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Schreiben Sie nach Feierabend bitte (fast) keine Mails

Mailbox, E-Mail, Postfach, Post [Quelle: unsplash.com, Autor: Samuel Zeller]

Quelle: unsplash.com, Samuel Zeller

Eine klare Grenze zwischen Arbeit und Privatem ist meist besser, sagt die Expertin. Warum auch Chefs pünktlich heimgehen sollten – und Eltern besonders gut abschalten.

Frau Wepfer, Sie sagen: Wer Arbeit und Freizeit nicht klar trennt, gefährdet sein Wohlbefinden. Warum?

Der Mensch braucht klare Zeiten zum Abschalten. Zeiten, in denen wir uns von der Arbeit lösen und uns bewusst mit anderen Dingen befassen. So erholen wir uns. Wenn wir aber nie abschalten, können wir irgendwann nichts mehr leisten. Und wir können besser abschalten, wenn wir dabei nicht unterbrochen werden.

Wie haben Sie das untersucht?

Wir haben knapp 2.000 Angestellte in Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt. Dabei wollten wir wissen: Wie unterscheidet sich das Wohlbefinden von Menschen, die klar trennen, von jenen, die eine fließende Grenze zwischen Arbeit und Privatleben praktizieren? Das Ergebnis unserer Untersuchung war: Jene Menschen, die öfter mal am Wochenende arbeiten, die Arbeit mit nach Hause nehmen – egal ob gedanklich oder physisch –, berichten über eine höhere Erschöpfung als Leute, die klare Grenzen ziehen. Befragte, welche die Grenze fließend gestalten, hatten außerdem eher das Gefühl, dass sie die Anforderungen von Arbeit und Privatleben nicht unter einen Hut bekommen.

Der Gedanke, ach, wenn ich für meinen Job brenne, dann macht mir das gar nichts aus, wenn ständig abends mein Handy pingt, ist falsch.

Ariane Wepfer, Psychologin

Macht es nicht auch einen Unterscheid, wie gern jemand seinen Job macht?

Man kann nicht sagen, dass Leute, denen die Arbeit besonders wichtig ist, von diesem Erschöpfungsprozess weniger betroffen wären, als jene, die sich weniger über ihren Job definieren. Der Gedanke, ach, wenn ich für meinen Job brenne, dann macht mir das gar nichts aus, wenn ständig abends mein Handy pingt, ist falsch. Über die Zeit wirkt es sich bei allen auf die Gesundheit aus.

Über ständige Erreichbarkeit wurde auch vor Kurzem diskutiert, als der Porsche-Betriebsrat forderte, alle nach 19 Uhr eingehenden Mails automatisch zu löschen. Warum ist es schädlich, nach Feierabend noch E-Mails zu lesen?

Das große Problem ist, wenn man das reaktiv macht – also immer wieder auf einen neuen Reiz reagiert: Man kriegt eine Mail, man kümmert sich sofort darum. Eine Stunde später bekommt man wieder eine Mail, man lässt sich wieder davon ablenken, was man gerade tut. Wenn man sich dagegen sehr gezielt nach Feierabend noch einmal hinsetzt und sagt: Ich hab morgen einen wichtigen Termin, also bereite ich mich zwischen acht und neun Uhr auf den vor – das ist ok. Ständig aufs Handy zu schielen, ist aber nicht gesund. Übrigens wirkt sich das auch negativ auf andere aus: Menschen, deren Partner dazu neigt, zu Hause oft noch auf Mails zu reagieren und zu arbeiten, haben auch selbst mehr Mühe abzuschalten.

Welche gesundheitlichen Gefahren drohen, wenn wir nicht abschalten können?

Erst mal sind wir gestresst. Und Stress kann ganz unterschiedliche negative Folgen haben: Schlafstörungen etwa, oder Verspannungen und Rückenschmerzen, Magenbeschwerden, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch psychische Erkrankungen wie Burnout.

Ist die Grenze zwischen Job und Privatleben eigentlich in beide Richtungen durchlässig? Also legen Menschen, die regelmäßig Arbeit mit nach Hause nehmen, dafür auch öfter mal einen Friseurtermin in die Mitte ihres Arbeitstages?

Natürlich gibt es beide Richtungen. Es gibt aber keine Hinweise darauf, dass Leute dies in beide Richtungen gleich stark tun. Bei einigen wird es sich ausgleichen, bei anderen läuft es mehr in die eine oder andere Richtung. Forschungsergebnisse zeigen aber, dass die Arbeit eher ins Privatleben hineinwuchert als umgekehrt.

Fiel das Abschalten früher ohne Smartphones leichter?

Ich vermute es, aber mit letzter Sicherheit weiß ich es nicht: Es gibt dazu meines Wissens keine Langzeitstudien. Aber das Phänomen der entgrenzen Arbeit ist relativ neu. Nicht nur, weil wir heute mit Smartphones und Laptops neue technische Möglichkeiten haben. Es gibt auch viel mehr wissensbasierte Berufe. Diese Jobs sind geradezu prädestiniert dazu, zu entgrenzen. In der Pflege oder als Handwerker können Sie ja nicht zu Hause einfach weiterarbeiten. Allerdings höre ich auch von Beschäftigten in der Pflege, dass sie administrative Aufgaben mit nach Hause nehmen: weil so sehr am Personal gespart wird, dass ihre Arbeitstage extrem verdichtet sind und sie vorher nicht dazu kommen.

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