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Forscher auf dem Vormarsch

Kugelspiel

Quelle: freeimages.com, Standardup

In Deutschland mangelt es an Absolventen aus den Naturwissenschaften. Viele von ihnen wandern nach ihrem Studium in Länder ab, die ihnen bessere Karrierechancen bieten. Doch auch deutsche Unternehmen schätzen die Qualitäten und das methodische Know-how der Naturwissenschaftler und Ingenieure - und gehen verstärkt auf die Suche nach ihnen.

Lange Zeit tat sich Deutschland schwer mit seinen Forschern. Festgefahrene Strukturen an den Unis machten eine Karriere als Forscher schwer. Deshalb suchten sie ihr Heil oft in der Flucht nach Großbritannien oder in die USA, Länder, in denen sie bessere Karrierechancen vorfanden. Der Wirtschaft galten Naturwissenschaftler als zu detailverliebt und zu eigensinnig, als dass man ihnen attraktive Positionen hätte anbieten wollen. Die Folgen: Schätzungen besagen, dass heute etwa 12 bis 14 Prozent der in Deutschland promovierenden Wissenschaftler in die USA gehen. Ein Drittel bleibt dauerhaft dort. Viele weitere wandern nach Großbritannien oder Skandinavien aus.
 
 Schon die rot-grüne Bundesregierung mit Bildungsministerin Edelgard Bulmahn erkannte, dass aus Deutschland langfristig wertvolles Wissen verloren geht und proklamierte die Aktion "brain gain statt brain drain". Viel Geld wurde seitdem investiert, um Deutschland wieder zu einem attraktiven Forschungsstandort zu machen. 

Naturwissenschaften in der Stagnation

Das allgemeine Interesse an Naturwissenschaften lässt nach wie vor zu wünschen übrig. Eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vom September 2005 zeigt, dass der Anteil an Absolventen naturwissenschaftlicher Fächer in Deutschland stagniert. Nur 7 von 1.000 jungen Menschen erwerben hier einen natur- oder ingenieurwissenschaftlichen Abschluss. Zum Vergleich: In den USA sind es 9, in Japan 10, in Schweden 12, in Frankreich 16 und in Australien, Finnland und Großbritannien sogar 17. Die Tendenz ist in all diesen Ländern steigend.
 
 Das statistische Bundesamt teilte jüngst zum Weltfrauentag mit, dass junge Frauen auch im Studienjahr 2005 kein gesteigertes Interesse an Naturwissenschaften zeigten. Der Anteil an Neueinschreibungen von Frauen in naturwissenschaftlichen Fächern liegt, wie im Jahr zuvor auch schon, bei 40 Prozent. In den Sprach- und Kulturwissenschaften seien es hingegen über 70 Prozent. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung schätzt zwar, dass die Zahl in Deutschland bis zum Jahr 2010 auf 10 steigen wird, doch stellt es fest: "Die Lücke zu den führenden Nationen wird damit aber nur unwesentlich kleiner – wenn überhaupt. Dies ist für den Innovationsstandort Deutschland schädlich." 

Perfektionismus, den der Kunde schätzt

Inzwischen erleben die Naturwissenschaften zumindest in einigen Teilen der Wirtschaft eine vorher nicht geahnte Renaissance. Was bei Managern und Personalverantwortlichen, die selber meist aus den Wirtschaftswissenschaften kommen, zuvor als detailvernarrt galt, verehren sie nun als passgenauen Perfektionismus, den nicht zuletzt auch der Kunde schätzt. Denn die Wissensgesellschaft, die von den Errungenschaften aus Forschung und Technik immer abhängiger wird, um sich im globalen Wettbewerb zu behaupten, dürstet nach Mitarbeitern mit sehr genauen Fachkenntnissen.
 
Vor allem Unternehmensberatungen, die zunehmend auch technische Beratungsdienstleistungen anbieten, öffnen nun ihre Türen für Ingenieure und Naturwissenschaftler, die ihr Know-how in die Beratung einbringen sollen. Die Londoner Kanzlei Lovells hat schon vor neun Jahren eine "Science Unit" gebildet, in der Biologen, Genetiker und Chemiker externen Experten bei Recherchen helfen. Das sind Alternativen für all die Biologen, Physiker, Mathematiker und anderen Naturwissenschaftler, die die Forschung in Richtung Wirtschaft verlassen wollen. Sie haben nun die Wahl.

Boris Adryan (29) entschied sich für die Forschung. Er hat nach seinem Studium der Biologie in Mainz seine Diplomarbeit an der Medical University of South Carolina, USA, gemacht. Für seine Doktorarbeit kam er wieder nach Deutschland zurück, an das Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen. Nach seinem ersten Post-Doc an der University of Cambridge, England, arbeitet er zurzeit an seinem zweiten Post-Doc am MRC Laboratory of Molecular Biology, ebenfalls in Cambridge. Und in der Forschung möchte Adryan auch bleiben. "In der Wirtschaft lacht das Geld. In der Forschung bin ich freier", meint Adryan. Um die Finanzierung seines Post-Docs musste er sich allerdings selber kümmern. Er stellte einen Forschungsantrag bei der European Molecular Biology Organization (EMBO), um in ein Fellowship-Programm aufgenommen zu werden: "So einen Forschungsantrag zu verfassen ist nicht leicht, die Konkurrenz ist groß und bis zu einem Bescheid kann viel Zeit vergehen", so Adryan.
 
