welche Vorteile bietet ihnen denn das neue bundesweite, quasi zentralisierte dialogorientierte Verfahren?

Teuscher: Erstens: die Hochschulen behalten weiter die Autonomie bei der Vergabe der Studienplätze, weil sie ja im ersten Schritt entscheiden, welche Bewerber überhaupt auf ihre Auswahlliste kommen. Dabei kann jede Hochschule ihre eigenen Vorstellungen, Zulassungsprozedere oder Noten realisieren. Zweitens: das Risiko bei Mehrfachbewerbungen, einen Studienplatz nicht besetzt zu bekommen, besteht dann nicht mehr. Es gibt eine frühzeitige Transparenz, keine Studienplatzrückgaben und keine langen Nachrückverfahren. Nur für kleine Hochschulen, die bislang ein sehr schnelles Zulassungsverfahren hatten, gibt es möglicherweise mit dem neuen Verfahren den Zeitvorteil nicht mehr.

duz: Das klingt so schön einfach: eine neue Computersoftware löst per Mausklick alle bisherigen Probleme der Studienplatzvergabe. Die Realität ist komplizierter, die Entwicklung der Software ein hochkomplexes Verfahren. Wo liegen die Schwierigkeiten?

Teuscher: Der Zeitplan war immer sehr sportlich, nehmen Sie ein Beispiel: Die Berücksichtigung von hochschulindividuellen Bewerberlisten und Quoten bei der Zulassung der Bewerber über alle Studienangebote eines Faches in allen 16 Bundesländern – das ist und bleibt ein Problem. Die Programmierer mussten sich erst in das Zulassungsprozedere hineinfinden. Es gibt 16 verschiedene Zulassungsverordnungen, die von den Hochschulen auch teilweise unterschiedlich gehandhabt werden.

duz: Wieviele Softwareentwickler arbeiten an dem 15-Millionen-Euro-Projekt?

Teuscher: Auf Auftragnehmerseite, also bei T-Systems, sind es derzeit um die 70 Leute. Hinzu kommen einige Leute bei der Hochschul Informations Service GmbH sowie auf Auftraggeberseite Experten, die bei der Stiftung für Hochschulzulassung das Projekt leiten und für das Bundesministerium für Bildung und Forschung ein Projektcontrolling durchführen.

duz: T-Systems ist die Firma, die vor einigen Jahren bei einem ähnlichen Projekt, der Einführung des Mautsystems von Toll-Col-lect, eine Pannenserie hingelegt hat. Könnte nun eine ähnliche Pleite passieren?

Teuscher: Nein. Das kann man von der Dimension gar nicht vergleichen. Wir arbeiten mit T-Systems ganz eng zusammen. Ich selbst bin im Lenkungsausschuss des Projekts. Wir haben die Schrittfolgen definiert, bis wann was programmiert wird. Es gibt wöchentliche Kontaktsitzungen und Projektinformationen. Am Projektanfang gab es Verzögerungen. Aber es ist sehr viel passiert, um den Zeitplan abzusichern. Wenn es keine weiteren Verzögerungen gibt – und ein Showstopper ist bisher nicht in Sicht –, bin ich verhalten optimistisch, dass am 1. April 2011 eine einwandfreie Software übergeben wird.

duz: Wird denn vorher mal ein Prototyp getestet?

Teuscher: Ein Testumfeld wurde schon an verschiedenen Standorten geschaffen. Seit Oktober werden Beta-Releases, also Vorabversionen der neuen Software, das neue Studienplatzvergabesystem, unter Stress gesetzt und getestet.

duz: Bekommen auch die Hochschulen eine Testversion?

Teuscher: Im Rahmen von Schulungsmaßnahmen bekommen auch die Hochschulen vorab Testmasken. Sieben ausgewählte Testhochschulen haben Ende November einen ersten Zugang zum Beta-Release erhalten. Überdies haben wir Anfang November die Website info.hochschulstart.de/blog freigeschaltet, auf der sich Hochschulen über das neue Verfahren informieren und zum Beispiel sogenannte Screenshots der Bearbeitungsmasken kennenlernen können.

duz: Bleibt noch eine Schwierigkeit: Der Bund finanziert die Entwicklung des dialogorientierten Verfahrens jetzt mit 15 Millionen Euro. Aber ist die Weiterfinanzierung gesichert?

Teuscher: Über die Weiterfinanzierung gibt es noch unterschiedliche Ansichten. Ursprünglich hatten die Hochschulen ihre Bereitschaft zum Beitritt zu diesem Verfahren signalisiert vor dem Hintergrund, dass es kostenlos für sie sein soll. Die Länder hatten zu diesem Zeitpunkt aber schon einen Staatsvertrag mit der Vereinbarung geschlossen, dass das dialogorientierte Verfahren auf Kosten der Hochschulen durchgeführt wird. Jetzt gibt es ein Ringen, was die Sprachregelung der Zukunft sein kann.

duz: Welche Kosten könnten auf eine Hochschule dann zukommen?

Teuscher: Derzeit werden Kosten diskutiert, die als Kostensatz pro vermittelten Studienplatz anfallen würden. Es wäre also eine erfolgsorientierte Kalkulation. Aber das Verfahren ist noch nicht vollständig durchkalkuliert, deshalb möchte ich jetzt keinen konkreten Wert nennen. Aber es ist klar, es muss für die Hochschulen – vor allem auch für die kleinen – finanzierbar sein.

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