Dennoch lohnte sich die Mühe für ihn, da sein Interesse für die Forschung schon immer groß war. Neben der Entwicklungsbiologie gehört auch die Bioinformatik zu seinen Schwerpunkten. Adryan forschte viel am Genom der Fruchtfliege Drosophila, eine wahrhaft handwerkliche Arbeit. Adryan: "Eine Genomsequenz sind Millionen von Buchstaben, aus denen ich einen Sinn ableiten muss." Dazu entwirft er auch Datenbanken, die öffentlich verfügbar sind, damit auch Nicht-Biologen seine Ergebnisse einsehen können. Als Lohn für seine Mühen hatte er schon Veröffentlichungen über sein Thema in verschiedenen Wissenschaftszeitschriften. 

Die eigene Nische finden

Natürlich weiß Adryan, dass die Umstände der Arbeit in der Forschung oft schwierig sind und der Weg in den erfolgreichen Berufseinstieg lange ist: "In Deutschland dauert es Jahre, bis man als Forscher an der Universität zu einem Job kommt. Auch hier in England sind zwei bis drei Post-Docs normal. Daher plane ich nach diesem hier noch einen dritten Post-Doc", so Adryan. Am liebsten möchte Adryan an einem privaten Forschungs-Institut arbeiten, da dort die Finanzierung und damit auch die Forschungsbedingungen besser seien als an staatlichen Instituten. Sein Traum wäre es, eine Gruppe von Forschern eigenständig zu leiten.
 
Einen Einstieg in der Wirtschaft kann sich Adryan im Moment nicht vorstellen: "Ich will nicht, dass ich an etwas, an dem ich forsche und das mich interessiert, nicht mehr weiterforschen darf, weil das Thema plötzlich nicht mehr als profitabel angesehen wird." Doch Adryan ist sich sicher: "Wer in der Wissenschaft erfolgreich ist, der schafft es auch in der Wirtschaft. Naturwissenschaftler lernen sehr früh, systematisch zu arbeiten. Und der extreme Zeiteinsatz, zum Beispiel Wochenendarbeit, ist bei uns ganz normal." Für Adryan heißt es jetzt, sich ein wissenschaftliches Thema zu erobern, auf dem er sich als Experte profilieren kann: "Ich suche sozusagen nach meiner Nische. Und die werde ich auch finden!"

Roland Schneider (31) wechselte von der Forschung in die Wirtschaft. Schon während seines Physik-Studiums in München, Edinburgh in Schottland und am CERN (Europäische Organisation für Kernforschung) in der Nähe von Genf hat er bei Siemens als Werkstudent gejobbt – und die Welt der freien Wirtschaft schon früh kennen gelernt. Für seine Promotion wählte er ein Thema aus der theoretischen Elementarteilchenphysik und konnte sich schon mit 27 Jahren Doktor der Physik nennen. Nach seiner Doktorarbeit wusste er, wie der Wissenschaftsbetrieb in Deutschland funktioniert: "Ich hatte ein Spezialgebiet bearbeitet, in dem der Kampf um feste Stellen hart ist.
 
Das Nomadenleben der Wissenschaftler ist sehr ausgeprägt, da man weltweit meist nur Stellen von zwei Jahren Dauer bekommt. Das passte nicht mit meiner Lebensplanung zusammen", so Schneider. Ein Angebot für eine Post-Doc-Stelle in Berkeley, USA, schlug er deshalb aus. Statt dessen stieg er ohne jegliche Vorkenntnisse als technischer SAP-Berater im Münchner IT-Systemhaus msg systems ein. "Der Einstieg war für mich durchaus machbar. Denn die technische Beratung ist natürlich weniger komplex als die Elementarteilchenphysik." Außerdem halfen ihm seine Soft Skills: "Mit dem Wort Physiker verbindet sich ja der Nimbus eines logischen und analytischen Denkers. In meinem neuen Job ging es primär darum, Probleme zu strukturieren, Daten auszuwerten und sich eben Schritt für Schritt durchzubeißen. Das kann ein Naturwissenschaftler." 

Der Wechsel hat sich gelohnt

Nach zweieinhalb Jahren wechselte Schneider in die Zweigstelle seines Unternehmens bei New York. Die bis dato noch kleine Dependance dort sollte ausgebaut werden. Schneider übernahm den "Technical Implementation Lead" und arbeitet seitdem am Ausbau der Zweigstelle mit. Schneider ist zufrieden: "Für mich hat sich der Wechsel in die Wirtschaft auf jeden Fall gelohnt." Seine fehlenden Fachkenntnisse konnte er sich im Job aneignen. Doch rät er Naturwissenschaftlern mit Ambitionen in der Wirtschaft, schon frühzeitig Praktika in der Wirtschaft zu machen und vor allem auch, ihre Soft-Skills zu schulen: "In meinem Beruf muss ich mich gut darstellen können und solide Präsentationen abliefern. Beides ist für den Beruf eines Beraters sehr wichtig."  

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